Istaf 1938

Wie Wunderläufer Rudolf Harbig die Leichtathletik prägte

Beim Istaf vor 75 Jahren begeisterte der Dresdner

Am 1. September wird im Berliner Olympiastadion die 72. Auflage des Internationalen Stadionfestes (Istaf) der Leichtathleten über die Bühne gehen. Die Veranstalter wollen dann viele Weltmeister der Titelkämpfe in Moskau (10. bis 18. August) präsentieren. Und die Zuschauer hoffen wieder auf sportliche Highlights, so wie sie es während der langen Istaf-Geschichte immer wieder gegeben hat.

Wie beispielsweise am 19. Juli 1938. Am Freitag ist es 75 Jahre her, dass das Istaf zum dritten Mal ausgetragen wurde – an einem Dienstag, damals im Mommsenstadion. 10.000 Zuschauer konnten in der Eichkamp-Arena nicht ahnen, dass sie am Abend zwölf Athleten in Aktion sahen, die einige Wochen später als Europameister gekürt werden würden. Das Abendsportfest in Berlin bot der Elite des Kontinents Gelegenheit, vor den Titelkämpfen die Form zu testen.

Auch „Wunderläufer Harbig“, wie Günter Grass Rudolf Harbig in seinem Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ schwärmerisch betitelt, nutzte diese Möglichkeit, beließ es jedoch bei einem Start über 400 Meter. Das Duell mit Erich Linnhoff vom SCC entschied der Dresdner 800-Meter-Spezialist in 48,0 Sekunden klar für sich. Fünfter wurde übrigens mit Manfred Bues ein weiterer SCCer, der kurz darauf, Anfang September in Paris, gemeinsam mit Harbig und Linnhoff sowie dem Gladbacher Hermann Blazejezak den EM-Sieg über 4x400 Meter feiern konnte.

Harbig selbst, Schlussläufer des Staffelquartetts, krönte mit seinem Titelgewinn im Lauf über die zwei Stadionrunden seine wohl erfolgreichste Saison. Im Jahr darauf sorgte er in Mailand in 1:46,6 Minuten für den historischen 800-Meter-Weltrekord, der 16 Jahre lang allen Attacken standhalten sollte.

Jener Harbig, der in diesem Jahr, am 8. November, 100 Jahre alt geworden wäre. Jener Harbig, der zwischen 1939 und 1941 gleichzeitig die Weltrekorde über 400 Meter (46,0 Sekunden), 800 Meter (1:46,6 Minuten) und 1000 Meter (2:21,5 Minuten) hielt und der zwischen 1936 und 1941 in 47 Rennen über 800 Meter ungeschlagen blieb. Jener Harbig, dessen Name die wichtigste Auszeichnung trägt, die der Deutsche Leichtathletik-Verband vergibt. Seit 1950 wird der Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis in jedem Jahr an einen verdienten Athleten verliehen, „der in Haltung und Leistung als Vorbild für die Jugend“ gelten kann. Der Stabhochspringer Björn Otto darf sich als Preisträger 2013 daran erfreuen.

„In Haltung und Leistung ein Vorbild…“: Harbig ordnete seine gesamte Lebensführung dem Sport unter. Alkohol und Nikotin mied er ebenso wie Kaffee und scharfe Gewürze. Morgens aß der Dresdner Haferflocken, mit Leinöl angerichtet, tagsüber reichlich Obst, abends warm. „Nur im November, während der Ruhepause, ging Rudi ausnahmsweise etwas später als sonst schlafen und trank auch mal ein Glas Wein“, erzählt Ehefrau Gerda in ihrem Buch „Unvergessener Rudolf Harbig“.

1941 hatte das Paar geheiratet. Drei Jahre später, am 5. März 1944, starb Harbig als Soldat im Zweiten Weltkrieg bei Olchowez in der Ukraine. Tochter Ulrike, damals noch nicht einmal ein Jahr alt, gehört zur Generation, die ihre Väter nie kennenlernen konnte. Umso wertvoller sind einige Erinnerungsstücke, die sie im heimischen Gröditz aufbewahrt.

Auch in Berlin ist Harbig unvergessen. Tausende von Leichtathleten haben in den vergangenen Jahrzehnten in der Rudolf-Harbig-Halle trainiert, in der Nähe von Olympiastadion und Waldbühne. Eine Schule in Lichtenberg trägt ebenfalls den Namen des „Wunderläufers“.