Rudern

Frauen-Power made in Berlin

Unter Bundestrainer Sven Ueck erleben die Ruderinnen einen Aufschwung. Auch, weil er Mut hat, Neues zu probieren

Die Zeit wird knapp, deshalb geht Sven Ueck in den Trab über. Hinten im Ergometerraum liegt Sophie Paul in den letzten Zügen. „Arme lang, Arme lang“, schreit Ueck motivierend. Aber irgendetwas gefällt ihm nicht. Dann stellt er fest, dass die Ruderin das falsche Programm eingestellt hat und eine viel größere Belastung gefahren ist als gefordert. Ueck lacht. Paul fehlt die Luft dazu.

So ganz in sein Gebiet fällt Sophie Paul eigentlich nicht. Ueck ist Bereichs-Bundestrainer für den Frauen-Skull, Paul verpasste dort den Anschluss und legt sich nun in die Riemen. Trotzdem kümmert sich Ueck weiter um die Studentin; weil er schon weiter denkt. „Hier soll eine große Gruppe von Frauen entstehen“, sagt der 40-Jährige. Er will in beiden Ruderarten auf dem Stützpunkt in der Jungfernheide Spitzenathleten formen.

Noch genießen die Skullerinnen aber Priorität. Am Wochenende findet in Eton/England der zweite Weltcup statt. Zwar lief bei EM vor drei Wochen im Doppelvierer alles bestens mit dem Titelgewinn, Ueck baut dennoch vorläufig um und setzt Lisa Schmidla (Krefeld) aus dem Doppelzweier auf Schlag. Die Berlinerin Britta Oppelt (34) muss dafür in das kleinere Boot. „Eine junge Sportlerin hat eine Leistung gebracht, die wir testen wollen“, begründet Ueck. Schmidla, 22, gewann einen Überprüfungs-Wettkampf im Einer.

Viel Probieren, etwas Aufbauen – darum geht es im nacholympischen Jahr für Ueck. Wobei die Aufgabenstellung verschiedene Facetten umfasst. Zum einen sollen junge Sportlerinnen an das Top-Niveau herangeführt werden. „Wir wollen aber auch Klein- und Mittelboote entwickeln und sind auf der Suche nach einer Einerfahrerin“, erzählt Ueck. In den vergangenen Jahren lief es im Einer und im Doppelzweier nicht so prächtig. Dafür im Doppelvierer. In seiner ersten Saison als verantwortlicher Bundestrainer führte Ueck das einstige Goldboot 2011 nach neun Jahren erstmals wieder zum WM-Titel. Das hat ihm viel Respekt eingebracht beim Verband.

Nun, da die vom Verband diktierte Konzentration auf den Doppelvierer entfällt, soll wieder mehr Breite her. Was nicht einfach ist. „Es mangelt an Nachwuchs“, sagt Ueck. Gerade im Einer sieht er mit Julia Lier (Halle) aber Potenzial. „Sie hat gute Ansätze, aber es muss jetzt weitergehen“, so der Bundestrainer. Lier, 21, war im vergangenen Jahr immerhin U23-Weltmeisterin. Der Übergang zu den Senioren hat es jedoch in sich. „Sie lernt in jedem Rennen so viel“, erzählt Ueck. Bei der EM kam sie ins Finale. Aber für den Einer bedarf es spezieller Typen, die „gnadenlos dahinterstehen“. Die fehlen, seit Katrin Rutschow-Stomporowski 2004 als Olympiasiegerin ihre Karriere beendete.

Vielleicht kann Ueck dieses Defizit beheben, er ist noch ein recht junger Trainer und hat einen guten Zugang zu den Frauen. Die dürfen anders als früher, als die Skullerinnen ihre Basis noch in Potsdam hatten, auch mal mitreden, ihnen wird zugehört. Trotzdem: „Es ist immer noch Leistungssport, da gibt es Ecken und Kanten und Reibereien“, sagt Ueck, der in Eton überprüfen will, was Richtung WM Ende August in Südkorea noch zu tun ist. Nebenher laufen das ganze Jahr Analysen, gemeinsam mit verschiedenen Instituten wird nach wissenschaftlichen Ansätzen zur Leistungsverbesserung gesucht. In ein paar Monaten sollen die Ergebnisse zeigen, was getan werden kann, konditionell etwa.

Das falsche Testprogramm von Sophie Paul will Ueck dann auch nicht ungenutzt lassen. Mit seinem Handy beugt sich der Bundestrainer über das Ergometer und fotografiert die Daten ab.