Motorsport

Formel 1 verpatzt die Reifenprüfung

Nach den Pannen vom Nürburgring wird erneut über die Sicherheit diskutiert. Kameramänner sollen Helme tragen

Lange nach dem Rennen hatte Sebastian Vettel das Grinsen immer noch nicht aus dem Gesicht bekommen. Strahlend durchschritt er das Motorhome von Red Bull, seinen zumeist britischen Vorgesetzten klopfte er auf die Schulter. Sein Blick sagte: Was soll jetzt noch schiefgehen?

Entsprechend selbstsicher beantwortete der WM-Spitzenreiter später alle Fragen nach dem künftigen Teamkollegen. Die Anzeichen, dass Räikkönen 2014 Nachfolger von Mark Webber wird, haben sich am Nürburgring wieder verdichtet. Es wäre das erste Mal in der Karriere des Champions, dass er einen Ex-Weltmeister in seinem Team hätte.

„Es würde mich nicht stören. Auch wenn ich glaube, dass er heute nicht so nett zu mir war“, sagte der 26-Jährige mit Blick auf die Verfolgungsjagd, in der der Finne dem Deutschen alles abverlangt hatte. Wohl auch deshalb wurde der erste Heimsieg im sechsten Anlauf besonders zelebriert. Ausgerechnet vor den eigenen Fans gelang Vettel die eindrucksvollste Vorstellung in dieser Saison. „Das ist ein besonderer Tag für mich“, sagte er später selig.

Doch das Sportliche rückte angesichts brennender Wracks, herrenlos über die Strecke rollender Boliden und umherfliegender Reifen schnell in den Hintergrund. Keine Frage, nur eine Woche nach den explodierenden Reifen beim Rennen in Silverstone steuert die Formel 1 auf ihre nächste Sicherheitsdiskussion zu. Nach dem Unfall eines Kameramanns in der Boxengasse beim Großen Preis von Deutschland sind die ersten Rufe nach erhöhten Vorsichtsmaßnahmen laut geworden. „Ich denke, jeder in der Boxengasse sollte einen Helm tragen“, sagte Mercedes-Teamchef Ross Brawn. „Die Mechaniker müssen Sicherheitskleidung und Helme tragen, und vielleicht ist es an der Zeit, dass auch andere Leute, die in der Boxengasse arbeiten, das machen“, pflichtete Amtskollege Christian Horner von Red Bull bei.

Schlüsselbein und Rippen verletzt

Am Auto seines Piloten Mark Webber hatte die Crew das rechte Hinterrad am Dienstwagen des Australiers nicht richtig befestigt. Als dieser beschleunigte, löste sich das Rad und flog an den verdutzten Teams von Ferrari, McLaren und Lotus vorbei. Dann riss es hinterrücks Paul Allen von den Beinen, jenen Kameramann der Formel 1 eigenen Produktionsfirma, der vor der Mercedes-Garage auf den nächsten Einsatz wartete.

Der Brite zog sich dabei eine Schlüsselbeinfraktur, zwei gebrochene Rippen sowie Prellungen und Schnittwunden zu. „Wenn du so etwas siehst, hast du ein schreckliches Gefühl, weil du dir um den Menschen Sorgen machst“, betonte Horner, dessen Team zu einer Strafe von 30.000 Euro verdonnert wurde für die grobe Nachlässigkeit. Webber selbst hatte zwar mitbekommen, dass sich das Rad gelöst hatte, „aber nicht, dass jemand getroffen wurde“. Er hatte das Rennen nach einer kurzen Pause fortgesetzt.

30.000 Euro – so viel kostet also die fahrlässige Gefährdung eines Menschenlebens in der Formel 1. Nach der Behandlung im Streckenhospital wurde der Allen mit dem Helikopter ins Bundeswehrkrankenhaus nach Koblenz geflogen – den gleichen Weg hatte vor 37 Jahren auch Niki Lauda nach seinem Feuer-Unfall genommen. Im Vergleich zu dem Österreicher war Allen zwar glimpflich davongekommen. Die Brisanz nahm das dem Zwischenfall freilich nicht. „Er hätte tot sein können“, sagte Mercedes-Teamchef Brawn.

Zehn Kilo wiegt so ein Formel-1-Rad, erst vor dieser Saison wurde das Gewicht der Hinterräder noch einmal um 700 Gramm erhöht. Zum Glück für Allen löste sich das Rad bereits zu Beginn von Webbers Beschleunigung. „Niemand hat das mit Absicht gemacht“, sagt der Australier: „Ich bin ganz normal auf die Markierungen gefahren und habe angehalten. Sobald ich losfuhr, gab es stark durchdrehende Räder, das Auto zog zu einer Seite. Da war das Rad weg.“ Bei höherem Tempo wäre die Wucht ungleich verheerender gewesen.

Hilfe durch Mercedes-Sanitäter

Doch auch bei geringer Geschwindigkeit können herrenlose Räder zu heimtückischen Gummigeschossen werden. Das sieht auch Brawn so: „Dieser Vorfall erinnert uns an die Gefahren unseres Sports und daran, dass wir die Sicherheitsvorkehrungen stets wachsam im Auge behalten müssen.“ Geistesgegenwärtig sorgten Mercedes-Sanitäter für die Erstversorgung vor der Garage. „Dieser Vorfall zeigt, dass die Boxengasse noch immer ein sehr gefährlicher Ort ist“, befand Horner, der seinen Piloten erst nach dem Rennen von Allens Schicksal erzählte, um sie nicht zu verunsichern.

Die zahlreichen Kameramänner, die vom Formel-1-Management Fom bei jedem Rennen die Bilder für das weltweit ausgestrahlte Signal aufnehmen, wuseln praktisch in Freizeitkleidung zwischen den Garagen hin und her, immer auf der Jagd nach der spektakulärsten Aufnahme. „Ich weiß selbst, dass ein Kameramann mit einem Schutzhelm schwer vorstellbar ist“, räumte Horner ein: „Aber das kann keine Entschuldigung sein. Die Sicherheit geht vor.“ Ein Schutzanzug hätte Allen freilich nicht vor dem Sturz bewahrt; womöglich aber wären die Verletzungen glimpflicher ausgefallen. Augenzeugen zufolge soll er nach dem Reifentreffer mit dem Gesicht auf die Kamera, die er im Anschlag hielt, gestürzt sein.

Mit seinem Vorstoß lenkte Horner elegant von einem Problem ab. Schon in China hatte Webber nach einem Reifenwechsel sein rechtes Hinterrad verloren. Allerdings war es seinerzeit ohne größere Umwege ins Kiesbett gerollt und hatte niemanden getroffen. Damals musste Red Bull nur 5000 Euro Strafe zahlen.