24 Stunden

Liebeserklärung an Le Mans

Warum für Peter und Stefan Mücke die 24 Stunden wie Weihnachten sind

Ganz langsam verschwindet der blutrote Sonnenball hinter der Horizontlinie. Motorenlärm schwillt an, schwillt ab, infernalisch schnelle Rennwagen, teils schon mit aufgeblendeten Scheinwerfern rasen um die Rennstrecke. Die 24 Stunden von Le Mans laufen seit rund vier Stunden. Die imposante Boxengasse ist bereits taghell erleuchtet. Plötzlich schlagen Flammen aus dem Heck der Startnummer 8, einem Lola-Judd mit Stefan Mücke am Steuer. Der Berliner Profi befreit sich innerhalb weniger Sekunden aus seinem Auto, bekommt kurzerhand einen Eimer Wasser über sein Overall geschüttet: Feuerlöscher ersticken die Flammen.

Zeuge des Dramas: Peter Mücke. Selbst Rennfahrer, Eigentümer des größten deutschen privaten Motorsportteams und Vater von Stefan. Der lässt sich eine kleine, wenn auch schmerzhafte Brandverletzung behandeln und wird einige Zeit später – eigentlich wollte er sofort weiterfahren, bekam jedoch wegen des eingeatmeten Löschpulvers eine ärztlich verordnete Pause von knapp zwei Stunden – noch für Furore sorgen. Am Ende kommen Mücke und seine Teamkollegen Jan Charouz (Tschechien) und Alex Yoong (Malaysia) auf Rang acht ins Ziel. Kommentar des begeisterten Vaters: „So etwas habe ich noch nicht erlebt. Hier ist nichts wirklich. Das heißt, hier kann sich von einer auf die andere Sekunde alles ändern.“ Stefan Mücke, nach zehn Stunden am Steuer, sah nur das Naheliegende: „Ich glaube, ich brauche jetzt erst einmal eine Mütze Schlaf.“

Beispielhafter als bei seiner Premiere als Fahrer im vielleicht berühmtesten Rennen der Welt 2007 lässt sich das Verhältnis zwischen Vater und Sohn kaum beschreiben. Mittlerweile ist der Senior 66 und der Junior 31, und der 90. Geburtstag des Langstreckenklassikers wird an diesem Wochenende gefeiert. Mit den Mückes – versteht sich. Es ist schon Tradition, dass sich Stefan, seit einigen Jahren als Werksfahrer der britischen Traditionsmarke Aston Martin in der Sportwagen- und Langstrecken-WM unterwegs, für den Trip von Berlin nach Le Mans von Ehefrau Annette und Tochter Lucie begleiten lässt. Im Wohnmobil, immer hübsch langsam.

Übernachten im Wohnmobil

„Es ist unser Jahresurlaub, und es ist viel praktischer, an der Strecke zu wohnen und nicht durch die Menschenmassen zu irgendeinem Hotel pendeln zu müssen“, lautet die einfache Begründung. Opa Peter („Lucie hat unser Leben verändert“) düst in der Regel am Donnerstag vor dem Rennen per Flieger hinterher. Was für andere die Weihnachtswoche ist, das ist für die Mückes Le Mans.

„Früher haben die Leute gesagt, Stefan ist der Sohn von Peter. Heute sagen sie, Peter ist der Vater von Stefan“, beschreibt Peter Mücke lachend die Entwicklung der beiden Karrieren. Selbst elfmal DDR-Tourenwagenmeister und dreimal Europameister im Autocross, war er Lehrmeister seines Sohnes, so wie er selbst bei seinem Vater in die Lehre gegangen war. Stefan habe nie eine Chance gehabt, etwas anderes zu werden als Rennfahrer. „Er war ja immer nur von Rennwagen umgeben", sagt Peter Mücke. Er habe das als Vater gar nicht so gern gesehen. Und ehrlich fügt er hinzu: „Vor allem, als er mich das erste Mal im Kart besiegt hatte.“

Was letztlich für ihn als Lehrmeister spricht. Zur Erfolgsgeschichte von Mücke-Motorsport gehört die Abteilung Fahrschule. Denn sieben Piloten haben nach ihrer Ausbildung beim Teamchef den Sprung in die Formel 1 geschafft. Allen voran Sebastian Vettel. Dazu kommen Robert Kubica (Polen), Christian Klien (Österreich), Sebastien Buemi (Schweiz), Markus Winkelhock (Waiblingen), Adrian Sutil (Gräfelfing) und Sergio Perez (Mexiko). Das dickste Lob kommt natürlich vom Junior. „Wenn ich in deinem Alter noch so schnell fahren könnte wie du, dann wäre ich froh.“ Und das Erfolgsgeheimnis? Für beide gilt: erstens Arbeit, zweitens Arbeit, drittens Arbeit. „Ausschlaggebend ist der Wille. Man muss leben, was man für richtig hält. Das Übrige ist eine Folge daraus“, lautet Peter Mückes schnörkelloses Credo. Aber ein Hobby darf es doch geben? Stefan lacht, Peter klärt auf. „Ich habe es mal mit Surfen probiert. Wenn es windig war, hatte ich keine Zeit. Wenn ich Zeit hatte, war es windstill – noch Fragen?“ Peter Mücke bewegt lieber seinen 450 PS starken Ford Capri bei Youngtimer-Rennen, betreut von Sohn Stefan als Techniker. „Er hält sich an meine Anweisungen“, kommentiert dieser grinsend die sich häufig einstellenden Erfolge.

Der Traum vom ganz großen Ding

Zurück zum anstehenden Rennen. Abgesehen von der sportlichen Herausforderung – was ist das Besondere am „größten Rennen seit Ben Hur“, wie es Ex-Formel-1-Weltmeister Mario Andretti genannt hat? „Schon bei der technischen Abnahme auf dem historischen Marktplatz der Stadt, bei der Zehntausende Fans zuschauen, hat man ein Gänsehautgefühl. Super ist auch die Fahrerparade am Freitag. Dann der Moment des Starts vor 200.000 Zuschauern. Und schließlich die Morgenstunden, wenn es hell wird. Es gibt einfach kein größeres Rennen“, sagt Stefan Mücke. Fehlt noch ein Sieg. Er sagt: „Kein Rennfahrer der Welt schließt aus, dass er einmal das ganz große Ding landen kann. Selbst wenn es sehr unwahrscheinlich ist.“

Le Mans 2013 kann kommen.