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Guardiola wildert im alten Revier

Auf Wunsch seines neuen Trainers wird Bayern München wohl schon bald Supertalent Thiago Alcantara vom FC Barcelona kaufen

Kurz vor dem Mittagessen überraschte Pep Guardiola. Der neue Trainer des FC Bayern kam gut gelaunt ins Kongresszentrum neben dem Mannschaftshotel und sprach am letzten Tag des Trainingslagers offen über seinen großen Wunsch: Er will Thiago Alcantara (22) haben. Noch ein Mittelfeldspieler soll es also sein für den Champions-League-Gewinner, Deutschen Meister und DFB-Pokalsieger. Und der soll ausgerechnet von seinem geliebten Ex-Klub FC Barcelona kommen. „Ich weiß nicht, was in der Zukunft passiert. Aber ich habe mit Matthias und Kalle (Sportvorstand Sammer und Vorstandschef Rummenigge – d.R.) über ihn gesprochen“, sagte Guardiola. „Ich glaube, wir brauchen Thiago.“

Die meisten Trainer der Fußball-Bundesliga hätten auf Nachfragen zu Gerüchten aus Spanien wohl gesagt: Spekulationen kommentiere ich nicht. Guardiola hingegen sagte einfach: Ja, stimmt, ich will ihn. Dies darf als Zeichen gedeutet werden, dass die Bayern hinsichtlich des Gelingens des Transfers zuversichtlich sind. „Ich sage meine Meinung. Aber ich höre mir auch die Meinung unseres Vorstandes an“, sagte der Trainer. Sollte dieser ihm erklären, Thiago sei zu teuer, werde er dies akzeptieren.

Ausstiegsklausel im Vertrag

Der Vertrag des Offensivspielers bei dem spanischen Topklub gilt bis 2015, sein Marktwert wird auf 22 Millionen Euro geschätzt. In Barcelona ist von einer Ausstiegsklausel die Rede. Alcantara soll den Verein für 18 Millionen Euro verlassen können, weil er in der vergangenen Saison eine im Vertrag festgeschriebene Mindestanzahl an Einsätzen verfehlte. Auch deshalb bezeichnen ihn viele noch als Talent. Was den Bayern in den Verhandlungen mit Barcelona zugute kommen könnte: Alcantara lässt sich von Guardiolas Bruder Pere beraten.

Der Umworbene war als Kind mit seinem Vater Mazinho, Weltmeister von 1994, von Brasilien nach Spanien gezogen. In Barcelona empfahl er sich mit guten Leistungen in der zweiten Mannschaft für das Profiteam, für die spanische U21-Nationalmannschaft traf er mal per Freistoß aus 40 Meter Entfernung, im Finale der EM in diesem Sommer erzielte er beim 4:2 gegen Italien im Finale drei Tore. Eine Jury wählte ihn zum besten Spieler des Turniers. Vor zwei Jahren hatte er in der A-Nationalelf debütiert. Guardiola arbeitete mit ihm während seiner Zeit in Barcelona.

Zuletzt hatte er betont, keinen Spieler seines ehemaligen Vereins abwerben zu wollen. Bei Alcantara hat Guardiola offenbar keine Gewissensbisse, weil der Kapitän der U21-Nationalelf von sich aus Barcelona verlassen will. Der 22-Jährige soll Angebote von Manchester United und Real Madrid ausgeschlagen haben. Gerüchten zufolge soll Alcantara in den Verhandlungen mit Manchester eine im Vertrag schriftlich fixierte Einsatzgarantie gefordert haben. Ein persönliches Gespräch mit Guardiola habe ihn vom FC Bayern überzeugt, heißt es.

„Normalerweise willst du einen Klub wie Barcelona oder auch Bayern oder Madrid nicht verlassen. Außer, wenn ein Spieler merkt, dass er nächste Saison nicht so viel spielen wird. Thiago will spielen, deshalb gibt es jetzt die Gelegenheit ihn zu holen“, erklärte Guardiola. Nach dem Motto: Diese Chance müssen wir einfach nutzen! Alcantara hat die Befürchtung, dass er in Barcelona nach der Verpflichtung des brasilianischen Superstars Neymars weiterhin nicht regelmäßig zum Einsatz kommt.

Der Konkurrenzkampf bei den Münchnern ist besonders im Mittelfeld jetzt schon groß – Arjen Robben, Franck Ribery, Matio Götze, Thomas Müller, Toni Kroos, Xherdan Shakiri, Javi Martinez, Bastian Schweinsteiger, Luiz Gustavo, dazu einige Talente. Kaum ein Klub hat ein so stark besetztes Mittelfeld. Fragt sich natürlich: Könnte die Verpflichtung eines weiteren Mittelfeldspielers zu Problemen führen? „Nein, ich denke nicht. Wir haben sechs Wettbewerbe und brauchen die ganze Mannschaft“, antwortete Guardiola.

Lewandowski nicht so wichtig

Und stellte klar, dass Alcantara der einzige Kandidat für einen Transfer ist. „Entweder Thiago oder keiner!“ Das könnte heißen: Dortmunds Stürmer Robert Lewandowski interessiert ihn nicht so. „Das ist eine unangenehme Frage“, sagte Guardiola zu der viel diskutierten Personalie. Thiago Alcantara sei der einzige Spieler, den er sich gewünscht habe; Mario Götze hatten die Klubbosse und Sammer vorgeschlagen. Sollte den Bayern der Thiago-Transfer gelingen, würde Martinez wohl aus dem defensiven Mittelfeld in die Innenverteidigung rücken.

Guardiola bezeichnet Alcantara als „super, super, super Spieler“. Er sei mental sehr stark und könne auf bis zu fünf Positionen spielen. „Auf der Sechs, der Acht, der Sieben, der Zehn, der Elf. Er ist stark im Eins-gegen-Eins“, sagte der Startrainer. „Ich brauche die speziellen Fähigkeiten von Thiago im Mittelfeld. Ich glaube, er ist gut für uns. Nicht nur für mich.“ Freitagvormittag beenden Guardiola und die Mannschaft das Trainingslager und fliegen zu Testspielen bei der SG Sonnenhof Großaspach und Hansa Rostock. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Bayern-Tross bald einen Spieler mehr umfasst.