Interview

„Wir wollen näher an den Menschen sein als die Formel 1“

Initiator Alejandro Agag erklärt die neue Formel E

Rund um das Brandenburger Tor wird am heutigen Donnerstag (14 Uhr) weißer Rauch aufsteigen. Bei ihrem ersten Besuch in Deutschland werden mehrere mit Strom betriebene Rennwagen die Reifen durchdrehen lassen. Auf den Asphalt zeichnen sie damit schwarze Kreise, in den Himmel entlassen sie weiße Quellwolken. Die Zukunft des Motorsports wird eingeläutet. Das findet zumindest Alejandro Agag. Redakteur Simon Pausch sprach mit dem Geschäftsführer der Formel E, der ersten Elektrorennserie unter dem Dach des Automobil-Weltverbandes Fia.

Im Sommer 2015 soll auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof das erste Rennen auf deutschem Boden stattfinden.

Berliner Morgenpost:

Senor Agag, bitte erklären Sie in wenigen Worten die Formel E.

Alejandro Agag:

Die Formel E ist die erste weltweite Meisterschaft, die mit Elektroautos ausgefahren wird. Elektroautos sind die Zukunft der Mobilität, nicht nur, weil sie extrem umweltschonend sind. Es gibt auch keine Lärmbelästigung. Ich bin überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Mehrheit der Fahrzeuge in den Städten von Elektroautos gebildet wird. Deswegen liegt nichts näher als eine Rennserie mit diesen Autos. Insgesamt werden zehn Teams mit jeweils zwei Piloten am Start sein. Gefahren wird in den spektakulärsten Städten der Welt: Los Angeles, London, Peking, Rio de Janeiro – da durfte Berlin nicht fehlen.

Wie läuft ein solches Rennen ab?

Der Strom der Autos reicht bei vollem Renntempo für etwa 25 Minuten. Dann müssen die Piloten in die Box fahren. Dort werden allerdings nicht die Reifen gewechselt, sondern die Autos. Jeder Fahrer hat zwei Wagen zur Verfügung. Die komplette Renndistanz wird 50 bis 60 Minuten dauern.

Unter den Motorsportpuristen gibt es eine Menge Vorbehalte gegen diese Serie. Es heißt, die Autos seien nicht laut und schnell genug, um als echte Rennwagen zu gelten.

Nun, zumindest in Sachen Geschwindigkeit muss ich widersprechen. Das Spitzentempo beträgt theoretisch 250 Kilometer in der Stunde, auch wenn das auf den Stadtkursen nur selten möglich sein wird. In Sachen Beschleunigung muss sich ein Elektrobolide nicht hinter einem Formel-1-Wagen verstecken.

Der ehemalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart sagt, die Elektroautos würden klingen wie die Beatles ohne Instrumente.

Ich weiß, dass es in der Soundfrage viele Vorbehalte gibt. Zunächst möchte ich einmal mit dem Vorurteil aufräumen, dass Elektroautos komplett lautlos fahren. Doch ich frage Sie: Wollen Sie als Bewohner einer Stadt wie Berlin einen Formel-1-Motor vor Ihrem Fenster entlangrauschen hören?

Kann die Formel E eines Tages etablierte Motorsportserien wie die Formel 1 ablösen?

(lacht) Darum geht es uns nicht. Ich bin ein großer Formel-1-Fan, ich hoffe, sie wird nie verschwinden. Sie ist ein globales Sportevent mit Millionen Fans, in dem es um viel Geld geht. Die Formel E ist eine andere Art von Rennserie. Bei uns geht es auch darum zu gewinnen, keine Frage, und irgendwann wären wir auch gern so groß wie die Formel 1, doch der Fokus ist ein anderer.

Welcher?

Nachhaltigkeit, Umweltschutz, technologische Innovation. Deswegen wollen wir von den Rennstrecken draußen vor der Stadt wieder in die Zentren zurückkehren. Wir wollen näher an den Menschen sein, als es die Formel 1 ist. Ich bin sicher, dass Rennställe wie Ferrari oder Red Bull eines Tages auch Formel-E-Teams stellen werden. Mit McLaren gibt es bereits Gespräche.

Ist die derzeitige Formel 1 in Ihren Augen noch zeitgemäß?

Ich denke, die Formel 1 entwickelt sich in die richtige Richtung. Themen wie Umweltschutz und Kostenreduktion werden immer wichtiger.

Wie lange läuft der Vertrag mit Berlin?

Der Vertrag läuft über fünf Jahre.