Motorsport

Die Formel 1 sucht verzweifelt nach dem neuen Paten

Bei Anklage gegen Ecclestone droht ein Machtvakuum

Vermutlich war die Meldung, mit der das Investmentunternehmen CVC seinen prominentesten Angestellten bedachte, gar nicht mal böse gemeint. „Der Vorstand wird die Entwicklung der Situation weiterhin entsprechend beobachten“, hieß es am Mittwochabend aus England, wenige Stunden, nachdem die Anklage gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone wegen angeblicher Bestechung des ehemaligen Bayern-LB-Risikovorstandes Gerhard Gribkowsky mit 44 Millionen Dollar publik geworden war. Ein Treueschwur klingt anders.

Königsklasse am Scheidepunkt

Die CVC ist seit der Übernahme der Rennserie vor sieben Jahren der Mehrheitseigner der Königsklasse des Motorsports. Ecclestone hält fünf Prozent der Anteile direkt, weitere 8,5 Prozent über seine Familienholding Bambino. Die CVC ist Vertragspartner von Teams, Sponsoren und Rennstrecken. Auch Jean Todt, der Präsident des Automobil-Weltverbandes Fia, gehört zum Vorstand, der nun über Ecclestones künftige Rolle entscheiden muss. Wie fast alle Protagonisten der Formel 1 hielt sich der Franzose bedeckt. Die Anklage gegen den einstigen Reifenhändler aus Ipswich führt die Formel 1 an einen Scheidepunkt. Spätestens eine Verurteilung würde ihn untragbar machen. Die Frage ist: Wie kann es ohne Bernie Ecclestone überhaupt weitergehen in der Formel 1?

Einigkeit herrscht eigentlich nur in einem Punkt: Es gibt niemanden, der ihn unmittelbar ersetzen kann. Über Jahrzehnte hinweg hat er ein kompliziertes Geflecht aus Tochterfirmen aufgebaut und gegenseitige Abhängigkeiten geschaffen. Ein Unternehmenszweig ist zuständig für die Verträge mit den Rennstrecken, ein anderer für die TV-Stationen, ein weiterer für die juristische Anbindung an die Fia, der nächste für das Catering an der Strecke. Allein im vergangenen Jahr setzte die Formel 1 rund drei Milliarden Euro um. Der Erfolg vernebelte jeden Gedanken daran, wer eines Tages der Nachfolger des allmächtigen Geschäftsmannes werden könnte.

Es drohen bis zu zehn Jahre Haft

„Vielleicht höre ich auf, wenn ich 100 Jahre alt bin“, pflegte Ecclestone zu sagen, wenn er nach einem Rückzug aus der Formel 1 gefragt wurde. Dass eine Verurteilung seinen Plan bereits 18 Jahre vor dem runden Geburtstag zunichte machen könnte, lag bislang außerhalb seiner Vorstellungskraft. Laut Strafgesetzbuch drohen ihm wegen Bestechung im besonders schweren Fall bis zu zehn Jahre Haft.

Der Name von Justin King fällt immer wieder, wenn es um potenzielle Erben geht. Allerdings verfügt King, der sich als Geschäftsführer der Supermarkt-Kette Sainsbury‘s Meriten verdiente, über keinen nennenswerten Stallgeruch im Motorsport, lediglich sein Sohn Jordan ist in Nachwuchsserien aktiv. Gleiches gilt für Donald Mackenzie, der als CVC-Chef zumindest auf dem Papier eine Art logischer Ecclestone-Nachfolger wäre und den Nestle-Manager Peter Brabeck-Letmathe, der als Vorsitzender der geplanten Formel-1-AG vorgesehen war.

Ob die in zahlreiche Interessengruppen zersplitterten Formel-1-Rennställe, von denen nicht wenige untereinander verfeindet sind, bereit wären, deren Anweisungen zu folgen, scheint jedoch mehr als fraglich. Die Furcht vor Ecclestones nicht immer sauberen Manövern hielt sie auf Linie. Mit dem Briten würde die Formel 1 auch ihr verbindendes Element verlieren. Der Zeitpunkt könnte ungünstiger kaum sein. Es droht ein Machtvakuum zur Unzeit.

Die Rennserie steht vor den wichtigsten Entscheidungen der vergangenen Jahre. Für den Herbst war der Börsengang vorgesehen, der weitere Milliarden in die Kassen spülen sollte. Er sollte Ecclestones Vermächtnis zementieren und zugleich frisches Geld in die Serie pumpen, die unter den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise leidet. Auch die Kassen der meisten Teams sind leer.