Tennis

Verliebt in Wimbledon

Sabine Lisicki blüht beim wichtigsten Tennisturnier des Jahres so richtig auf. So scheint sogar der große Coup möglich

Auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon blüht Sabine Lisicki auf. Im All England Club stand die blonde Berlinerin 2011 im Halbfinale und schaffte es als „Boom Boombine“ oder „Doris Becker“ auf die Titelseiten der englischen Gazetten. Auch in diesem Jahr schickt sich Lisicki wieder an, für Schlagzeilen zu sorgen. „Ich liebe es einfach, hier zu spielen“, sagte Lisicki nach ihrem souveränen Erfolg: „Ich weiß, was mich hier erwartet, bewege mich gut und schlage vor allem gut auf.“ Die nötige Mischung habe sie gefunden, erklärte die 23-Jährige: „Ich habe nun eine gewisse Lockerheit. Oftmals war ich zu fokussiert auf Tennis und habe nichts anderes mehr gesehen.“

Ausflug zum Pferderennen

Um sich selbst aus dem Turniertrott zu befreien, fuhr Lisicki im Vorfeld von Wimbledon aufs Land, zum Pferderennen Royal Ascot. Mit dem traditionellen Kopfschmuck der feinen englischen Damen, dem sogenannten Fascinator, ausgestattet, genoss sie einen entspannten Tag abseits der Courts im Londoner Südwesten. „Ich hatte eine Einladung und habe mir gesagt: Okay, da gehst du jetzt hin, auch wenn es dich einen ganzen Tag kostet.“

Anscheinend mit Erfolg: Denn wenn am Montag das berühmteste Turnier der Welt in der zweiten Woche noch einmal so richtig an Spannung und Dynamik gewinnt, ist die Berlinerin im Achtelfinale dabei. Lisicki gelang in der dritten Runde eine 4:6, 6:2, 6:1-Aufholjagd gegen die Australierin Samantha Stosur. Auch Tommy Haas steht nach seinem ebenfalls unheimlich starken 4:6, 6:2, 7:5, 6:4 über den Spanier Feliciano Lopez im Achtelfinale.

Beiden Deutschen stehen nun Herkules-Aufgaben gegen die Branchenführer bevor. Lisicki trifft auf Serena Williams. Die US-Amerikanerin setzte sich bei ihrem 600. Einzelsieg in nur 1:01 Stunden gegen die japanische Veteranin Kimiko Date-Krumm mit 6:2, 6:0 durch. Haas bekommt es mit Novak Djokovic zu tun. Der Serbe bezwang den Franzosen Jeremy Chardy mit 6:3, 6:2, 6:2. Im Gegensatz zu Haas war die Drittrundenpartie für Djokovic allerdings nicht mehr als eine Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen. Nach nur 1:26 Stunden verwandelte der Favorit seinen dritten Matchball.

Lisicki erinnerte bei ihrem fulminanten Schlussspurt gegen die an Nummer 14 gesetzte Stosur an jene zupackende, souverän und selbstbewußt auftretende Spielerin, die mit ihren Viertelfinalteilnahmen 2009 und 2012 und ihrem Halbfinaleinzug 2011 schon bleibende Wimbledon-Eindrücke hinterlassen hatte. „Ich habe um jeden Punkt mit letzter Kraft gekämpft“, sagte die 23-jährige Berlinerin, „dieser Platz und dieses Turnier setzen besondere Kräfte frei. Es gibt keinen schöneren Ort, um Tennis zu spielen.“

Ein einziges schwaches Aufschlagspiel Lisickis hatte genügt, um sich schon eine 0:1-Rückstandshypothek aufzulasten. Doch anders als im alltäglichen Tourbetrieb, in dem sie zuletzt kaum einmal für Knalleffekte gesorgt hatte, nahm die Blondine auf dem Centre Court des All England Club die Herausforderung an, schaltete in den Turbogang und ließ die Zuschauer staunen über so viel präzises Hochgeschwindigkeitstennis. „Ich habe immer an mich geglaubt und nie nachgelassen“, sagte sie hinterher, „ich weiss, dass ich in Wimbledon in solchen Spielen immer ein Comeback schaffen kann.“

Das war dann auch im dritten, alles entscheidenden Akt des Matchs unübersehbar, in dem Lisicki die Regie führte, die Hauptrolle spielte – und Stosur regelrecht einschüchterte mit ihrem wuchtigen Service und ihren präzisen Grundschlägen. Schnell lag Lisicki 3:0 und 4:1 in Führung und ließ sich das Ticket ins Achtelfinale auch nicht mehr wegnehmen von der muskelbepackten Australierin. „Ich denke, dass Sabine die einzige ist, die Serena Williams hier im Turnier überhaupt gefährlich werden kann“, sagte Bundestrainerin Barbara Rittner optimistisch.

Haas kommt in Schwung

Haas machte mit seinem Vier-Satz-Sieg ebenfalls mächtig Eindruck auf jeden möglichen Gegner, der ihm in diesem Wimbledon-Turnier 2013 noch auf der anderen Seite des Netzes gegenüberstehen würde. „Ich bin echt zufrieden mit diesem Spiel, mit diesem Sieg“, sagte der 35-jährige, der wie so oft als ältester Profi im Wettbewerb verblieben war, „gegen Lopez – das war eine harte Bewährungsprobe, aber ich habe sie sehr, sehr gut gemeistert.“

Ähnlich wie Lisicki kam Haas erst nach einer schwächeren Anlaufphase und verlorenem ersten Satz so richtig auf volle Touren, doch wie er am Ende vor allem in den wichtigen Momenten aufspielte – bei den Big Points, das war schlichtweg imponierend. Sowohl in den Durchgängen drei wie vier gelang Haas das Break in der turbulenten Schlussphase, einmal reichte das zum Satzgewinn, das andere Mal zum Matchgewinn und zum dritten Achtelfinaleinzug in nur allzu wechselvollen Wimbledon-Jahren. „Ich hoffe, dass meine Reise nun noch ein bisschen länger dauert“, sagte Tommy Haas.

Im vergangenen Jahr war Haas in Wimbledon bereits in der ersten Runde ausgeschieden, nun sammelt er durch seinen Achtelfinaleinzug wichtige Punkte, um in der Weltrangliste zu klettern. Auch gegen Djokovic soll sein Weg noch nicht zu Ende sein. Zweimal waren sich die beiden in dieser Saison bereits begegnet. Das erste Duell gewann Haas beim ATP-Masters in Miami, zuletzt revanchierte sich Djokovic im Viertelfinale der French Open.