Dopingskandal

Lügen haben schnelle Beine

Vor der Weltmeisterschaft in Russland erschüttert ein Dopingskandal die Leichtathletik. Sprinter aus den USA und Jamaika mit positiven A-Proben

Es gibt Menschen, die bei der ersten gemeinsamen Begegnung überraschen, weil an ihnen etwas so ganz anders ist als vermutet. Tyson Gay ist so ein Mensch. Furchterregende Muskelberge türmen sich an seinen Armen und seinem Nacken, der Blick aus dunklen Augen wandert unstet umher. Wenn Tyson Gay aber beginnt zu sprechen, dann könnte der Kontrast größer kaum sein: Seine Stimme ist sanft, fast schüchtern, irgendwie unsicher.

Sonntag hat Amerikas schnellster, erfolgreichster Sprinter der Gegenwart in einer Telefonkonferenz zu verschiedenen internationalen Medien gesprochen. Was er zu berichten hatte, trieb seine Stimme in die Nähe von tränenerstickt. In einer Dopingkontrolle vom 16. Mai wurde ihm in der A-Probe ein verbotenes Mittel nachgewiesen, nach Analyse der B-Probe droht ihm wohl eine mindestens zweijährige Wettkampfsperre. Für den 30-Jährigen, dessen Sponsor Adidas den Vertrag über jährlich 770.000 Euro ausgesetzt hat, könnte das dem Karriereende gleichkommen.

Was Gay zu sagen hatte, ist bemerkenswert: „Ich habe keine Sabotage-Geschichte. Ich habe keine Lügen. Ich habe nichts, das dies so aussehen lassen könnte wie einen Irrtum, oder dass jemand Spielchen mit mir spielt. Ich habe keine dieser Storys.“ Stattdessen sagte Gay: „Ich habe schlicht mein Vertrauen in jemanden gesetzt und bin fallen gelassen worden.“ Um wen und um welche Substanz es sich handelt, war zunächst unklar. Da es sich aber um einen Positivtest nach einer Kontrolle außerhalb des Wettkampfs handelt, dürfte der dreimalige Weltmeister von 2009 und in diesem Jahr bislang schnellste 100-Meter-Sprinter der Welt (9,75 Sekunden) nicht so milde abgestraft werden wie die anderen Prominenten, die Sonntag in einem erstaunlichen Doper-Domino umgefallen sind.

Ex-Weltrekordler Asafa Powell (30), die Olympiasiegerin Sherone Simpson (28) und Medienberichten zufolge auch der aktuell zweitschnellste Sprinter der Welt, Nesta Carter (27) sind ebenfalls in A-Proben positiv getestet worden. Da es sich im Falle des jamaikanischen Trios nur um ein Stimulans namens Oxilofrin handelt, halten Fachleute es für denkbar, dass sie womöglich mit sechsmonatigen Sperren davonkommen. Darüber werden zunächst die nationalen Sportgerichte zu verhandeln haben – und der jamaikanische Leichtathletik-Verband gilt nicht eben als Muster an Konsequenz, wie Fälle in der Vergangenheit gezeigt haben.

Erst vor gut einem Monat war die hochdekorierte Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown (31) mit einem Entwässerungsmittel aufgeflogen. Harte Sanktionen drohen ihr nicht. Alle der jamaikanischen Sprinter dementieren, wissentlich verbotene Substanzen zu sich genommen zu haben. Der Image-GAU gleichwohl ist da – für Jamaika, die vermeintliche Wunderinsel in der Karibik. Und für die Leichtathletik an sich, die sich über Rekorde und außergewöhnliche Leistungen definiert wie kaum eine andere Sportart. „Tag der Schande“, titelte die Zeitung Jamaica Gleaner indigniert und berichtet, ein Trainer Powells sei am Rande eines Trainingslagers in Italien von der Polizei verhört worden.

Schon dringt aus dem Olymp des Sports die altbekannte Betroffenheitsrhetorik. „Überrascht und enttäuscht“ sei er angesichts der Dopingfälle, sagte IOC-Präsident Jacques Rogge (71), vergaß aber nicht das Mantra von Sportfunktionären zu bemühen: Die Positivtests hätten ja auch ihr Gutes – die Maßnahmen nämlich griffen. Für die Weltmeisterschaften in der olympischen Kernsportart in knapp vier Wochen ist Rogge nicht bange: „Die Menschen werden es nicht vergessen“, glaubt er, „aber die Magie der Wettkämpfe wird irgendwann übernehmen.“ Darauf setzen sie wohl auch im Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF, der ohnehin schon genug Malaisen mit der nicht eben reibungslosen Organisation der Titelkämpfe in Russland hat (10. bis 18. August).

Flugs wird am Verbandssitz in Monte Carlo zwecks Krisen-PR eine alte Faustregel beherzigt: „Bad news are good news“. „Die Glaubwürdigkeit unseres Antidoping-Programms und die Glaubwürdigkeit der Sportart Leichtathletik wurden erhöht, nicht verringert“, meint Nick Davies, Mediendirektor und stellvertretender IAAF-Generalsekretär.

Nur Usain Bolt mit weißer Weste

Dass in Gay, Powell und Simpson gleich drei Hochkaräter ertappt wurden, ist bemerkenswert. Ebenso wie die Tatsache, dass nur einer der zehn offiziell schnellsten 100-Meter-Sprinter der Geschichte bis dato unbehelligt geblieben ist von Dopingnachweisen oder -vorwürfen: Usain Bolt (26), der Wundersprinter und sechsmalige Olympiasieger aus Jamaika. Natürlich gibt es, wie in anderen Sportarten auch, besonders talentierte, besser trainierte oder genetisch bevorteilte Athleten. Dennoch sind die Leistungsunterschiede im Sprint besonders frappant. Der Deutsche Meister Julian Reus (25) sieht eindeutig eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft: Krass ist, wie sich der Sprint in den letzten 20, 30 Jahren und die Weltrekorde entwickelt haben – krasser als in anderen Sportarten. Von einst 9,95 Sekunden zu heute 9,58 Sekunden – da liegen Welten dazwischen“, sagte Reus.

Mario Thevis vom Zentrum für präventive Dopingforschung in Köln sagt, man müsse die Fälle Gay und Jamaika getrennt sehen, auch wenn sie zeitlich zusammengefallen sind. Der erfahrene Analytiker macht immerhin ein wenig Hoffnung: „Die Dopingkontrollverfahren werden immer besser, die größten Abschreckungseffekte sind: unangekündigte Kontrolle und die Langzeitlagerung für eventuelle Re-Analysen noch Jahre später.“