Tennis

Millionenmaschine im Grünen

Wimbledon verdient prächtig an Tradition und Mythos. Nur einheimische Sieger wollen partout nicht dabei abfallen

Wenn John McEnroe morgens im Bentley zur beinahe menschenleeren Anlage des All England Club vorgefahren wird, dann spürt der ehemalige Oberflegel mehr denn je „die Liebe zu diesem grandiosen Tennis-Schauplatz“. Dem dreimaligen Sieger der Offenen Englischen Meisterschaften geht „das Herz auf“, wenn er – heute als TV-Kommentator tätig – die penible Pflege der Rasenplätze beobachtet, die holzvertäfelten Siegergalerien, das neue Wimbledon-Museum oder auch die modernste Infrastruktur für Profis und Medientross. „Viel haben sie hier nicht falsch gemacht“, sagt McEnroe (54), der sich früher an den Konventionen Wimbledons rieb – und sie heute schätzt.

Die Anlage im Südwesten Londons ist zweifellos das idyllischste Tennisfleckchen der Welt, doch an der Church Road kommt Jahr für Jahr auch eine gewaltige Geldmaschine ins Rollen. „Wimbledon ist eine Sportveranstaltung, die auf einem stabilen Fundament steht. Wir sind ein sehr profitables Unternehmen“, sagt Phil Brook, der Chef des All England Club, der die Position übernahm, als gerade das Abenteuer einer Centre-Court-Überdachung überstanden war. Auch für die langjährige Modernisierung der Anlage wurde kein einziger Pence an Steuergeldern eingesetzt, den Kraftakt mit rund 100 Millionen Euro Baukosten stemmten die Wimbledon-Macher vor allem über den Ticketverkauf.

In China schauen 100 Millionen zu

Früher als viele Veranstalter und Verbände hatte Wimbledon auch vor mehr als einem Jahrzehnt seine Fühler auf Wachstumsmärkte in Asien und Südamerika ausgestreckt. Während anderswo noch Expansionspläne in den Schubladen schmorten, eröffnete der All England Club bereits Shops in China, Thailand oder Singapur. Die Matches einer Spielerin wie der Chinesin Li Na verfolgen in deren Heimat bis zu 100 Millionen Menschen, kein Wunder, dass der All England Club dort noch flächendeckender seine Bekleidungslinien und Geschenkartikel verkaufen will.

Wimbledon wirkt dennoch wie ein Anachronismus, da es in Zeiten der totalen Vermarktung auf reißerische Werbebanden verzichtet und auch die Spieler anhält, weiter im „überwiegend weißen Dress“ (predominantly white) ans Handwerk zu gehen. Doch die Wahrung des Mythos können sich die Briten mühelos leisten, da sie mit dem Verkauf von Fernsehrechten und Fanartikeln auch auf der Anlage selbst jährlich einen Reingewinn von bis zu 35 Millionen Euro einstreichen. Bei den TV-Rechten gab es zwar einen Einbruch, weil die einst so generösen deutschen Fernsehpartner als Geldquelle ausfielen – aber längst sieht die Bilanz dank Geldern aus Asien und Osteuropa wieder freundlicher aus. Auch der Finanzkrise hat Wimbledon mühelos getrotzt: Auf Jahre hinaus seien die Sponsorenpakete für Unternehmen ausgebucht, die den Tennis-Schauplatz zur exklusiven Kundenpflege nutzen, sagt Geschäftsführer Richard Lewis, „wir haben hier nichts von Rezession gespürt.“

Die Veranstalter in Paris oder New York können nur neidisch auf Wimbledon schauen, wo man mit dem Regen-Schirm über dem Centre Court endlich auch Veranstaltungssicherheit besitzt, sehr zur Freude der TV-Partner, die keine Konserven mehr senden müssen.

Nur die Abgaben an den britischen Tennisverband zahlen sich nicht aus. Fast eine halbe Milliarde Euro überwiesen die Turniermacher in den letzten 20 Jahren, doch nur zwei Stars (Tim Henman, Andy Murray) und viele Mitläufer produzierte das Fördersystem. „Wo bleibt der Tennis-Aufschwung“, fragte vor einiger Zeit die „Times“ und kanzelte die „unfähigen Verbandsmanager“ ab. Auch Altmeister Henman wundert sich: „Wir haben drei Millionen Fußballspieler, fünf Millionen Schwimmer, aber nur rund 50.000 bis 60.000 Tennisspieler“, sagt er, „das ist doch unglaublich.“