Handball

Showdown um die Königsklasse

Füchse kämpfen in Hin- und Rückspiel gegen den HSV um letzten Platz in der Champions League

Seit dem Morgen waren sie in Gedanken in Herning, einer Kleinstadt im Zentrum Dänemarks. Mit bangem Blick und größter Spannung verfolgten die Verantwortlichen der Füchse Berlin die Nachrichten, die der europäische Handball-Verband EHF via Twitter in die Sportwelt verbreitete. Zu intensiven Beratungen war das Exekutivkomitee des europäischen Verbandes EHF hinter verschlossenen Türen zusammen gekommen, und die Funktionäre ließen sich Zeit, wägten Für und Wider ab. Gestern Mittag kam dann die erlösende Nachricht: Die Füchse dürfen auf den Start in der Champions League hoffen.

Im Kampf um den letzten deutschen Startplatz für die Beletage des europäischen Handballs kommt es zum großen Showdown zwischen den Füchsen und dem HSV Hamburg. In einem Play-off-Match mit Hin- und Rückspiel treffen die beiden Vereine aufeinander. Der Sieger des Duells ist direkt für die Gruppenphase qualifiziert. Die Partien werden am 19. und 21. August ausgetragen. Wer zunächst Heimrecht hat, steht noch nicht fest.

„Die EHF hat eine für alle faire Lösung gefunden, sodass am Ende maximal vier deutsche Teams in der Champions League spielen“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning und bezeichnete die Entscheidung als salomonisch. „Der Verband hat Augenmaß bewiesen.“ So könne jeder sein Gesicht wahren. „Und der Sieger hat es dann verdient, in der Champions League zu spielen. Der Verlierer muss in den EHF-Pokal. Das ist gerecht und wir sind glücklich und zufrieden mit der Entscheidung“, sagte Hanning. Auch Klub-Präsident Frank Steffel war erfreut ob der guten Nachricht. „Wir freuen uns riesig auf diese Möglichkeit – das werden zwei tolle Spiele. Das ist eine ganz faire Lösung der EHF. Ich bin davon überzeugt, dass wir am Ende mit einem Tor Vorsprung weiterkommen und auch in der kommenden Saison unseren Fans Champions-League-Handball bieten können“, sagte er. Die Berliner können damit rechnen, dass die heimische Max-Schmeling-Halle für die Partie gegen den HSV mit 9000 Zuschauern ausverkauft sein wird.

Enttäuschung in Hamburg

In Hamburg wurde der Entschluss nicht so euphorisch aufgenommen. „Natürlich hätten wir uns als Champions-League-Sieger über einen direkten Startplatz gefreut“, sagte HSV-Geschäftsführer Christoph Wendt, „meiner Meinung nach sollte der Titelverteidiger auch generell in der darauffolgenden Saison in der Gruppenphase dabei sein. Jetzt müssen wir gleich zu Beginn der neuen Saison wieder absolutes Champions-League-Format zeigen.“ Anders als beim Fußball ist der Titelverteidiger im Handball für die kommende Saison nicht automatisch für den Wettbewerb qualifiziert.

Dass die EHF überhaupt in die missliche Lage geraten war, solch eine Entscheidung treffen zu müssen, lag an der Tatsache, dass sich der HSV sportlich als Fünfter der abgelaufenen Bundesligasaison gar nicht für die Champions League qualifiziert hatte. Die Füchse hingegen durften als Vierter über das Wildcard-Turnier auf die Königsklasse hoffen. Durch den unerwarteten Gewinn der Königsklasse durch den HSV musste der europäische Verband reagieren und beschloss das Play-off-Duell, dass nun einen vierten deutschen Starter garantiert. Zuvor bereits direkt qualifiziert hatten sich Rekordmeister THW Kiel, Vizemeister SG Flensburg-Handewitt und der Bundesligadritte Rhein-Neckar Löwen. Die Auslosung der Gruppenphase erfolgt am 28. Juni in Wien.

„Fünf deutsche Klubs in der Gruppenphase wären für das Produkt Champions League einfach zu viel gewesen“, erklärte Bob Hanning, der sein Team in den zwei Duellen mit dem HSV als „krassen Außenseiter“ sieht. „Wir fühlen uns wohl in dieser Rolle“, so der Manager. Die genaue Abstimmung der Termine wird in den kommenden Wochen erfolgen. Hanning: „Jetzt geht es für uns um alles oder nichts in 120 Minuten, wir freuen uns auf zwei Spiele gegen den Champions-League-Sieger.“

In den vergangenen zwei Jahren hatten sich die Füchse jeweils direkt als Dritter für die Champions League qualifiziert und dort für Furore gesorgt. Dass es nun aber ausgerechnet gegen den amtierenden Champion um das Ticket für die Königsklasse geht, mag auch ihn ein wenig beunruhigen. Immerhin steht den Berlinern im Sommer der größte personelle Umbruch seit ihres Vereinsbestehens bevor. Mit Torsten Laen, Ivan Nincevic, Mark Bult, Johannes Sellin, Evgeni Pevnov und Börge Lund verlassen gleich sechs gestandene Profis die Füchse, dafür wechseln die drei Schweden Fredrik Petersen, Mattias Zachrisson, Jesper Nielsen und der Tscheche Pavel Horak nach Berlin. Zudem werden die drei jungen deutschen Spieler Fabian Wiede, Paul Drux und Jonas Thümmler in die Verantwortung genommen und erhalten künftig mehr Spielzeit. Das Gesicht der Mannschaft wird sich grundlegend ändern. „Und wir wissen noch nicht, welche Qualität wir in der kommenden Saison haben werden“, sagte Hanning. Am 10. Juli bittet Coach Dagur Sigurdsson zur ersten Trainingseinheit nach dem Urlaub. Gerade einmal fünfeinhalb Wochen hat der Isländer dann Zeit, sein neues Team fit für den HSV zu machen. Und wenn es nicht reicht? „Es wäre absolut kein Drama, wenn wir es nicht schaffen und dann im Europacup antreten“, sagte Manager Hanning, „gerade auch mit dem Wissen, dass den Füchsen ein personeller Umbruch in der Mannschaft bevorsteht.“

Brisante Duelle mit dem Nordklub

Die Spiele zwischen den Füchsen und dem HSV haben seit jeher ein hohe Brisanz, formte Hanning die Hanseaten doch einst zum Spitzenklub ehe er nach Berlin ging. Das letzte Liga-Duell wurde vom bösen Foul des Hamburgers Torsten Jansen an Füchse-Linksaußen Ivan Nincevic überschattet. Der Kroate hatte eine tiefe Fleischwunde davongetragen, beide Spieler haben sich vor kurzem versöhnt. Gerade hat Jansen seinen Vertrag beim HSV um ein Jahr verlängert.

Und dann ist da ja noch die Personalie Silvio Heinevetter. Der Torhüter, dessen Kontrakt bei den Füchsen im Sommer 2014 ausläuft, wird vom HSV heftig umgarnt. Hanning: „Rein wirtschaftlich gesehen haben wir keine Möglichkeit, mit dem HSV mitzuhalten.“ Aber vielleicht spielen die Füchse ja kommende Saison in der Champions League. Ein gutes Argument bei den anstehenden Vertragsverhandlungen.