Interview

„Wimbledon gibt mir eine besondere Kraft“

Nirgends spielt Sabine Lisicki besseres Tennis als auf Rasen in London. Aber jetzt wartet Serena Williams auf die Berlinerin

Sabine Lisicki hat sich in den vergangenen Jahren zur deutschen Wimbledon-Spezialistin entwickelt. Die Berlinerin spielt hier ihr bestes Tennis, kämpfte sich 2009 und 2012 ins Viertelfinale vor, erreichte 2011 sogar das Halbfinale. Nach ihrem Sieg über die Australierin Samantha Stosur steht sie nun wieder im Achtelfinale – und begegnet dort heute der Nummer 1 der Welt, Serena Williams. Morgenpost-Mitarbeiter Jörg Allmeroth sprach mit der 23-Jährigen über ihre Vorliebe für das bedeutendste Tennisturnier der Welt.

Berliner Morgenpost:

Frau Lisicki, schon wieder richten sich die Blicke der Tenniswelt in Wimbledon auf Sie. Am großen Achtelfinaltag treffen Sie auf Serena Williams – hätten Sie das nach den letzten schweren Tourmonaten erwartet?

Sabine Lisicki:

Wimbledon gibt mir irgendwie eine besondere Kraft. Hier geschehen einfach großartige Dinge für mich. Es gibt viele Spielerinnen, die das Turnier gar nicht mögen, Rasentennis, die Regenprobleme, das ganze Drumherum. Aber ich liebe es von ganzem Herzen. Und wenn man es nicht lieben würde, dieses Wimbledon, dann könnte man hier auch nicht gut spielen.

Wie macht sich das besondere Lebensgefühl Wimbledons bemerkbar?

Wenn ich das erste Mal durch das Haupttor des Klubs auf die Anlage gehe, spüre ich dieses Kribbeln. Das ist so ein Gänsehaut-Moment, der Moment, wo du weißt: Jetzt ist das Turnier da, auf das du gewartet hast. Und bei dem du das Letzte und Beste aus dir herausholen willst. Schon im Training vor dem Turnier ist die innere Freude da, die Lust auf Wimbledon.

Boris Becker hat vor zwei Jahren einmal über Sie gesagt: Sie spielt genau so, wie man in Wimbledon spielen muss. Sie hat dieses Gen für Rasentennis. Trifft das zu?

Es ist ein schönes Kompliment. Aber es stimmt auch. Es gibt eine Selbstverständlichkeit in meinem Spiel, wenn ich hier in Wimbledon wieder auf die Courts marschiere. Ich brauche da keine lange Anlaufzeit, kein Warm-up. Ich bin sofort mit vollem Schwung dabei. Da helfen natürlich auch die Erlebnisse der letzten Jahre, die tollen Siege in Spitzenmatches. So wie gegen Maria Scharapowa letztes Jahr.

Bei Ihren letzten Starts haben Sie jeweils die amtierende French-Open-Siegerin ausgeschaltet – Swetlana Kusnetsowa 2009, Li Na 2011 und Maria Scharapowa 2012. 2013 hat Serena Williams in Paris gewonnen, jetzt ihre Gegnerin im Achtelfinale ...

Das ist schon eine verrückte Story und Serie. Geschenkt kriege ich deshalb natürlich keinen Punkt gegen Serena. Ich glaube aber auch jetzt an mich und an meine Chance. Und wir spielen auf dem Centre-Court, meinem Lieblingsplatz, dem Platz, den ich mehr liebe als jeden anderen auf der Welt. Dieser Platz atmet Tradition, dieser Platz ist eine Kostbarkeit - und er macht Spieler wirklich zu großen Stars.

Nach Ihren Auftritten hier taufte die britische Presse Sie „BumBum-Bine“ oder auch „Doris Becker“. Mögen Sie das?

Das fand ich eigentlich ganz lustig. Die Namen haben sie mir ja nach dem Spiel gegen Li Na 2011 gegeben, als ich Matchbälle mit Assen abgewehrt und dann noch gewonnen habe. Das war so ein Schlüsselspiel überhaupt für mich – da habe ich zum ersten Mal wirklich gemerkt, was ich hier in Wimbledon leisten kann. Das war schon eine unheimlich schöne Erfahrung, diese Gewissheit, in den wichtigsten Momenten nicht ängstlich zu werden, sondern mit vollem Selbstbewusstsein noch draufgehen zu können.

Damals hat Wimbledon Ihnen sogar geholfen, die Folgen einer schweren Verletzung zu überwinden.

Wer weiß, wie es mit meiner Karriere weitergegangen wäre, wenn ich nicht dieses tolle Comeback in Wimbledon gehabt hätte – bis ins Halbfinale hinein? Da ist auch eine große Dankbarkeit bei mir bis heute da. Wimbledon war immer gut zu mir, aber in jenem Jahr war das gute Ergebnis besonders wichtig.

Aber auch 2013 lief nicht berauschend bisher, Trainer kamen und gingen. Nun ist der Belgier Wim Fissette mit im Team Lisicki. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Das ist jetzt eine gute Mannschaft, die wir haben. Wim ergänzt sich gut mit meinem Vater, das passt. Man muss als Profisportler auch mal nicht so schöne Erfahrungen machen, um zu wissen, was man wirklich braucht und will.