Kommentar

Kontrollen sind nicht für die Katz

Jens Hungermann über Lehren aus den neuen Dopingfällen

Nun also Tyson Gay. Und Asafa Powell. Und Neston Carter. Und Sherone Simpson. Jeder von ihnen ist nicht irgendwer, jeder zählt zu einer Elite, die sich „schnellste Menschen der Welt“ nennt. Und jeder von ihnen hat nun ein massives Problem: eine positiv auf Dopingmittel getestete A-Probe.

Stellt man sich die Weltleichtathletik als einen Zirkus vor – Menschen, Sprinter, Sensationen! –, so sind die Kurzstreckenläufer die Seilartisten. Bei ihrem Auftritt stockt dem Publikum der Atem, und wenn sie am Ziel sind, branden Jubelstürme als Dank für den Nervenkitzel auf. Dass nun gleich mehrere von ihnen aus erheblicher Höhe abgestürzt sind, sorgt für einen jähen Moment der Stille im Zirkuszelt.

Nur Raunen ist jetzt zu vernehmen: Haben wir es nicht immer schon geahnt? Sind diese Muskelberge nicht irgendwie total unnatürlich? Solche Zeiten wie die kann doch sowieso niemand sauber rennen, oder? Was ist wohl mit den anderen, ihren nicht minder flinken Konkurrenten? Und was mit den anderen Disziplinen, in denen auch enorme Zeiten, Höhen oder Weiten erzielt werden, die uns staunen machen.

Immer, wenn das Kontrollsystem einen Gedopten ausspuckt – und zumal, wenn es sich um einen prominenten handelt –, bekommt das grelle, lärmende Business namens Hochleistungssport kurzzeitig eine Unwucht. Enttarnung ist ja nicht vorgesehen in diesem auf Rekorde getrimmten Geschäftszweig, schon gar nicht solche systematischer Manipulation.

Und wenn doch einmal einer erwischt wurde und es sich dann nicht bloß um einen Hinterbänkler handelt, wird dem Publikum ungewollt vor Augen gehalten, dass es vorher zum Narren gehalten worden war. Genau dies ist am vergangenen Wochenende geschehen, gleich in einer Frequenz, die auch schon rekordverdächtig ist.

Im Grunde hat das Publikum drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Entweder mit Ablehnung. Oder mit Achselzucken. Oder mit Genugtuung. Denn zumindest eines zeigen die illustren Dopingfälle von 9,69-Sekunden-Sprinter-Gay und seinen Komplizen: Das Dopingkontrollsystem ist eben doch nicht für die Katz, auch wenn es mit Unzulänglichkeiten behaftet bleibt. Schon wenn die prominenten Positivfälle für Verunsicherung in der Szene sorgen, ist etwas erreicht.

Keine vier Wochen vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften ist diese Frage aktueller denn je: Was (und wem) dürfen wir glauben in der Welt der „schnellsten Menschen auf dem Planeten“? Eine Antwort liegt auf der Hand: Dass der Weltrekordler Usain Bolt den Titel in Moskau mit Leichtigkeit gewinnen wird. Er vermag die 100 Meter in 9,58 Sekunden zu laufen. Elf Hundertstelsekunden schneller als Tyson Gay.