Bernie Ecclestone

Dem Paten droht das Aus

Nach 40 Jahren an der Spitze der Formel 1 wird Bernie Ecclestone wegen Bestechung angeklagt. Königsklasse steht vor dem Umbruch

Vor anderthalb Wochen war Bernie Ecclestone noch in seinem Element. Der Reihe nach lud er alle Größen und Halbgrößen der Formel 1 in sein schwarzes Motorhome ein, das er vor der Boxengasse des Nürburgrings geparkt hatte. Mit Teamchefs und Sponsoren und all den anderen Mächtigen im Motorsport plauderte der Mächtigste von ihnen über die Zukunft der Königsklasse, von Rennen in Thailand und Aserbaidschan war die Rede und von frischen Millionen. Wer nicht in den Genuss einer Audienz kam, witzelte über das düstere Äußere des Motorhomes. „Wohnt hier Darth Vader oder der nächste Gegner von James Bond?“ spottete ein ehemaliger Rennfahrer im Vorbeigehen.

Ganz so schlimm sind die Vergehen, die die Staatsanwaltschaft München nun zur Anklage gegen den 82-Jährigen veranlasst haben, nicht. Ecclestone hat niemals auf britische Geheimagenten geschossen und erst recht keinen Krieg der Sterne angefangen. Aber er soll einem ehemaligen Vorstand der Bayern-LB im Zuge des Verkaufs von deren Formel-1-Beteiligung an den britischen Investor CVC angeblich 44 Millionen Dollar Schmiergeld gezahlt haben. Zumindest hat Ex-Banker Gerhard Gribkowsky das bei seinem Prozess, der mit einer achteinhalbjährigen Haftstrafe für ihn endete, behauptet. Die Version von Ecclestone, der als klarer Gewinner aus der Übernahme hervorgegangen ist, basierte hingegen auf einer Drohung Gribkowskys, der ihn beim britischen Fiskus anschwärzen wollte. Nur aus diesem Grund habe er die Summe bezahlt.

Prozess frühestens im Herbst

„Ich habe mit meinen Anwälten gesprochen, sie haben eine Anklageschrift erhalten. Sie wird nun ins Englische übersetzt“, sagte Ecclestone am Mittwoch der „Financial Times“ und riss die Formel 1 damit aus ihrem Tiefschlaf zwischen den Rennen in Deutschland und Budapest (28. Juli). Nach der Anklageerhebung haben die Anwälte nun bis Mitte August Gelegenheit zur Stellungnahme. Demnach kann es frühestens im Herbst zum Prozess kommen, das Strafgesetzbuch sieht für Bestechung eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren vor. Für den besonders schweren Fall der Bestechung sind ein bis zehn Jahre Haft möglich. Dennoch reagierte Ecclestone zumindest äußerlich gelassen: „Wir werden uns ordentlich verteidigen. Es wird ein interessanter Fall. Es ist schade, dass das passiert.“

Das sehen auch zahlreiche Protagonisten der Formel 1 so. Sie haben den Aufschwung ihrer Sportart zu einem globalen Milliardenspektakel hauptsächlich dem ehemaligen Reifenhändler aus Ipswich zu verdanken. Als er vor beinahe vier Jahrzehnten antrat, diese Anekdote erzählt er gern, lag die vermeintliche Königsklasse des Motorsports am Boden: keine Zuschauer, leere Kassen, wenig Aufmerksamkeit. Ecclestone erwarb für vergleichsweise kleines Geld die TV- und Vermarktungsrechte und begann mit dem Aufbau seines Lebenswerks. Fortan fuhren die bunten Autos dort, wo am meisten Geld zu verdienen war: Im von der Apartheid zerrissenen Südafrika, in den autoritären Regimen Asiens, ja selbst im südkoreanischen Sumpfgebiet haben sie kürzlich eine Strecke gebaut.

Doch der 1,58 Meter kleine Mann mit der leisen Stimme wird gleichsam gefürchtet, wenn er durch die Boxengasse flaniert. Gewieft spielte er die Teams gegeneinander aus, die Streckenbetreiber sowieso. Wer nicht für ihn war, war gegen ihn, nach diesem einfachen Schema lief das lange Jahre in Ecclestones Reich. Doch dieses Muster greift nicht mehr.

Die Formel 1 hat sich verändert. Sie ist von einer Nische für rennsportbegeisterte Millionäre zu einem Marktplatz der Großkonzerne geworden: Red Bull, Mercedes und Renault rangeln nun um den Titel und nicht mehr kleine Privatteams wie Williams, Benetton und Tyrell. Die Unternehmen haben sich selbst mit strengen Ethik-Auflagen belegt, die immer weniger mit Ecclestones Tricksereien im Halbdunkel zu vereinbaren sind. Sie wollen und können sich moralische Debatten um ihr Marketing-Werkzeug, nichts anderes ist das Formel-1-Engagement bei den meisten Konzernen, leisten. „Compliance ist für Daimler von zentraler Bedeutung“, hieß es in einer am Mittwoch verbreiteten Mitteilung des Daimler-Konzerns: „Wir befürworten die Aufklärung der Vorwürfe gegen den CEO der Formel 1.“

Mercedes erwägt Rückzug

Ende Mai hatte Konzern-Vorstand Christine Hohmann-Dennhardt erstmals offiziell eine Art Ausstiegsklausel im Vertrag mit Ecclestone bestätigt. „Das geht bis zum Kündigungsrecht”, sagte damals die beim Unternehmen für Integrität und Recht zuständige ehemalige Bundesverfassungsrichterin: „Die Vertragsklauseln würden wir auch nutzen, wenn es nötig ist – man muss das abwarten.” Im Klartext bedeutet das: Kommt es zur Anklage oder gar zur Verurteilung Ecclestones, erwägt Mercedes einen Rückzug. Ähnliche Töne hatte bereits Ferrari-Chef Luca di Montezemolo angeschlagen. „Weil er die Formel 1 liebt, wird Bernie der Erste sein, der einen Schritt zurücktritt, im Interesse der Rennserie“, hatte der Italiener mit Blick auf das drohende Verfahren gegen den Paten des Motorsports gesagt: „Dieser Vorgang kann die ganze Formel 1 beschädigen.“ Halten die Teams Wort und nutzen Gelegenheit zur Trennung von ihrem jahrzehntelangen Anführer, steht die Formel 1 vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte.