Tour de France

Zwischen Himmel und Hölle

Zum ersten Mal in der Tour-Geschichte müssen die Fahrer zweimal Alpe d’Huez passieren. Abfahrt sorgt für Angst im Feld

Zunächst bemerkte Fausto Coppi seinen Fauxpas gar nicht. Er trat einfach weiter vehement in die Pedalen, der Sieg schien ja greifbar nahe. Es war 1952, und die Tour de France gastierte zum ersten Mal in ihrer Geschichte in Alpe d’Huez. Forsch hatte Coppi seinen Mitausreißer Jean Robic an der Spitze des Feldes abgeschüttelt, nachdem er am Straßenrand ein Schild mit der Aufschrift „Huez“ erblickt hatte. Dass es sich bloß um ein Dorf einige Kilometer vor dem Ziel handelte, wurde Coppi erst bewusst, als sein Sportdirektor es ihm eine Weile später aus dem Auto zurief.

Woher hätte Coppi, Italiens „Campionissimo“ und späterer Toursieger, es auch wissen sollen? Keiner der Radrennfahrer kannte damals diesen Anstieg. Heute sind Ort und Serpentinen ausgeleuchtet wie nur wenige Orte in der an Mythen reichen Welt des Straßenradsports. Denn das ist Alpe d’Huez: ein Mythos. Wer würde es bezweifeln?

27-mal ist die Skidestination seit 1952 Etappenankunftsort der Tour gewesen. „Alpe d’Huez ist der telegenste Anstieg Frankreichs. Dieser Platz ist für die Tour perfekt, um Geschichte zu schreiben“, sagt Rundfahrt-Direktor Christian Prudhomme. Heute wartet auf das Peloton der 100. Tour eine besondere Prüfung: Zum ersten Mal muss der Anstieg nach Alpe d’Huez, von Gap kommend, an einem einzigen Tag zwei Mal bewältigt werden (168 Kilometer, 12.15 Uhr/Eurosport). Nicht allein deswegen, sondern eher wegen der für Leib und Leben gefährlichen Abfahrt vom Col de Sarenne mittendrin war Murren im Fahrerfeld zu vernehmen. „Wenn man dort eine Kurve nicht richtig nimmt, fällt man sehr, sehr tief“, warnt Spitzenreiter Christopher Froome vor der lebensgefährlichen Talfahrt. Der Brite gewann gestern das Einzel-Zeitfahren der 17. Etappe und hat den Gesamtsieg dicht vor Augen.

Wer Alpe d’Huez gewinnt, der wird quasi unsterblich (selbst wenn er tot ist). Marco Pantani etwa, der mutmaßlich mit Dopingmitteln vollgedröhnte, 2004 verstorbene italienische „Pirat“. 1997 kurbelte er die Serpentinen in wahnwitzigen 37:35 Minuten hinauf. Das ist bis heute Rekord. Die Tour-Chefs lockte Alpe d’Huez einst mit dem Versprechen von Gratis-Übernachtungen am Ruhetag erstmals her. Derart berühmt ist das Resort durch den Radsport geworden, „dass wir die Leute daran erinnern müssen, dass wir auch tolle Skipisten haben in Alpe d’Huez“, erzählt schmunzelnd Jean-Yves Noyrey. Tourismusbehörden zählen nach eigenen Angaben 500 bis 800 Hobbyradler täglich auf der Straße, ihre Saison dauert von Mai bis Ende September. In Jahren, in denen Alpe d’Huez Tour-Etappenort ist, seien es 800 bis 1000 Radfahrer pro Tag, behauptet Bürgermeister Noyrey. Es gibt sicherlich anspruchsvollere Berge für Radfahrer als Alpe d’Huez – längere, steilere, unrhythmischere. Doch die Mixtur aus Länge und Steigung macht diesen Anstieg so knifflig. Auf 13,8 Kilometern winden sich die Kehren im Durchschnitt mit 7,9 Prozent Steigung hinauf, die maximale Steigung beträgt 14,8 Prozent. Erst etwa zwei Kilometer vor dem Ziel flacht die Straße etwas ab. Dafür geht es unten auf gut 700 Meter über dem Meeresspiegel mit 10,4 Prozent Steigung – 10,40 m Steigung pro 100 m waagerechter Länge – derart knackig los, dass selbst erfahrene Profis mit den Zähnen knirschen. Dann liegen ja noch 1050 Höhenmeter vor ihnen.

Hinzu kommt der Faktor Mensch – und zwar auf beiden Seiten. Derart eng stehen die Fans zu Hunderttausenden am Straßenrand, dass den Profis im Korridor aus euphorisierten Schreihälsen angst und bange werden kann. „Zwischen den Leuten hindurchzufahren ist, wie ein Rockkonzert in der ersten Reihe zu erleben“, sagt der deutsche Ex-Profi Jörg Jaksche. Gäbe es Alpe d’Huez nicht, man müsste es wohl erfinden.