Interview

„Wie ein Junkie am Bahnhof“

Antidoping-Forscher Perikles Simon rechnet damit, dass auch in Deutschland ein Skandal nur eine Frage der Zeit ist

Menschliche und sportpolitische Widerstände überall: Werden die Testverfahren nicht bald ernsthaft umgesetzt, ist ein deutscher Doping-Skandal nur eine Frage der Zeit. Sagt Perikles Simon, Entwickler eines Nachweisverfahrens für Gendoping und in regem Austausch mit der Welt-Antidoping- Agentur. Mit dem Sportmediziner der Uni Mainz sprach Lorenz Vossen.

Berliner Morgenpost:

Herr Simon, die aktuellen Dopingfälle sind dieses Jahr nicht die einzigen in der Leichtathletik. Sind die Tests besser geworden?

Perikles Simon:

Nein, das ist zumindest nicht der Hauptgrund für diese Fälle. Es gibt eine Stellungnahme der Welt-Anti-doping-Agentur (Wada) zur Frage der Effektivität von Tests vom März 2013, in der die Spezialisten ganz klar sagen: Es liegt nicht am wissenschaftlichen Stand der Dopingbekämpfung, dass Athleten nicht ausreichend positiv getestet werden. Sondern an der Ineffektivität des aktuellen Kontrollsystems, welche sportpolitisch und menschlich begründet ist.

Ein sportpolitischer Grund wäre das mangelnde Interesse der Verbände an Aufklärung. Was sind menschliche Gründe?

Da wäre der Kontrolleur, der sich bestechen lässt. Es gab im deutschen Handball einen Fall, in dem eine Kontrolleurin den eigenen Urin abgegeben hat. Wir wissen von Sportlern, die, obwohl sie von ihrer positiven A-Probe wussten, versucht haben, das Labor zu bestechen.

Ihr Kollege Mario Thevis hat 2009 gesagt: „Wir werden nie auf Augenhöhe sein.“

Die Tests sind zwar kontinuierlich besser geworden. Aber: Die Möglichkeiten zu dopen auch. Doch dieses Hase-und-Igel-Rennen ist momentan nicht der Hauptgrund für unrealistische Dopingquoten. Das ist der mangelnde Wille der Verbände. Hat ein Verband den Willen und zeigt, dass geeignete Verfahren flächenmäßig eingesetzt werden, dann sähe es mit der Aufdeckungsquote anders aus.

Das klingt sehr zermürbend.

Dazu kommt in Deutschland: Das Antidoping-System wird pro Stückzahl finanziert. Stellen Sie sich vor, ein Top-Athlet wird erwischt: Zuerst melden sich seine Anwälte und fordern alle Datendokumente an, um zu überprüfen, ob der Test lupenrein ablief. Es wird alles durchleuchtet. Das ist unglaublich zermürbend, wie mir die Kollegen national und international immer wieder berichten. Bei einer Quote von zehn Prozent positiver Tests wäre das System nicht mehr praktikabel, was die Frage aufwirft: Wer kann noch ein Interesse an positiven Tests haben?

Sie sprechen von einem Grundproblem?

Absolut. Die Interessenskonflikte im Antidoping-Bereich müssten mal sauber aufgearbeitet werden. Ich sehe als Sportmediziner bei mir in der Ambulanz Nachwuchsathleten und kann mir ausmalen, wie viele von denen später an der Nadel hängen. Die im Prinzip Drogen nehmen wie ein Junkie am Bahnhof. Ich habe mit einem Kollegen eine Erhebung durchgeführt: Sieben Prozent der durchschnittlich 16-Jährigen gaben an, dass sie bereits Dopingmittel nehmen.

Ist ein großer Doping-Skandal im deutschen Sport nur noch eine Frage der Zeit?

Wenn die Verfahren ernsthaft umgesetzt würden, würde ich sagen: ja.

Welche Sportarten könnten betroffen sein?

Gerade in der Leichtathletik haben wir Leute, die absolute Ausreißer hinlegen. Da muss man sich fragen: Ist das eine gesunde Entwicklung der Sportart? Ist das begründbar durch gezielten Einsatz von Trainingsressourcen oder legalem Know-How? Oder wird hier manipuliert?

Die deutschen Werfer sind sehr stark.

Die sind sehr stark, richtig. Ich will das aber keinesfalls nur auf diesen Bereich ausdehnen. Auch Individuen anderer Disziplinen zeigen Leistungen, die man ihnen vorher nicht zugetraut hatte. Doch diese Spekulationen bringen uns nicht weiter. Das Entscheidende ist, dass durch ein effektives Testsystem alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden.