Tennis

Lisicki verzaubert Wimbledon

Die Berlinerin schlägt auch Serena Williams. Die Amerikanerin hatte seit Februar nicht verloren

Sabine Lisicki fiel mit einem spitzen Schrei auf den Heiligen Rasen von Wimbledon. Mit Tränen in den Augen blickte sie fassungslos über den Centre-Court. In ihrem Gesicht spiegelte sich das Glück, aber auch die eigene Überraschung über den größten Sieg ihrer Karriere wider. 6:2, 1:6, 6:4 hatte die Weltranglisten-24. aus Berlin die turmhohe Favoritin und fünfmalige Wimbledon-Siegerin Serena Williams im Achtelfinale geschlagen. Nach der Sensation und dem Viertelfinaleinzug fing Lisicki beim Sieger-Interview hemmungslos an zu weinen und stammelte immer wieder: „Das ist unglaublich. Ich zittere am ganzen Körper. Und mir fehlen die Worte.“

Nowitzki gratuliert umgehend

Für jeden einzelnen Punkt habe sie gekämpft, immer unterstützt von den Zuschauern, die ebenfalls „unglaublich“ waren: „Vielen, vielen Dank für diese Unterstützung“, sagte Lisicki schon wieder etwas gefasster. „Serena hat unglaubliches Tennis gespielt, sie hatte tolle Schläge. Ich habe für jeden Punkt alles gegeben, unglaublich, dass ich im Match geblieben bin. Es war unglaublich, ich liebe diesen Court so sehr! Das war der größte Sieg meiner Karriere, definitiv.“

Schon heute (14 Uhr) trifft die Berlinerin im Viertelfinale auf Kaia Kanepi aus Estland. Noch ganz im Zeichen der Freude des Sieges über die Nummer eins aus den USA gestand sie aber: „Daran denke ich jetzt noch nicht.“ Später sagte sie: „Ich sehe es nicht so, dass eine die Favoritenrolle hat.“ Ihre Fed-Cup-Teamkollegin Andrea Petkovic dachte aber sogar schon an den ganz großen Triumph. „Unglaublich, Olle!!! Glüüüückwuuuunsch! Hol dir das Ding“, twitterte sie überschwänglich. Steffi Graf gratulierte aus der Ferne via Facebook: „Gratulation an Sabine für den tollen Sieg!“

Aus dem Lager ihrer männlichen Verehrer kamen ein „Wahnsinn. Glueckwunsch!“ von Basketball-Superstar Dirk Nowitzki und ein „Respekt! Glückwunsch“ von Handball-Legende Stefan Kretzschmar. „Sabine spielt gerne auf großen Plätzen. Wenn die Zuschauer hinter ihr stehen, dann spielt sie auf einem Niveau, das eigentlich in die Top Ten gehört“, lobte Davis-Cup-Sieger Patrick Kühnen, der als Experte des TV-Senders Sky hautnah dabei war. „Das ist eine Riesensensation, hier in Wimbledon Serena Williams zu schlagen. Sabine hat couragiert und bis zum Ende fokussiert durchgespielt. So ein Match wirklich nach Hause zu spielen, ist nicht leicht.“ Lisicki habe sich „jetzt eine große Chance erspielt“, fand Kühnen, warnte aber auch gleich vor der kommenden Aufgabe: „Kaia Kanepi ist eine starke Spielerin. Da werden die Karten neu gemischt.“

Auch wenn das Wort von der Sensation in diesen Tagen inflationär gebraucht wird, Lisickis Erfolg war nicht weniger als das. Williams' Ausscheiden stellt sogar die Niederlagen von Roger Federer und Rafael Nadal in den Schatten. Die Anzahl derer, die an eine Niederlage der Titelverteidigerin geglaubt hatten, lag im nicht mehr messbaren Bereich, immerhin hatte die Amerikanerin seit 34 Spielen nicht mehr verloren.

Nur Lisicki selbst und mit ihr der Anhang um Vater Richard und Bundestrainerin Barbara Rittner („Danke, dass ich dabei sein durfte“) hatten immer an das kleine Tennis-Wunder geglaubt. Auf dem Platz, das sagte Lisicki vor dem Match, habe sie keine Angst. Auch nicht vor der 16-maligen Grand-Slam-Siegerin Williams, die als unbezwingbar galt und tatsächlich seit Februar kein Match auf der Tour mehr verloren hatte.

Schon im Vorjahr hatte Lisicki in der Runde der letzten 16 einen schillernden Superstar der Branche gestürzt, die große Maria Scharapowa. „Angst vor großen Namen kennt Sabine nicht. Kannte sie noch nie“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner, die vor dem Centre-Court-Duell klipp und klar und völlig zutreffend gesagt hatte: „Wenn hier eine Williams schlagen kann, dann Lisicki.“

Vom Rückstand unbeeindruckt

Den Glauben an sich selbst verlor Lisicki auch nicht, als sie im dritten Durchgang mit 0:3 in Rückstand lag und kaum noch jemand dachte, dass sich die 23-jährige Berlinerin noch eine Siegchance erkämpfen geschweige denn gewinnen könne. Williams hatte zu ihrem druckvollen und vor allem nahezu fehlerfreien Spiel gefunden. Doch Lisicki hatte in Wimbledon schon für genug Überraschungen gesorgt und 2009, 2011 und 2012 jeweils die amtierende French-Open-Siegerin geschlagen. Das gelang ihr auch diesmal. Nach 2:04 Stunden verwandelte sie ihren zweiten Matchball mit einem Vorhand-Winner und nahm die Glückwünsche ihrer Gegnerin entgegen. „Ich bin fast gestorben vor Aufregung“, sagte Mutter Elisabeth, „aber Sabine liebt diese diese Bühne.“ Mehr noch als die große Serena Williams, die später lapidar zu Protokoll gab: „Als es zählte, war Sabine besser. Mehr muss man kaum sagen.“

Schon im ersten Durchgang hatte Lisicki der Weltranglistenersten den Schneid abgekauft und Williams in tiefe Zweifel gestürzt. Vier Breakbälle wehrte Lisicki mutig ab und schlug zu, als die Amerikanerin ihre erste kleine Schwäche im Turnierverlauf zeigte. Als Lisicki dann auch ihr erstes Aufschlagspiel im zweiten Durchgang zum 1:0 durchgebracht hatte, fingen die Zuschauer auf den Tribünen unruhig an zu tuscheln. Doch Williams bewies, warum sie seit 34 Matches nicht mehr verloren hatte. Finster blickte sie drein, drehte jedoch sofort auf, als Lisicki ein wenig ihre Linie verlor und drei Doppelfehler produzierte.

Monatelang hatte die Berlinerin auf der Tour kaum glänzen können. Doch in Wimbledon, an einem Schauplatz, mit dem sie vom ersten Profijahr an eine besondere Liebesbeziehung verbindet, rückte sie wieder zur Hauptdarstellerin auf. „Sabine ist hier eine ganz andere Spielerin. Voll mit Selbstbewusstsein. Voll mit Zuversicht und Kraft“, sagte Vater Richard Lisicki, nachdem seine Tochter im letzten Satz eine ihrer verrückten Aufholjagden auf die Wiese gezaubert hatte - Spiel, Satz und Sieg: Lisicki!