Motorsport

Vettel zeigt sein wahres Gesicht

Der einstige Lausbub entwickelt sich zum machtbewussten Meinungsführer der Formel 1

Mit eingezogenen Schultern huschte Sebastian Vettel durch die Boxengasse von Silverstone. Der Regen platschte in dicken Tropfen auf den Asphalt. Also zog es der dreimalige Formel-1-Weltmeister vor, sich nach einem kurzen Ausflug rasch in die Red-Bull-Garage zurückzuziehen. Doch vermutlich wird auch das englische Wetter nicht schaffen, was in dieser Saison noch keiner geschafft hat. Weder sein Dauerrivale Fernando Alonso, noch seine Vorgesetzten bei Red Bull und erst recht nicht der ungeliebte Team-Kollege Mark Webber konnten den Deutschen bislang davon abbringen, zielstrebig auf seinen vierten WM-Titel hin zu arbeiten. Auch wenn er sich in der Startaufstellung für das Rennen (Sonntag, 14 Uhr RTL und Sky) mit Rang drei hinter dem Mercedes-Duo Lewis Hamilton (England) und Nico Rosberg (Wiesbaden) begnügen muss. „Es ging ab wie die Feuerwehr. Platz drei war das Maximum, das wir rausholen konnten“, sagte der Heppenheimer, „aber die Punkte werden erst am Sonntag vergeben.“

Für Hamilton ist es die zweite Pole Position des Jahres und die 28. seiner Karriere. Im achten Saisonlauf steht damit schon zum fünften Mal ein Silberpfeil ganz vorn. „Das war etwas ganz Besonderes“, lobte Teamchef Ross Brawn.

Adrian Sutil steuerte seinen Force India auf Rang sechs. Der WM-Zweite Fernando Alonso aus Spanien musste sich im Ferrari mit Platz neun hinter dem ebenfalls enttäuschenden Gesamtdritten Kimi Räikkönen im Lotus begnügen. Sauber-Fahrer Nico Hülkenberg schied vorzeitig als 14. aus. Sie profitierten dabei von der Strafversetzung von Paul di Resta. Das Auto des Force-India-Piloten war 1,5 Kilogramm leichter als erlaubt, der Schotte wurde ans Ende des Starterfelds gesetzt.

Lob von Ferrari-Star Alonso

Mit 36 Punkten Vorsprung führt Vettel schon nach den ersten sieben Rennen die WM an. In England lobte sogar der sonst so angriffslustige Spanier den amtierenden Champion. „Sebastian macht einen fantastischen Job. Wir haben keinen Raum mehr für weitere Fehler“, sagte Alonso. Noch 2012 hatte der stolze Spanier sein Glück mit Provokationen versucht. Damals quittierte es der Deutsche mit Schweigen, heute mit einem kühlen Lächeln. „Ich will niemandem persönlich zu nahe treten, aber im vergangenen Jahr gab es einige Vorfälle, die mich sehr geärgert haben“, sagt Vettel: „Wir geben alles – aber nur in einem Rahmen, den wir vertreten können. Man muss mit anderen umgehen, wie man es umgekehrt auch erwartet.“

Aus dem zurückhaltenden Blondschopf, der mit seinem Lausbubencharme viele Herzen erobert hat, ist in den vergangenen Jahren nicht nur der erfolgreichste aller aktiven Formel-1-Piloten geworden. Sebastian Vettel hat sich in dieser Saison endgültig zum knallharten Erfolgs- und Machtpiloten entwickelt. Erst am Rande des Großen Preises von Großbritannien bekam sein Rennstall das wieder zu spüren.

Es war am Donnerstagmorgen um kurz nach neun Uhr Ortszeit, als Mark Webber gemeinsam mit einigen Verantwortlichen des Sportwagen-Herstellers Porsche eine Mitteilung in die Welt hinaus sendete. Darin erklärte der Australier seinen Rückzug aus der Formel 1 am Saisonende, um 2014 an Porsches Langstrecken-Programm teilzunehmen. Seine Vorgesetzten im Red-Bull-Team informierte er erst 60 Minuten vorher. „Eine Stunde Vorwarnung ist ein bisschen wenig“, meinte Teamchef Christian Horner später angesäuert. „Die Jungs in der Fabrik waren enttäuscht, dass sie das aus dem Internet erfahren haben.“

Nicht nur die Crew, auch die Rennstall-Leitung war verstimmt über den unangekündigten Rückzug ihres langjährigen Fahrers. Das lag weniger an der Entscheidung selbst; vermutlich wird Horner froh sein, dass ihm in Zukunft die Grabenkämpfe zwischen Vettel und Webber erspart bleiben. Vielmehr störte ihn die nächste Kommunikationspanne vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Red-Bull-Mäzen Dietrich Mateschitz war nämlich bereits seit Monaten über die Gedankenspiele des Australiers im Bilde. „Dietrich wusste immer Bescheid, was ich dachte“, meinte der 36-jährige Webber später: „Er ist absolut involviert gewesen. Er hat mich dazu ermutigt, nichts zu überstürzen, als ich ihm früh in der Saison davon erzählt habe. Wir haben die richtige Vorgehensweise gewählt.“

Offenbar behielt Mateschitz dieses Wissen für sich. Horner wurde jedenfalls ebenso wie Motorsport-Berater Helmut Marko von der Entscheidung und vor allem vom Zeitpunkt ihrer Bekanntmachung überrascht. Auf die Kommunikation zwischen der Teamleitung und dem allmächtigen Geldgeber wirft das kein gutes Licht. Schon bei der Vertragsverlängerung von Vettel war Marko seltsam uninformiert und hatte kurz vor der öffentlichen Bestätigung leidenschaftlich dementiert. Die Teamleitung, so scheint es, ist gerade dabei, ihre Hoheit über das Geschehen im Rennstall zu verlieren.

