Trainer-Star

Guardiola will mit Bayern sechs Titel in einem Jahr holen

„El Pais“-Chefreporter Ramon Besa über die Obsessionen des neuen Münchener Trainers

Neulich erst trafen sich Pep Guardiola und Johan Cruyff zum Mittagessen. Cruyff ist einer der wenigen Menschen, die Guardiola im Januar gleich anrief, nachdem er bei den Bayern unterschrieben hatte. Beide unterhalten eine exzellente Beziehung, umso mehr jetzt, als sie beide nicht mehr beruflich an den FC Barcelona gebunden sind, der von Tito Vilanova trainiert wird.

Vilanova war Assistent von Guardiola. Der Barcelonismus funktioniert meistens wie eine große Familie, die allerdings nicht immer miteinander auskommt. So entzog Sandro Rosell, der aktuelle Klubchef, Cruyff die Ehrenpräsidentschaft, derweil Vilanova bekräftigte, seine Beziehung zu Guardiola sei erkaltet. Weshalb die beiden Tischgäste also vor allem über München sprachen – und noch mehr über Ajax Amsterdam.

Guardiola zieht immer die Ansichten Cruyffs zu Rate, weil er ihn, wie er einmal sagte, für den „Erbauer der Sixtinischen Kapelle“ hält – den Trainer, auf dessen Fundament die moderne Geschichte des FC Barcelona errichtet wurde; die Geschichte, die den Klub zum besten der Welt werden ließ. Umgekehrt betrachtet Cruyff dafür Guardiola als den besten Fortentwickler seines 1996 durch Entlassung unvollendet gebliebenen Werks. Guardiola ist ein radikaler „Cruyffista“, der jetzt im Haus von Franz Beckenbauer trainieren wird.

Nur zweimal hat Bayern München im Europacup der Landesmeister oder in der Champions League mit 0:4 verloren: gegen das Ajax des Spielers Cruyff 1973 und gegen Guardiolas Barcelona 2009. „Wir haben die beste erste Halbzeit der Klubgeschichte gespielt“, behauptete der damalige Präsident Joan Laporta, für den diese Partie bis heute Teil der Trilogie der erhabensten Auftritte von Guardiolas Mannschaft ist – neben einem 5:0 gegen Real Madrid in der Liga 2010 und einem 4:0 gegen Santos im Finale der Klub-Weltmeisterschaft 2011. Beckenbauer soll an jenem Abend des 0:4 gesagt haben, er wünsche sich, dass seine Mannschaft eines Tages auch so spiele.

Nun kommt Guardiola also nach München. Genau wie bei Cruyff handelt es sich bei Bayerns neuem Trainer um einen Romantiker, der die klassischen Traditionsklubs mag. Einst wollte er unbedingt bei Juventus spielen, dann rührte es ihn, in seinen beiden Champions-League-Finals als Barca-Trainer auf Manchester United zu treffen. Nun ist er selig, die Bayern trainieren zu können. Lieber gab er Karl-Heinz Rummenigge vor zwei Jahren seine Handynummer, als millionenschwere Offerten von Chelsea oder Manchester City anzunehmen. Nicht dass er den Scheichs oder russischen Milliardären misstrauen würde: Er zieht es einfach bloß vor, mit historischen, gesunden, soliden, durchorganisierten Klubs zusammenzuarbeiten – deren Funktionieren nicht von der Laune der Eigentümer abhängt, sondern, wie bei den Bayern, vom Urteilsvermögen von Ex-Fußballern.

Guardiola gefallen außerdem die Trainingsanlage des Deutschen Meisters, die Aufmerksamkeit für die Nachwuchsabteilung, der Kader sowie Spiel und Jugend der Mannschaft. Es ist nicht mit allzu vielen Änderungen im Personal zu rechnen. Er wird ganz sicher eine zweite Neuverpflichtung fordern neben der von Mario Götze, und womöglich wird er zwei oder drei Abgänge bewilligen, um gleich seine Handschrift erkennen zu lassen. Aber insgesamt brauchen die Bayern keinen religiösen Führer, der einen erlahmten Klub aufrichtet, nicht einmal einen Trainer, der Routinen und Ergebnisdynamik verändert, wie es bei Guardiolas Antritt 2008 in Barcelona erforderlich war. Jupp Heynckes hat das Unternehmen mit einem historischen Triple hinterlassen. Jetzt geht es darum, weiter Titel zu gewinnen und vor allem, sehr guten Fußball zu zeigen – um die Sympathien der Bundesliga und die Bewunderung der Fans in aller Welt zu gewinnen. Wer nicht Bayern-Anhänger ist, für den kommen die Münchner bislang nicht wirklich als zweiter Lieblingsklub in Betracht, erst recht nicht in einem Finale der Champions League.

Durch Spielweise beliebt werden

Wie viele andere Zuschauer auch wird sich Guardiola gefragt haben, warum die neutralen Zuschauer im Finale von Wembley überwiegend zu Borussia Dortmund hielten. Den Bayern schaden hier bestimmt die Arroganz und der Reichtum, der es ihnen ermöglicht, jeden Spieler zu kaufen, nach dem ihnen gerade der Sinn steht. Wenn sie beim Barcelonismus dennoch ein relativ gutes Image haben, dann wegen ihrer oft bewiesenen Fähigkeit, Real Madrid zu schlagen. Guardiola möchte aber, dass sich die Bayern durch ihre Spielweise für alle Welt liebenswert machen, so wie er mit Barca ein Spanien eroberte, das zuvor hingebungsvoll vor dem Mythos von Real Madrid niederkniete.

