Steffi Graf

„Meine Heimat wird immer Deutschland bleiben“

25 Jahre nach ihrem ersten Wimbledon-Sieg: Steffi Graf über ihre enge Beziehung zu Berlin und ihre Rolle als Vorbild

Sie ist dezent geschminkt, sieht blendend aus und wirkt entspannt. Steffi Graf war bestens gelaunt, als sie auf ihrer zehntägigen Geschäftsreise durch Europa in Berlin einen Zwischenstopp einlegte. Heute ist es genau ein Vierteljahrhundert her, dass die erfolgreichste Tennisspielerin der Welt in Wimbledon das erste Mal triumphierte. Im Finale am 2. Juli 1988 hatte sie Martina Navratilova 5:7, 6:2, 6:1 besiegt. Morgenpost-Redakteur Jens Hungermann unterhielt sich mit der 44-Jährigen.

Berliner Morgenpost:

Seit gut einer Woche laufen die 127. All England Championships. Was löst das Wort Wimbledon heute in Ihnen aus, Frau Graf?

Steffi Graf:

Eine große Vertrautheit. Erinnerungen an die Rasenplätze. Erinnerungen daran, wie es sich anfühlt, dort zu spielen, wie ich Wochen im Frühsommer dort verbracht habe. Aber extreme Emotionen? Nein, die löst Wimbledon in mir nicht mehr aus. Dafür ist alles zu weit weg. Es ist ja 14 Jahre her, dass ich zurückgetreten bin...

...und 25 Jahre ist es her, dass Sie in Wimbledon Ihren ersten von insgesamt sieben Titeln gefeiert haben.

Verrückte Zahl! Als jemand mich neulich an dieses Jubiläum erinnerte, habe ich den Kopf geschüttelt. Lange her, das Ganze. Ich habe vieles erlebt und gelebt seitdem.

Verspüren Sie bisweilen noch Sehnsucht nach Applaus wie damals?

Applaus... (lacht auf und überlegt lange) Mir ging es immer darum, zufrieden vom Platz zu gehen. Das hatte weniger mit Sieg oder Niederlage zu tun, sondern mit dem Weg dorthin. Damit, wie stark ich versucht habe, zu gewinnen, wie sehr ich jeden Tag an meine Grenzen gegangen bin. Dieser Weg inspirierte mich. Der Applaus der Zuschauer war dann mitunter die Krönung. Er zeigte mir, dass die Menschen mochten, wie ich gespielt habe, er tat mir gut und hat mich unterstützt – aber ich habe fast noch mehr meinen eigenen Applaus gebraucht.

Ihr Name wird noch heute in Umfragen nach den prominentesten Deutschen weit vorn genannt. Es gibt sogar Leute, die glauben, Sie spielten noch aktiv Tennis.

Das amüsiert mich, einerseits. Andererseits kommt es in letzter Zeit häufiger vor, dass Menschen auf mich zutreten und mir sagen: Mensch, ich habe damals unheimlich Spaß gehabt, dir beim Tennisspielen zuzusehen. Darüber freue ich mich riesig. Es ist eine tolle Wertschätzung.

Verfolgen Sie nach wie vor, was in Deutschland passiert?

Nicht intensiv, aber doch regelmäßig aus der Distanz. Dass es die schlimme Flut gab, habe ich zum Beispiel mit sehr viel Sorge mitverfolgt. Und dass Bayern München eine tolle Saison gespielt hat, war selbst in den Vereinigten Staaten nicht zu überlesen.

Empfinden Sie es als Rückkehr in die Heimat, nach Deutschland zu kommen? Oder ist Las Vegas inzwischen zu Ihrer Heimat geworden?

Nein, Heimat wird immer Deutschland bleiben. Zu Hause aber ist dort, wo meine Familie ist. Und das ist Las Vegas, dort lebt mittlerweile ein Großteil meiner Familie. Aber mit Deutschland verbinde ich so viele schöne Erinnerungen. Auch mit Berlin.

Berlin? Da haben Sie doch nie gelebt.

Nein, aber ich habe viel Zeit dort verbracht. Als ich jetzt geschäftlich für meine Fitnesskette Mrs. Sporty hier war, bin ich staunend durch die Stadt gefahren und war zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß, habe mir das alte Stadion angeschaut (der Centre-Court ist nach Graf benannt – d.R.). Es ist so viel Bewegung in der Stadt. Das gefällt mir.

Ihr Sohn ist elf, ihre Tochter neun Jahre alt. Sie als Mutter kennen das Dilemma: Wie lassen sich Familie, Beruf und obendrein noch Sport unter einen Hut bringen?

Organisation ist etwas, was mir immer leicht gefallen ist. Der Sport hilft mir nach wie vor, Energie für den Tag zu tanken. Ich nehme mir meist drei- bis viermal in der Woche eine halbe bis Dreiviertelstunde Zeit dafür, auch um mal durchzuschnaufen.

Sind sportliche Vorbilder heute noch wichtig für Kinder?

Sport wird immer wichtiger! Das sehen wir allein an den unglaublichen Zahlen aus Studien zu Diabetes oder Fettleibigkeit bei Kindern. Das liegt am Mangel an Informationen über richtige Ernährung, aber auch daran, was ihnen vorgelebt wird. Sport kann helfen. Wir alle sind da Vorbilder, jeder Vater, jede Mutter.

Sehen Sie selbst sich heute mehr als Vorbild als früher?

Mir fällt es generell schwer, mich als öffentliches Vorbild zu sehen. In der Rolle finde ich mich nicht wieder. Im Privaten, als Eltern haben mein Mann Andre und ich erfahren, dass es einfacher ist, etwas vorzuleben als etwas zu erklären.