Jan Ullrich

Lebensbeichte in Etappen

Kurz vor dem Start der Tour de France gibt Jan Ullrich erstmals Blutbehandlungen bei Dopingarzt Fuentes zu: „Ich bin nicht besser als Armstrong“

Im Grunde seines Herzens ist Jan Ullrich (39) ein gemütlicher Typ. Einer, der am liebsten seine Ruhe hat. Das war schon immer so. Als Lichtgestalt im Magenta-Trikot genau wie heute, wo er, durch die Mechanismen des Sportbusinessbetriebs unsanft aus dem Sattel geplumpst, für Hobbyradfahrer den Mentor mimt. Gemeinsam mit Breitensportlern im weißen Trikot seines Sponsors durch die Gegend zu strampeln, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, hier ein freundlicher Spruch, dort ein Schulterklopfen – so fühlt sich der Radprofi a.D. am wohlsten.

In den vergangenen Tagen ist Ullrich mit dem Mountainbike in den USA geradelt, im Kanu über den Colorado River gepaddelt, mit einem Heißluftballon gefahren. Eine Agentur für Luxusreisen hatte den deutschen Promi gebucht. Montag, fünf Tage vor Beginn der 100. Tour de France auf Korsika (29. Juni bis 21. Juli), kehrt er zurück. Am Flughafenkiosk wird er dann ein Magazin finden können mit einem Interview von sich darin. Sehr ungelegen muss Ullrich kommen, welch hohe Wellen es schlägt.

„Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen“, sagte der einzige deutsche Sieger der Tour de France dem „Focus“ und bestätigte damit erstmals – wenngleich indirekt –, dass er sich beim spanischen Dopingarzt mit Eigenblut hat flott machen lassen. Über die Liaison mit Fuentes war Ullrich 2006 gestolpert, als er just vor der Tour zunächst von seinem Team suspendiert worden war und in der Folge seine Karriere den Bach herunterging.

Der Doktor Fuentes mit dem großen Kundenstamm ist erst kürzlich von einem Madrider Gericht zu einem Jahr Haft und vier Jahren Berufsverbot verurteilt worden. Seine Verbindung zu ihm hatte Ullrich zunächst vehement negiert, bis Fahnder nachwiesen, dass auch vom deutschen Klasseradler Blutbeutel in Fuentes’ Kühlschrank lagerten. Dopingmittel will Ullrich gleichwohl nicht benutzt haben, lässt er durchblicken. Fachleute halten das für wenig glaubhaft.

Werner Franke (73) etwa, Deutschlands unermüdlicher Kämpfer gegen Manipulation im Sport, glaubt: „Jetzt wird sehr zeitnah herauskommen, dass er auch mit verbotenen Substanzen gedopt hat.“ In vier Sprachen hatte Ullrich geleugnet, Fuentes überhaupt gekannt zu haben. Franke spricht deshalb jetzt von einem „Europarekord der Lüge“.

Schon horcht die Nationale Antidoping-Agentur auf. Deutschlands Dopingfahnder spekulieren, ob der Delinquent „über das Interview hinaus die Fragen der Nada beantwortet und sein Wissen teilt. Für den sauberen Sport ist es wichtig, dass er nicht nur seine Vergehen zugibt, sondern auch die Namen anderer Beteiligter im Hintergrund nennt“.

Tour mit Freunden für 999 Euro

Das aber sollte vom Olympiasieger niemand ernsthaft erwarten. Nicht einmal Thomas Bach scheint noch optimistisch. „Es ist zu wenig und viel zu spät“, sagte der Vizepräsident im Internationalen Olympischen Komitee und Vorsitzende der Juristischen Kommission im IOC. „Für ein glaubhaftes Geständnis hätte sich Jan Ullrich schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen.“

Auch nun fällt der Erkenntnisgewinn aus Ullrichs Einlassungen wieder gering aus. Viele Aussagen helfen dennoch, das Weltbild des früheren zweimaligen „Sportler des Jahres“ zu verstehen. Wenn er etwa erklärt: „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.“ Es gibt Menschen, die dem gefallenen Idol diese Erklärungen vor dem Hintergrund einer perversen Logik als Entschuldigung durchgehen lassen. Einer Logik, die im System Radsport über Jahrzehnte besagte: Dop’ mit – oder fahr’ hinterher! Nach wie vor sehnen viele Landsleute die unschuldig-nostalgischen Julitage vor dem TV zurück, als Ullrich Seite an Seite mit den Besten wie Pantani, Armstrong, Riis noch die steilsten Berge in Frankreich elegant hinaufstrampelte.

2006 endete diese Zeit jäh. Ullrich hat danach Jahre ziemlicher Zurückgezogenheit und offen eingeräumter psychischer Probleme verbracht. Heute geht der Vater von vier Kindern längst wieder fröhlich-zupackend ans Leben heran. Mit der Vergangenheit hält Ullrich es wie die Ausreißer bei der Tour: Blicke nach hinten über die Schulter verunsichern bloß. Er sagt: „Ich will nur noch nach vorne schauen und nie wieder zurück.“ Seine treuen Anhänger sehen es ähnlich. Bei Breitensport-Veranstaltungen wie solchen unter dem Motto „Ulle & Friends“ lässt sich der Kumpeltyp mit den Sommersprossen inzwischen wieder hautnah erleben. Drei Tage mit Ullrich, Udo Bölts und Kult-Masseur „Eule“ Ruthenberg in den Vogesen mit Hotel, Halbpension, drei gemeinsamen Ausfahrten? Ab 999 Euro über eine Agentur zu buchen. Ullrich weiß: Die Anekdoten von früher, sie ziehen noch immer.

Der „Knoten im Kopf“, von dem Jan Ullrich zu sprechen pflegt, ist inzwischen gelöst. Dass die langen Jahre der Isolation „sehr viel Substanz gekostet haben, das kann ich nicht leugnen“, erwähnte er voriges Jahr, nachdem der Internationale Sportgerichtshof Cas ihm die erwartete Zweijahressperre aufgebrummt hatte. Noch immer befinde Ullrich sich in einer „Verarbeitungsphase“, sagt sein Berater Falk Nier.

Im „Focus“-Interview zieht er selbst einen Quervergleich zu seinem geständigen Rivalen Lance Armstrong („Ich bin nicht besser als er, aber auch nicht schlechter“). Ullrichs kluge Quintessenz: „Die großen Helden von früher sind heute Menschen mit Brüchen, mit denen sie klarkommen müssen.“