Formel 1

Rosberg gewinnt die Reifen-Lotterie

Am Tag der platzenden Gummiwalzen feiert Mercedes Sieg in Silverstone. Getriebeschaden stoppt Vettel

In Runde 18 wurden in Silverstone Helden geboren. Zu Dutzenden huschten Streckenposten in orangefarbenen Warnwesten auf die Strecke und sammelten im Entengang Splitter und Gummifetzen auf. Hinter ihnen schrubbten Kehrmaschinen über den Asphalt, während das Safety Car die Meute der Formel-1-Boliden im Zaum hielt. Über den Boxenfunk warnten die Teamchefs ihre Piloten vor angeblich scharfkantigen Randsteinen.

So ganz genau kannte niemand die Ursache der kurios-gefährlichen Häufung identischer Reifenschäden im ersten Renndrittel. Nachdem binnen weniger Minuten in der Reifen-Lotterie Lewis Hamilton, Felipe Massa und Jean-Eric Vergne die linken Hinterreifen um die Ohren geflogen waren, ordneten die Veranstalter des Großen Preises von Großbritannien vorsorglich eine Zusatzreinigung der Strecke an.

Wie der Vater, so der Sohn

Nico Rosberg ärgerte sich nur kurz darüber. Zwar wurde die Boxenstrategie des Mercedes-Piloten von der Neutralisierung durcheinandergewirbelt, allerdings blieben seine Reifen bis zum Ende des Rennens heil und trugen ihn als Ersten vor Mark Webber und Fernando Alonso über den Zielstrich. „Das ist ein besonderer Tag“, jubelte Rosberg, der 35 Jahre nach seinem Vater Keke in Silverstone gewann. Der glückliche Gewinner musste nach Rennende kurz bangen, weil er unter gelben Flaggen sein Tempo nicht genügend reduziert hätte. Doch es blieb bei einer folgenlosen Verwarnung.

Damit beschenkte sich der gebürtige Wiesbadener drei Tage nach seinem 28. Geburtstag nicht nur selbst. Er linderte auch Mercedes’ Ärger über das Pech von Stallgefährte Hamilton, der nach seinem Reifenschaden vom ersten auf den letzten Platz zurückgefallen war und nach einer bemerkenswerten Aufholjagd Vierter wurde. „Ich habe keine Lust, mein Leben für diese verdammten Reifen zu riskieren“, schimpfte der Brite nach der Zieldurchfahrt. Nicht zuletzt dürfte die Silberpfeile freuen, dass Rosberg mit seinem dritten Karrieresieg den Frust bei den Red Bull verstärkt.

Die waren ob des Ausfalls von Weltmeister Sebastian Vettel zehn Runden vor Schluss ohnehin schon bedient. „Es war ein Getriebeschaden, wir wissen noch nicht, warum“, sagte der 25-Jährige: „Es kam sehr plötzlich. Ursprünglich war alles in Ordnung, dann wollte ich vom fünften in den sechsten Gang hochschalten, der fünfte hat sich dabei verabschiedet.“ Als wäre der erste technisch bedingte Ausfall der Saison nicht schon ärgerlich genug, übernahm ausgerechnet ein Mercedes-Pilot das Gewinnen.

Die vergangenen Tage hatten die Vertreter beider Teams vornehmlich dazu genutzt, sich gegenseitig anzuzicken. Er rede nur noch mit Niki Lauda und nicht mehr mit Motorsportchef Toto Wolff, hatte Red-Bull-Berater Helmut Marko vor dem Rennen verkündet. Es war die Replik auf die Provokation seines Landsmannes, der sinngemäß gesagt hatte, ein Brauseschuppen wie Red Bull könne auf Dauer ja wohl kein ernsthafter Konkurrent für den Weltkonzern Mercedes sein.

Der Streit brodelt seit dem Urteil in der Reifenaffäre, das Red Bull für unangemessen milde hält. Seither bemühen sich beide Teams, die Kluft zu vertiefen, die sie ohnehin trennt. Der Ausgang des achten Saisonlaufs dürfte das nur noch beschleunigen.

Räikkönen verdrängt Schumacher

Auf dem Podest kam es immerhin zu einem Anflug von Diplomatie, als Red-Bull-Pilot Webber seinem Nebenmann Rosberg gratulierte. Für den Australier war es die zweite Genugtuung an diesem Rennwochenende, nachdem er am Donnerstag seinen Ausstieg aus der Formel 1 am Saisonende verkündet hatte. Bei den Red-Bull-Bossen führte dieses Manöver zu Verstimmung, weil sie sich nicht rechtzeitig in die Planungen eingeweiht gefühlt hatten. Nach seiner furiosen Fahrt beim letzten Auftritt auf seiner Lieblingsstrecke konnte er sich daher eine Spitze in Richtung des ungeliebten Noch-Teamkollegen nicht verkneifen. „Ich weiß nicht, wo das nächste Rennen ist“, sagte er schelmisch mit Blick auf Vettels Heim-Grand-Prix auf dem Nürburgring am kommenden Sonntag: „Aber ich würde es zu gern gewinnen.“

Immerhin erwies er Vettel den womöglich noch sehr wertvollen Dienst, Ferrari-Star Alonso drei WM-Punkte wegzuschnappen. Dennoch hat der Spanier mit nun 21 Zählern Rückstand wieder Tuchfühlung zum Spitzenreiter aufgenommen. „Ich bin sehr zufrieden mit den Punkten“, sagte der von Rang neun gestartete Alonso: „Aber nicht mit der Leistung des Autos an diesem Wochenende.“ Vor allem aber sollte er glücklich sein, dass er körperlich unversehrt in die Eifel fahren kann. Fünf Runden vor Schluss explodierte der linke Hinterreifen des vor ihm fahrenden Mexikaners Sergio Perez – dasselbe Mysterium wie bei dem Trio zu Beginn. Die umherfliegenden Gummifetzen verfehlten Alonso nur um Haaresbreite.

Für Freunde der Formel-1-Statistiken hat Kimi Räikkönen ein neues Kapitel aufgeschlagen. Der auf Rang fünf ins Ziel rollende Finne hat in Silverstone Rekordweltmeister Michael Schumacher einen Rekord abgenommen. Der Lotus-Pilot ist nun 25 Mal in Folge in die Punkteränge gefahren, einmal mehr als Schumacher zwischen 2001 und 2003. Puristen allerdings schätzen Schumachers Leistung immer noch höher ein. Der siebenmalige Champion stellte den Rekord in einer Zeit auf, als nur die ersten Sechs und dann die besten Acht (bis 2009) Punkte bekamen.