Wenige haben ihm dabei übrigens bessere Propaganda geliefert als ein Madridista, sein Freund Jorge Valdano, der sagte: „Pep ist ein großer Revolutionär; er hat den Fußball verändert. Er zeigte uns, wie man Resultate auf Grundlage der Liebe zum Ball, zum Stil und zum Spiel erreichen kann.“ Und Arrigo Sacchi fügte hinzu: „Das Rezept hat Barca, aber ohne Guardiola hat sein Spiel an Aufregung und Schönheit verloren.“

Leidenschaft und Feuer treiben Guardiola an, sein guter Fußball-Geschmack und die Obsession für Details – bis zu dem Punkt, an dem er auch seine Mitarbeiter und Fußballer erschöpft, wie es bei Barca passierte. Dort heißt es unter den Spielern, dass Messi seiner überdrüssig war, ohne einzubeziehen, dass er ja erst sein Königreich errichten konnte, nachdem ihm der Trainer mit den Verkäufen von Ronaldinho, Eto’o und Ibrahimovic die besten Bedingungen für seinen Fußball geschaffen hatte.

Guardiola selbst hat seine Energie während des Sabbat-Jahres in New York wiedergewonnen. Ist es eine größere Herausforderung und bedeutet es mehr Druck, ein bayerisches Siegerteam zu übernehmen als, wie 2008, ein darbendes Barça wiederzubeleben, mit der einzigen Trainererfahrung eines Jahres mit der zweiten Mannschaft in der vierten Liga? Die Antwort ist einfach: Er möchte diese Saison mit den Bayern wieder sechs Titel gewinnen, so wie es ihm 2009 mit Barcelona gelang.

Die Marke Bayern München strebt nach der Größe von Barca, Real Madrid oder Manchester United, und die Ankunft Guardiolas könnte das momentan eher strenge denn liebenswürdige Image des Klubs tatsächlich sanfter machen. Es wird spannend sein, wie die Stimme Guardiolas in der Sprache von Heynckes klingt. Der polyglotte katalanische Trainer hat seit Weihnachten vier Stunden am Tag Deutsch gelernt. Nicht einmal, als er zu Besuch in Barcelona war, setzte er damit aus. Guardiola will sich bei seiner offiziellen Präsentation am Montag in der Amtssprache der Bayern vorstellen. Er muss die Sprache der Fußballer beherrschen, um seine Verehrung für das Spiel zu vermitteln, um sie zu verführen, sie von seinen taktischen Losungen zu überzeugen, sie für die Sache zu gewinnen. Er will, dass sich Führungskräfte wie Angestellte auf Deutsch an ihn wenden, um ihn mit dem Verein vertraut werden zu lassen. Und er weiß, dass ihn die Anhänger besser akzeptieren, wenn er wie sie spricht und nicht Englisch.

Genauso lernte er auch Italienisch, als er Barcelona zu Spielerzeiten in Richtung Brescia verließ. Und so verstand er immer Integration, ausgehend vom Respekt für das Land des Gastgebers, aber auch von der eigenen Überzeugung; ein Umstand, der es ihm erlaubt, die vielen Pressekonferenzen mit Natürlichkeit anzugehen und jedem in seiner Sprache zu antworten, ohne dass sich jemand vor den Kopf gestoßen fühlt.

Integration mit viel Respekt

Und wenn er sich jetzt begleiten lässt von seinem Freund Manuel Estiarte, vom Fitnesstrainer Lorenzo Buenaventura und den Coaches Domenech Torrent und Carles Planchart (alles ehemalige Barca-Mitarbeiter, d. Red), dann nicht zur Brüskierung des Trainerstabs der Bayern, sondern weil sie Teil seines Rüstzeugs sind, seiner Art und Weise, den Fußball zu verstehen. Er hat schließlich nicht viel Zeit zur Eingewöhnung. Schon in der Saisonvorbereitung erwartet ihn ein Freundschaftsspiel gegen Barca, und bald folgt der europäische Supercup gegen das Chelsea von José Mourinho – einem Trainer, mit dem er nicht auf einer Wellenlänge liegt, weil der, wie er selbst sagt, „das Schlechteste in mir zum Vorschein kommen lässt“. Bei den Bayern wird er mit Kennern über Fußball plaudern, und er wird nicht all seine gewohnten Ansprüche durchsetzen können, etwa den des Trainings hinter verschlossenen Türen. Die Presse ist anders, die Bundesliga ruft viel mehr Zuschauer ins Stadion als die spanische, und in den Logen der Arena wird nicht die Zivilgesellschaft eines Landes repräsentiert wie im Camp Nou, sondern er wird sich dort erklären müssen gegenüber Figuren wie Uli Hoeneß, Matthias Sammer, Karl-Heinz Rummenigge oder Franz Beckenbauer – derselbe Beckenbauer, den Guardiolas Barca am 8. April 2009 bezirzt zurückließ und der am 7. März 1973 von Cruyff besiegt wurde.

Der „Kaiser“ nahm höflich Rache an Holland und Cruyff im WM-Finale 1974. Auch gaben die Bayern gerade das 4:0 an Barca zurück; aber in dieser Nacht saß Guardiola nicht auf der Bank.

Mit dem Ergebnis, dass es jetzt genau darum geht: Dass Guardiola den Verein von Beckenbauer nach dem Stil modelliert, den er bei Cruyff gelernt hat. Die Quadratur des Kreises im Fußball.

Unser Autor Ramon Besa berichtet seit 1979 über den FC Barcelona – gewissermaßen kam er damit fünf Jahre eher zum Verein als Guardiola, der 1984 in Barcas Jugendakademie eintrat. Seit 1986 schreibt Besa für die angesehene Zeitung „El Pais“