Interview

„Wir brauchen mehr junge Piloten“

Motorradrennfahrer Stefan Bradl über seinen Weg an die Weltspitze und die Schwächen im deutschen Nachwuchsbereich

Das bislang beste Karriereergebnis in der Königsklasse – Rang vier – wiederholt, erstmals ein WM-Feld angeführt, von den insgesamt 204.491 Fans gefeiert. Doch für Stefan Bradl war nach dem Großen Motorradpreis von Deutschland auf dem Sachsenring das Glas eher halb leer als halb voll. Morgenpost-Redakteur Matthias Brzezinski sprach mit dem 23-jährigen Honda-Piloten über seine Erkenntnisse aus dem Heimrennen für den weiteren Verlauf der Weltmeisterschaft 2013.

Berliner Morgenpost:

Herr Bradl, was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen vor dem Rennwochenende am Sachsenring jemand den vierten Platz garantiert hätte?

Stefan Bradl:

Ich wäre erst einmal einverstanden gewesen, aber ich hätte natürlich trotzdem probiert mehr zu erreichen.

Man merkt Ihnen eine Spur von Enttäuschung an.

Enttäuschung wäre zu viel. Aber es war mehr möglich. Ich denke, es war ein kleiner Fehler zu Rennbeginn, als ich in Führung lag, ein klein wenig das Risiko gescheut zu haben. Ich war wohl ein bisschen zu passiv. Aber ehrlich, ich habe in den Runden immer daran gedacht, bloß keinen Fehler zu machen. Trotzdem, es war ein echt geiles Gefühl vorne zu sein.

Ihre Konkurrenten haben Ihr, nennen wir es Zögern, dann brutal ausgenutzt.

Ein bisschen stimmt das schon, aber im Rennverlauf ist mir klar geworden, dass ich die Führung nicht hätte verteidigen können. Vor allem als Marc Marquez (der spätere Sieger. d.R.) an die Spitze gefahren ist, habe ich mir unter meinem Helm gedacht: Himmel noch mal, wie macht der Kerl das? Es ist ja ein Wahnsinn, wie der das Ding um die Ecken bringt.

Liegt das daran, dass Marquez ein Werksmotorrad fährt, oder an seinem Können?

Ganz klar deutlich mehr an ihm. Marc ist ein Jahrhunderttalent.

Unschlagbar?

Nein. In der Moto2 habe ich ihn besiegt. Und ich glaube auch, dass mir das in der MotoGP gelingen kann. Aber er ist ein außergewöhnlicher Fahrer. Sein Top-Motorrad hilft ihm natürlich.

Marquez hat kurz nach der Siegerehrung gesagt er sei froh, aber man solle nicht vergessen, dass Dani Pedrosa und Jorge Lorenzo (die beiden Spanier laborieren an Schulterverletzungen, d.R.), die bis dahin in der WM führenden Fahrer, nicht antreten konnten. Er hat seinen Sieg nicht infrage gestellt, aber abgeschwächt. Würden Sie diese Einschätzung für Ihren vierten Rang auch gelten lassen?

Ohne Jorge und Dani sind die Plätze eins bis vier unter einem kleinen Vorbehalt zu sehen. Aber was für mich viel wichtiger ist, ist doch die richtigen Schlüsse aus meinem Rennen zu ziehen.

Wo sehen Sie da Ihr Potenzial?

Man soll immer bei sich selbst anfangen. ich muss körperlich noch stärker werden, vor allem bei so anstrengenden Rennen wie auf dem Sachsenring. Und ich muss es schaffen, mehr Geschwindigkeit mit in die Kurve, in die Schräglagen, zu kriegen. Das ist sicher auch ein Problem, bei dem das Team mir helfen wird. Wir brauchen Geduld dabei.

Die Einschränkung „nur Vierter“ würden Sie also nicht gerecht finden?

Nein. Wer nur Vierter sagt, soll mir einen deutschen Fahrer bringen, der besser ist als ich.

Gibt es den momentan?

Nein!

Wie schätzen Sie denn die Leistungsstärke der deutschen Motorrad-Fahrer ein?

Ich denke, wir haben mit Sandro Cortese, Jonas Folger und Marcel Schrötter Leute, die zu Recht in die Weltspitze gehören. Wir haben in den letzten vier oder fünf Jahren viel aufgeholt. Was in Deutschland fehlt, ist eine breite Basis, wie sie zum Beispiel die Spanier haben.

Der ADAC intensiviert sein Nachwuchsprogramm unter anderem damit, dass er mit dem österreichischen Hersteller KTM ein WM-ähnliches Motorrad anbietet.

Man soll jetzt keine Wunder erwarten. Aber sicher hilft das ADAC-Programm den neuen Fahrern weiter. Es kommt darauf an, eine größere Anzahl von Piloten zu bekommen. Je größer die Starterfelder, je eher sind Top-Talente dabei.