Gedenken

Der deutsche Fußball trauert um Bert Trautmann

Sein Genickbruch erhob den Torhüter einst zur Legende

Der 5. Mai 1956 änderte alles im Leben des Bernhard Carl Trautmann, den alle nur Bert riefen. Im FA-Cup-Finale prallte der deutsche Torhüter von Manchester City fürchterlich mit Birminghams Stürmer Peter Murphy zusammen. Sein Genick brach, „wie ein Flugzeugzusammenstoß“ habe sich das angefühlt, berichtete Trautmann später. Dennoch spielte er weiter, der Bewusstlosigkeit nahe. Er führte sein Team mit Glanzparaden zum Sieg – und wurde auf der Insel zur Legende. Am Freitag starb Bert Trautmann im Alter von 89 Jahren in seiner spanischen Wahlheimat in Almenara Playa.

„Bert Trautmann war ein großartiger Sportler und wahrer Gentleman. Er kam als Soldat und damit als Kriegsgegner nach England und wurde auf der Insel ein umjubelter Held. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seine außergewöhnliche Karriere wird für immer in den Geschichtsbüchern bleiben“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, nachdem Trautmanns Frau Marlies den Fußball-Verband über den Tod ihres Mannes unterrichtet hatte.

Trautmann hatte sich vor vielen Jahren in die Nähe von Valencia zurückgezogen, „weil die Sonne den Knochen gut tut“, wie er einmal sagte. Seine Geschichte erzählte Trautmann in den vergangenen Jahren nur noch ungerne, weil er sie schon zu häufig zum Besten gegeben hatte. „Meine Güte, habe ich da immer gedacht: Das bleibt nun von 15 Jahren und über 600 Spielen, eine Szene“, sagte er dann.

In England ein Superstar

Wembleystadion, 5. Mai 1956, FA-Cup-Finale, ManCity gegen Birmingham, 3:1. Eine Flanke in den Fünfmeterraum, Trautmann stürmt waghalsig aus seinem Tor und wird mit voller Wucht von Murphys Knie getroffen. Der Keeper schwankt, taumelt, stolpert rückwärts, fasst sich an den Hals. Ein Krawattenträger im Trenchcoat muss den baumlangen Kerl aus Bremen stützen. Jahrzehntelang strahlt die BBC diese Bilder vor jedem FA-Cup-Endspiel aus. Ob er Schmerzen spürte? „Und wie“, sagt Trautmann: „Aber ich war nicht mehr bei Bewusstsein, habe die Spieler nur noch schemenhaft wahrgenommen.“

„Traut the Kraut“, wie ihn die Presse auf der Insel taufte, musste sie immer wieder erzählen, jene unglaubliche Story, die ihn in England zum Superstar machte. Trautmann war 545-mal für ManCity aufgelaufen, 2007 wählten ihn die Fans zum besten Spieler der City-Geschichte. Denn Bert Trautmann spielte an jenem 5. Mai 1956 weiter, Auswechslungen gab es nicht. Er zeigt noch mehrere spektakuläre Paraden, „drei, vier Mal“ bricht er zusammen. Als ein Stürmer alleine auf ihn zuläuft, wirft er sich vor dessen Füße, und zwei Spieler knallen auf seinen Oberkörper. Aber als die Queen ihm später gratuliert und Prinz Philip sich nach dem Befinden erkundigt, sagt er mit seiner norddeutschen Gelassenheit: „Ich habe einen steifen Hals.“

Rund 50 Jahre später steht er bei einem Staatsempfang wieder vor der Königin, doch diese erkennt ihn nicht. „I’m the player who broke his neck“, sagt Trautmann, und Elizabeth II. antwortet: „Yes, now I know.“ So ging es ihm immer. Und doch vermisste er England. Wohin es ihn als Fallschirmjäger ins Kriegsgefangenencamp 180 in Cheshire verschlagen hatte, „von einer Zentnerlast befreit, weil ich dort nicht mehr getötet werden konnte“. Er machte Karriere, wurde von City entdeckt, aber nach seiner Verpflichtung liefen die Fans Sturm. „40.000 gingen damals auf die Straße“, sagte er, er wurde von der Tribüne aus bespuckt, der Rabbi von Manchester musste zur Mäßigung aufrufen. Heute ist eine Stiftung nach ihm benannt – sie soll Engländer und Deutsche zusammenbringen. Trautmann selbst wurde 2004 Officer of the Order of the British Empire, ehrenhalber. Trautmann ist zudem neben Jürgen Klinsmann der einzige Deutsche, der Englands „Fußballer des Jahres“ (1956) wurde.