Das spürt auch Vettel, der die vermeintliche Schwäche seiner Vorgesetzten genutzt hat, um sich beim dreimaligen Konstrukteurs-Weltmeister quasi unantastbar zu machen. Als er im März in Malaysia entgegen der Anweisung der Teamleitung zum Überholmanöver gegen Webber ansetzte, zeigte er nur kurz Reue. Nach einer dreiwöchigen Bedenkpause widerrief er seine Entschuldigung und sagte voller Überzeugung, dass er jederzeit wieder so handeln würde. Bestraft wurde er für diesen öffentlich inszenierten Ungehorsam nicht. „Ich weiß, was ich geleistet habe“, erklärte Vettel sein neues Standing: „Das macht mich stolz. Aber ich stehe nicht jeden Morgen auf und denke als erstes an den Pokal, der da in meiner Vitrine steht.“

Der Heppenheimer, der zu Beginn seiner Karriere stets vor Dankbarkeit für Red Bull und deren großzügiges Sponsoring überquoll, hat sich zum selbstständigen Meinungsführer entwickelt. In der Affäre um Mercedes’ Reifentest bekannte er als erster Pilot seinen Unmut, auch in Silverstone sagte er wieder: „Wenn man davon spricht, dass die Mercedes-Leute die Buhmänner sind, spiegelt das Gefühlslage im Fahrerlager wieder.“ So redet einer, der sich seiner Rolle sehr sicher ist. Den Vettel, der sich nicht um die Politik im Fahrerlager schert, gibt es nicht mehr. Die Erfolge und die Turbulenzen der vergangenen Saison mit zwei furiosen Aufholjagden in Brasilien und Abu Dhabi sowie die Dauerfehde mit Alonso haben ihn emanzipiert von seinen Bossen an der Rennstrecke. „Die ganz große Erwartungshaltung, die ich an mich selbst hatte, ist befriedigt“, meint er: „Ich wollte unbedingt einmal Weltmeister werden. Das habe ich geschafft.“

Das solle freilich nicht heißen, dass ihm fortan „alles wurscht ist: Ich muss nicht nach einem Grund suchen, um auf die Strecke zu fahren. Das ist selbsterklärend. Ich will raus auf die Straße und die anderen abhängen. Keiner muss mir sagen, dass ich Gas geben soll.“ Das wurde in Malaysia offensichtlich, als er eigenständig entschied, was das Beste für ihn war. Und das zeigt sich auch jetzt in Silverstone, als er nach der Ankündigung Webbers direkt in die Offensive ging.

Wenn er bei der Nachfolgersuche konsultiert würde, meinte Vettel kokett, dann sage er sicher seine Meinung. Dabei weiß er genau: Mit seiner Vertragsverlängerung um ein Jahr bis 2015 hat er zumindest für die nächsten beiden Jahre weiter das Sagen bei den Österreichern. Niemand wird es wagen, ihm ohne vorherige Absprache einen neuen Teamkollegen an die Seite zu stellen. Schon gar nicht die Teamleitung, die zuletzt mehrfach als letzte von wichtigen Entscheidungen erfuhr. Stattdessen bestimmt Vettel gemeinsam mit Konzernchef Mateschitz, wer nächstes Jahr den zweiten Red-Bull-Boliden steuern wird. Das Duo hat das Kommando übernommen.

Schumachers Rekord in Gefahr

Viel spricht dafür, dass Webbers Nachfolger Kimi Räikkönen heißen wird. Mateschitz hat ihm in der Vergangenheit immer wieder Komplimente gemacht, Vettel bezeichnet ihn seit gemeinsamen Badminton-Duellen als Kumpel. Das Selbstverständnis des Deutschen ermöglicht es ihm, den Kampf mit den Großen der Branche aufzunehmen. Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei, Auseinandersetzungen mit Hinterherfahrern wie Daniel Ricciardo oder Jean-Eric Vergne, die ebenfalls als Webber-Nachfolger gehandelt werden, reizen ihn nicht.

Vettel und Räikkönen in einem Team, zwei der ehrgeizigsten Piloten Seite an Seite – das würde nicht nur in der kurzen Geschichte des Rennstalls einen Richtungswechsel bedeuten, sondern einen Neustart in Vettels Karriere. Zwar würde er es wieder mit einem älteren Stallgefährten aufnehmen, Räikkönen wird im Herbst 34, Vettel nächste Woche 26 Jahre alt. Im Gegensatz zu Webber weiß der Mann aus Espoo jedoch, wie man Weltmeister wird. Seit seinem Comeback vor anderthalb Jahren besticht er durch unglaubliche Konstanz; in Silverstone könnte er gar Michael Schumachers Bestmarke von 24 Punkte-Platzierungen in Serie überflügeln.

Richtig verärgert zeigte sich Formel-1-Chef Bernie Ecclestone. „Das war desaströs für die Formel 1“, sagte der 82-Jährige der englischen Zeitung Daily Express. Wegen des Dauerregens waren am Freitagvormittag neben Weltmeister Sebastian Vettel unter anderem auch Fernando Alonso, Kimi Räikkönen und Nico Rosberg in der Box geblieben. „Die Fans zahlen viel Geld, und man muss auch an die TV-Zuschauer denken“, sagte Ecclestone. „Ich verstehe es zwar aus Sicht der Teams, weil man die Autos leicht beschädigen könnte. Aber vielleicht sollte man ihnen sechs Sätze Reifen für den Freitag geben, und wenn sie nicht fahren, ziehen wir ihnen diese Anzahl am Sonnabend ab“, sagte der mächtigste Mann in der Königsklasse. Ecclestone fürchtet um TV-Werbeeinnahmen.