Tennis

Lisicki ist eine Wucht

Die Berlinerin zieht zum zweiten Mal ins Halbfinale von Wimbledon ein: „Diesmal bin ich bereit“

Gerade hatte Sabine Lisicki in Wimbledon die Tür zur Halbfinal-Herrlichkeit aufgestoßen, da saß der derzeit beste Tennisspieler der Welt im BBC-Fernsehstudio. Und auch er, der magische Novak Djokovic, der bisher alles überragende Mann dieser Offenen Englischen Meisterschaften, reihte sich in die immer größere Schar der Lisicki-Fans ein: „Sie ist das Mädchen mit dem Lächeln im Gesicht. Es macht einfach Spaß, ihr zuzuschauen“, sagte der Serbe, „ich bin glücklich, dass sie weiter im Turnier geblieben ist.“

Wohin dieses neueste Wimbledon-Märchen des Berliner Tennis-Fräuleins führt, ist noch ungewiss. Ins Finale vielleicht, vielleicht sogar auf den Thron des All England Club, 25 Jahre nachdem eine gewisse Steffi Graf hier zum ersten Mal zur Rasen-Königin ausgerufen wurde. Doch eins steht schon fest: Diese Sabine Lisicki, die am Dienstag aus den rauschhaften Höhen des Sensationssieges gegen Serena Williams nicht unsanft auf dem Grasteppich landete, sondern mit einem 6:3, 6:3-Sieg über Estlands Kaia Kanepi in die Runde der letzten Vier und zu einem Duell mit Polens Angnieszka Radwanska vorstieß, hat Wimbledons Herzen aufs Neue erobert.

„Kein deutscher Profi seit Boris Becker liebt Wimbledon so sehr wie Lisicki. Und das ist auch das Geheimnis ihres Erfolgs“, sagte die große Martina Navratilova über die 23-jährige Berlinerin. Lisicki sei nun „eindeutig die Turnierfavoritin Nummer eins“, erklärte die einstige Weltranglisten-Erste Tracy Austin (USA), „sie ist die Spielerin, die es zu schlagen gilt für den Pokalsieg.“ Übrigens auch nach dem Eindruck der Buchmacher, bei denen Lisicki vor dem Halbfinale gegen Radwanska die Wettfavoritin Nummer 1 ist. Als Spielverderberin für deutsche Gegnerinnen kennt sich die Weltranglisten-Vierte Radwanska gut aus, im vergangenen Jahr hatte sie die Reise von Angelique Kerber beendet.

Lisicki selbst wollte nicht zu weit nach vorne schauen, sie sprach lieber vom „besten Gefühl der Welt“, in Wimbledon als Publikumsliebling auf dem Platz zu stehen. Selbstzweifel kennt die 23-Jährige, die 2011 im Halbfinale an Maria Scharapowa gescheitert war, allerdings nicht. „Ich wusste schon vor dem Turnier, dass hier alles möglich ist“, sagte sie, „diesmal bin ich bereit. Ich fühle mich besser, fitter und frischer als vor zwei Jahren“.

In den pausenlosen Verrücktheiten dieses Wimbledon-Turniers 2013 behielt Lisicki am achten Spieltag eisern die Ruhe, zeigte gegen Kanepi die gewachsene Reife einer Athletin, die auf dem heiligen Rasen schon Stammgast in der entscheidenden Grand-Slam-Phase ist. Während ja alle Revoluzzer, Partykiller und Favoriten-Vertreiber gleich in der nächsten Runde wieder ausschieden, One-Hit-Wonder wie Sergej Stachowski, der Federer-Besieger, oder Michelle Larcher de Brito, die Scharapowa-Bezwingerin, war Lisicki hellwach und stark genug, um nach dem Serena-Umsturz auch die unspektakuläre Arbeit gegen Kanepi effizient zu vollenden. „Solche Siege sind genau so wichtig wie Siege gegen Williams“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, „da zeigt sich die professionelle Einstellung, die Klasse einer Grand-Slam-Spielerin.“

Jedenfalls war sie nun schon zum zweiten Mal nach 2011 im Halbfinale angelangt, diese immer vergnügte Deutsche, die Wimbledon so sehr liebt. „Es ist ganz einfach: Wenn du lächelst, kannst du auch nicht unzufrieden sein. Dann spielst du besseres Tennis“, sagte die frühere britische Tennisgröße Sue Barker, „Lisicki schwebt hier auf einer Welle der Popularität“.

Und sportliche Anerkennung verdient sie sich sowieso bei einem Turnier, bei dem sie von der ersten Runde an schwerste Herausforderungen zu meistern hatte: Zum Auftakt siegte sie gleich gegen die ehemalige French Open-Gewinnerin Schiavone aus Italien, dann gegen die Russin Wesnina, angereist mit der Empfehlung des Turniersieges in Eastbourne, dann gegen Australiens Samantha Stosur, auch sie eine Grand-Slam-Championesse. Und schließlich auch noch gegen Serena Williams, mit einem Knalleffekt, der noch lauter war als als alle anderen Coups im irre gewordenen Wimbledon 2013. „Ich musste von Anfang an für großes Tennis bereit sein. Und das war ich auch“, sagte Lisicki nach dem Erfolgserlebnis gegen Kanepi, „ich gehe jetzt mit großem Selbstbewusstsein in die entscheidenden letzten Tage.“ Mit noch mehr Zuversicht sogar als vor zwei Jahren, als sie im Halbfinale gegen Maria Scharpowa unterlag. „Ich denke, jetzt ist alles drin für sie. Sie muss vor niemandem Angst haben“, sagte der neue Lisicki-Coach Wim Fissette, auch er ein Spezialist für Überraschungsmissionen, 2009 hatte er Kim Clijsters 2009 zum US-Open-Triumph nach ihrer Babypause geführt.

Gegen Radwanska ohne Druck

Auf der Tribüne erlebten Vater Richard und Mutter Elisabeth genau wie Fissette einen eher ruhigen Nachmittag, an dem „Super Sab“ (The Mirror) dem Viertelfinalmatch klar die Prägung verlieh – und nur Anfang des zweiten Satzes einmal in kleinere Schwierigkeiten geriet, als sie ihren Aufschlag zum 1:2 verlor. Doch der das Malheur wurde schnell getilgt. Zwei Matchbälle vergab die Berlinerin dann noch, bevor sie zum Freudensprung abhob vom Rasen des Court 1 – schwerelos leicht. „Ich freue mich auf das, was jetzt noch kommt“, sagte Lisicki hinterher, „und ich spüre nicht den geringsten Druck.“