Confed-Cup

Das Märchen von den Männern aus Stahl

Beim Confed-Cup in Brasilien ist Tahiti chancenlos. Aber das Amateurteam aus der Südsee begeistert die Fans trotzdem

Manchmal bewirken kleine Dinge Großes. Jonathan Tehau zum Beispiel ist im Handumdrehen zum Nationalhelden Tahitis geworden, weil er in der 54. Minute des Confed-Cup-Spiels gegen Nigeria nach einem Eckball höher sprang als seine Gegenspieler und ein Tor köpfte. Dass die Nigerianer vorher schon dreimal getroffen hatten (darunter ein Eigentor von Tahitis Nicolas Vallar) und hinterher noch zweimal trafen, war gar kein Problem. Dass Tehau den Ball auch noch einmal ins eigene Tor lenkte, ebenso wenig. 1:6 (0:3) verlor Tahiti gegen den Afrikameister, aber das Land war aus dem Häuschen. Er wolle nun Profi werden, berichtete Tehau nach dem Spiel im Überschwang der Gefühle.

„Das fühlt sich an wie ein Sieg“, sagte Marama Vahirua, Tehaus Mannschaftskollege, nach der Partie in Belo Horizonte. „Wir haben uns gegen eine Mannschaft wie Nigeria gewehrt.“ Vahirua schoss den FC Nantes 2001 zum französischen Meistertitel und war zuletzt für den griechischen Erstligaklub Panthrakikos Komotini im Einsatz. Damit hat er dem Torschützen Tehau, einem Amateur, etwas voraus, ist mit seinen Erfahrungen als Profi aber eindeutig in der Minderheit. Denn Vahiruas Karriere als Fußballspieler ist die einzig erwähnenswerte eines tahitianischen Nationalspielers. Alle Mitspieler Vahiruas verdienen ihr Geld als Touristenführer, Tankwarte oder Strandverkäufer.

Auf Platz 138 der Weltrangliste

Dass das Land nun gemeinsam mit Nigeria, Uruguay, Spanien, Brasilien, Italien, Japan und Mexiko zum elitären Kreis der Teilnehmer des Confed-Cups in Brasilien gehört, ist für alle eine Sensation, am meisten für die Tahitianer selbst. „Ihr erlebt jetzt ein Märchen“, sagte Trainer Eddy Etaeta seiner Mannschaft vor dem Turnier. „Aber schnappt nicht über, es endet wieder.“

Im Finale der Ozeanienmeisterschaft hatten sie die Auswahl Neukaledoniens besiegt – normalerweise gewinnen Australien oder Neuseeland das Turnier, aber Australien ist in Ermangelung starker Gegner in die Föderation Asiens gewechselt, und Neuseeland war im Halbfinale sensationell an Neukaledonien gescheitert. Nach dem Abpfiff feierten die Tahitianer ihren Erfolg über Neukaledonien mit Konfetti und einem Kriegstanz. Die nationale Auswahl wird schließlich auch „Toa Aito“ genannt, „Mannschaft der Männer aus Stahl“.

Touristisch gesehen ist Tahiti die Sehnsucht nach Sonne, Palmen, Strand und Meer. Sportlich gesehen ist es das Land, in dem Surfer perfekte Wellen finden. In Fabrice Santoro brachte es mal einen Tennisspieler hervor, der es in die Weltspitze schaffte. Doch in der Fußball-Weltrangliste steht es hinter Syrien und vor Afghanistan auf Platz 138, wie das Paradies inmitten zweier krisengeplagter Länder. Tahiti ist ein bisschen größer als die Insel Rügen, hat rund 180.000 Einwohner, aber es spielen so wenige Fußball, dass drei Brüder zur Stammelf der Nationalmannschaft gehören, dazu kommt deren Cousin. Wenn bei einem Erstligaspiel 500 Leute zuschauen, ist das beachtlich, und die Teams auf dem Platz hätten in Deutschland Mühe, sich in der Regionalliga zu halten. Um den Kulturschock zu vermeiden, wenn die Amateure die große Fußballbühne betreten, haben sie im Training zu Hause über den Lautsprecher Stadionstimmung eingespielt, damit sich die Jungs an das Geschrei gewöhnen konnten.

„Es ist sehr schwer, sich bei diesem Geräuschpegel auf das Spiel zu konzentrieren, wenn du nicht vorbereitet bist“, sagt Trainer Eddy Etaeta. Gegen Nigeria waren nun 20.187 Zuschauer im Stadion, und völlig ungeachtet des Spielverlaufs feierten sie jede gelungene Aktion der Amateure.

Die Tahitianer werden jedes Spiel genießen. Zwei Partien stehen ihnen noch bevor, dann dürfte schon wieder Schluss sein. Der Höhepunkt kommt am Donnerstag, wenn die Fußballexoten im legendären Maracanã-Stadion in Rio auf die Übermannschaft aus Spanien treffen.

Etaeta hofft: „Spanien wird uns nicht abschießen wollen. Haben sie es nötig, uns mit 20 Toren zu demontieren, den Amateurfußball zu blamieren? Wäre das respektvoll, wäre das schön? Ich denke nicht.“