Interview

„Schwimmen macht mir keinen Spaß“

Freiwasser-Spezialist Thomas Lurz kann heute zum elften Mal Weltmeister werden. Ein Gespräch über eingefrorene Hände und Einsamkeit

Die meisten Menschen legen 3000 Kilometer im Jahr nicht einmal zu Fuß zurück. Für Thomas Lurz (33) ist das ein Klacks. Er schwimmt die Strecke sogar. 3000 Kilometer waren wohlgemerkt nur eine Ausnahme in diesem nacholympischen Jahr; ansonsten packt der Würzburger noch ein paar drauf. Bei den Spielen in London hatte er als einziger deutscher Schwimmer eine Medaille gewonnen – Silber über zehn Kilometer. Heute wird sich der Freiwasserschwimmer bei den Weltmeisterschaften in Barcelona fünf Kilometer lang durch den Hafen kämpfen, am Montag dann doppelt so lange. Vor dem Start sprach Melanie Hack mit dem Rekord-Weltmeister.

Berliner Morgenpost:

Herr Lurz, Sie haben doch bereits zehn WM-Titel. Worin liegt noch der Reiz in der Titeljagd?

Thomas Lurz:

Es ist insgesamt meine zwölfte Weltmeisterschaft, glaube ich. Und eine WM ist immer etwas Besonderes. An Olympische Spiele kommt sie zwar nicht heran, aber solange ich noch schwimme, mache ich das ordentlich und habe meine Ziele. Ich hatte nie Probleme, mich zu plagen. Aber die Motivation und Anspannung, das muss ich zugeben, ist nicht zu vergleichen mit der Situation vor London.

Sie springen aber schon ins Hafenbecken, um den elften Titel herauszufischen, oder?

Natürlich. Immer, wenn ich an den Start gehe, will ich das Rennen gewinnen. Eine Medaille wäre aber auch okay.

Denken Sie das auch über das Olympiasilber aus London?

Ich freue mich über Silber, weil ich mir nichts vorwerfen kann. Ich hätte in der Vorbereitung nichts großartig anders machen können. Ich muss sportlich fair bleiben – Mellouli war einfach einen Tick besser. Da kann ich zufrieden sein.

Wirklich überzeugt klingen Sie nicht.

Mir fehlt in meiner Sammlung eben gerade Olympiagold. Und ich hätte es natürlich gern gewonnen. Aber an jenem Tag in London war nicht mehr drin. Hätte ich einen Fehler gemacht, würde ich mich ärgern. Das war 2008 in Peking der Fall, aber nicht in London.

Versuchen Sie es 2016 in Rio erneut? Dort haben Sie wenigstens wirkliche Freiwasser-Bedingungen. Das dürfte Ihnen liegen.

Stimmt, die Bedingungen kommen mir in Rio definitiv entgegen. Aber mein Plan geht noch nicht bis 2016. Ich plane erst mal bis 2014 und entscheide dann – je nachdem, wie die Rennen bis dahin gelaufen sind und was die berufliche Zukunft hergibt. In Rio wäre ich schließlich 36 Jahre alt – das ist im Schwimmen alt.

Da Sie schon so lange bei diesem Sport dabei sind, kann es nur eine Schlussfolgerung geben: Sie mögen es, sich zu quälen, oder?

(lacht) Spaß macht es zu gewinnen – das Training dafür bringt keinen Spaß. Schwimmen ist eine schöne Sportart – aber nicht auf diesem Niveau und bei diesen Strecken, die ich mache. Ich kann Schwimmen als Breitensport nur jedem empfehlen…

Dabei dachte ich immer, dass Sportler, die etwas Extremes machen, das vor allem aus Leidenschaft tun.

Schwimmen an sich ist für mich keine Leidenschaft und bringt mir nicht unbedingt Spaß. Ich habe irgendwann mit dem Sport angefangen, habe so mittelmäßig Talent dafür, tendenziell eher weniger, habe aber einen anderen Vorteil: Ich habe kein Problem damit, 365 Tage im Jahr täglich sehr hart und lange für ein Ziel zu trainieren.

Da haben Sie sich mit Freiwasserschwimmen ja die richtige Sportart ausgesucht. Da können Sie so richtig schön leiden, oder?

Freiwasserschwimmen war schon immer genau das Richtige für mich. Auch das Rennen selbst ist hart, du gehst durch viele Höhen und Tiefen, darfst nie aufgeben, musst bis zum Ende gegen dich selbst, die Gegner, die Wellen und die Wassertemperaturen kämpfen.

Sie bolzen im Training Kilometer um Kilometer. Wie ertragen Sie diese Einsamkeit?

Wenn ich einsam meine Bahnen ziehe, denke ich an mein großes Ziel am Tag X. Ich weiß dann ganz genau, wenn ich in diesem Moment im Training nicht alles gebe, habe ich später keine Chance. Es ist das Ziel, das mich antreibt.

Zählen Sie manchmal auch Kacheln?

Ich hatte glücklicherweise schon immer eine gute Trainingsgruppe – das schränkt die Einsamkeit extrem ein, weil ich auch im Training immer eine Art Wettkampf habe. Ich denke gar nicht über etwas anderes nach als meine Ziele. Ich bin immer damit beschäftigt, schneller als mein Trainingspartner zu sein, denke an die Zeit oder die nächste Serie.

Ist es also gar nicht einsam?

Nein, ich empfinde diese langen Trainingseinheiten oder die Wettkämpfe wirklich nicht als einsam.

Welches war Ihr härtestes Rennen?

Das war ein Weltcup in Setubal in Portugal, weil das Wasser dort mit 16 Grad sehr kalt war. Das Blöde ist, dass es bei einer Strecke von zehn Kilometern in diesem kalten Wasser fast egal ist, was du trainiert hast. Es gewinnt, wer am besten mit den Temperaturen klar kommt, wer die größte Substanz hat.

Was macht die Kälte im Wasser mit Ihnen? Frieren Sie ein?

Ich habe kein Gefühl mehr in den Händen, kann meine Technik nicht mehr schwimmen, bin quasi festgefroren und zittere am ganzen Körper. Ich hatte in Portugal auch schon mal Wasser in der Lunge. Das ist grenzwertig.

Es heißt ja, Leiden bildet den Charakter.

Der Spruch ist nicht verkehrt. Wenn du an deine persönlichen Grenzen stößt, bist du anfälliger. Aber du darfst nicht aufgeben, denn gibst du einmal auf, gibst du nächstes Mal wieder auf. Auf die Zähne beißen, sich durchsetzen, gegen sich selbst gewinnen – das ist Charaktersache. Je häufiger ich an meine Grenzen komme oder sie überschreite, desto besser kann ich in der Zukunft damit umgehen. Zu leiden und Schmerz zu ertragen, wird einfacher. Ich habe das von klein auf gelernt – das ist das Schöne am Leistungssport. Im Wasser hilft dir keiner, du musst dich selbst beweisen, egal, wer du bist und woher zu kommst.