Personalien

Das verflixte siebte Jahr

Union-Trainer Uwe Neuhaus kämpft in der Saison 2013/14 nicht nur um den Aufstieg, sondern auch um einen neuen Vertrag beim Zweitligisten

Die Szene entbehrte nicht einer gewissen Komik. Kurz nach Ende der ersten Pressekonferenz in den Räumlichkeiten der neuen Haupttribüne gestern am frühen Nachmittag war der Moment gekommen, da Uwe Neuhaus einer Radioreporterin Rede und Antwort stehen sollte. Es sollte offenbar ein Interview auf Augenhöhe werden, weshalb die Journalistin sich vor den Trainer des 1. FC Union kniete, der vor ihr auf einem Stuhl saß. Als der 53-Jährige das Interesse der Fotografen für diese Szenerie bemerkte, sprang er sogleich auf und verschwand mit seinem Gegenüber vor die Tür. Es sollte demnach auch ein ungestörtes Interview werden.

Die Begebenheit zeigte, unter welcher Beobachtung Neuhaus in dieser Zweitliga-Saison stehen wird. Nie haben die Personalentscheidungen des Trainers höhere Erwartungen befeuert als in diesem Sommer. Nie war der Geschmack, Union könnte der Aufstieg in die Bundesliga tatsächlich gelingen, intensiver. Selten war die Herausforderung für einen Union-Trainer, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, größer. Keine Frage, die Spielzeit 2013/14 ist für Neuhaus eine ganz besondere. Seit 2007 leitet er die sportlichen Geschicke bei den Köpenickern. Nun geht er bei Union in sein verflixtes siebtes Jahr.

Die Ehe zwischen dem Ruhrpott-Menschen Neuhaus und dem Traditionsklub aus Köpenick war bislang eine einzige Erfolgsgeschichte. Qualifikation für die Dritte Liga, ein Jahr später Aufstieg in Liga zwei, es folgten der Klassenerhalt mit Platz zwölf sowie die Ränge elf, sieben und sieben. Dass nach der wohl problemlosesten Vorbereitung der jüngeren Klubgeschichte, inklusive sechs Siegen in sieben Testspielen, die Euphorie gewachsen ist, hat den Coach im Umgang mit den Medien noch einmal vorsichtiger werden lassen, als er in den vergangenen Jahren ohnehin schon war. Inzwischen empfindet er es als „Unverschämtheit, uns bei jeder Gelegenheit das Wort Aufstieg unterzujubeln“, wie er in der Süddeutschen Zeitung wissen ließ. Zum Saisonziel sagt er nur: „Wir wollen das erste Spiel gegen Bochum gewinnen.“ Das findet Sonntag um 15.30 Uhr in der Alten Försterei statt.

Hauptmann von Köpenick

Längst vorbei sind die Zeiten, da er sich als Hauptmann von Köpenick im Stadion fotografieren ließ – natürlich in entsprechender Uniform mit weißen Handschuhen und Degen an der Seite. Je höher Neuhaus die Erfolgsleiter mit Union hinaufgeklettert ist, je höher auch das öffentliche Interesse am Trainer wurde, desto mehr stürzte er sich in seine Arbeit. Die Maxime lautet: Bloß keinen Fehler machen, bloß keine Angriffsfläche bieten. Und am liebsten nach dem Training unerkannt in der Anonymität Berlins verschwinden.

Doch es gibt auch den anderen Uwe Neuhaus. Den, der unumwunden erzählt, dass er natürlich gern einmal Cheftrainer in der Bundesliga sein möchte, „am liebsten mit Union“. Wer ihn in den vergangenen fünf Wochen während der Vorbereitung erlebt hat, sah einen Trainer, der genau jene Attribute erfüllte, die er bei seiner Vorstellung als neuer Union-Coach im April 2007 als ihn charakterisierend nannte: erfolgsbesessen und sehr kommunikativ den Spielern gegenüber.

Dass man allein mit Reden keine Spiele gewinnt, geschweige denn Aufstiege meistert, weiß Neuhaus natürlich. Doch die Kommunikation könnte gerade in dieser Saison der Schlüssel zum Erfolg werden. Denn erstmals ist der Kader auf nahezu jeder Position doppelt gut besetzt. Da gilt es, jene Spieler, die nicht zum Zuge kommen, bei Laune zu halten. „Da gehört natürlich ein Stück Erfahrung zu. Wenn das mein erstes Trainerjahr wäre – da kann man eine Menge Fehler machen. Und trotzdem kann man nicht alles verhindern. Das hängt auch vom Charakter der einzelnen Spieler ab“, erzählte Neuhaus.

Charakter des Teams stimmt

Der Charakter des aktuellen Union-Jahrgangs scheint jedenfalls zu stimmen. „Ich glaube, dass die Mannschaft ganz gut damit umgeht, dass jeder weiß, dass Konkurrenzkampf herrscht, der im Moment auch noch leistungsfördernd ist“, erklärte Neuhaus: „Ich bin mal gespannt, wie lange. Das ist ja immer der schmale Grat, wenn man gleichwertige Spieler hat, die sich dann auch über einen längeren Zeitraum hinten anstellen. Und trotzdem ihren Level halten müssen, um dann da zu sein, wenn man gebraucht wird. Das zeichnet auch immer die Mannschaften aus, die erfolgreich sind.“

Man darf gespannt sein, wie ruhig es in Köpenick bleiben wird, sollte der Erfolg ausbleiben. Sollte nach einem ähnlichen Fehlstart wie vor einem Jahr mit nur einem Punkt aus fünf Spielen der Aufstiegstraum zunächst in weite Ferne rücken. Denn dass Union aufsteigen will, bevorzugt schon im nächsten Jahr, lässt sich aus den (Nicht-)Aussagen der Verantwortlichen klar ablesen. Das letzte Mal, als der Klub vor dem ersten Anpfiff kein Saisonziel ausgegeben hatte, war 2008 vor dem Drittliga-Start. Am Ende stand der Aufstieg in die Zweite Liga.