Technik

Premiere für deutsche Torlinientechnik beim Confed-Cup

Firma aus Würselen hofft auf strittige Szenen in Brasilien, um sich für die WM 2014 zu empfehlen

Nie wieder Wembley? Insgeheim hoffe er schon auf eine Wiederholung des wohl umstrittensten (Nicht-)Tores in der Geschichte des Fußballs, sagt Dirk Broichhausen – dann jedoch mit anderem Ausgang. Dafür will er höchstpersönlich sorgen. Seine Firma testet beim Confed-Cup in Brasilien ab Sonnabend im Auftrag des Weltverbandes Fifa ihre Torlinientechnik GoalControl. Die Frage „Tor oder nicht?“ soll dort im Zweifel nicht wie im Jahr 1966 ein Linienrichter aus Aserbaidschan, sondern der Computer beantworten.

Broichhausen mag es nicht recht zugeben, aber „irgendwie hoffen wir doch auf eine Bewährungsprobe für unser System“. Es wäre doch „grandios“, meint er, wenn es eine strittige Szene klären könnte. Für den Geschäftsführer eines Unternehmens aus Würselen bei Aachen würde sich dann der zweite große Traum nach der Zulassung erfüllen: Der von der WM 2014 an gleicher Stelle. „Wir sind überzeugt, dass wir unseren Job erledigen, und sehen realistische Chancen, auch die WM ausstatten zu dürfen“, sagt Broichhausen, sein Kollege Jürgen Philipps ergänzt: „Wir haben alle Tests bestanden und sind zu 100 Prozent einsatzbereit.“

Dabei war es eine Überraschung, dass GoalControl Anfang April den Zuschlag bekam. Mitbewerber war neben den Systemen Cairos und Goalref, die mit Sensor oder Chip im Ball arbeiten, das im Tennis bewährte Hawk-Eye, das von Fifa Sony entwickelt wurde. Die Fifa teilt mit, dass „insbesondere die Fähigkeit, sich den lokalen Gegebenheiten bei den beiden Turnieren in Brasilien anzupassen“, den Ausschlag gegeben habe.

Auf fünf Millimeter genau

Broichhausen konkretisiert, die „herausragende Flexibilität und Genauigkeit“ von GoalControl sei entscheidend gewesen. Das System kann mit jedem Ball arbeiten, auch an den Toren sind keine Um- oder Anbauten nötig. 14 Hochgeschwindigkeitskameras, die etwa unter dem Stadiondach angebracht werden, erfassen die Position des Balles in drei Dimensionen – das gesamte Spiel über. Überquert der Ball die Torlinie komplett, empfängt die Uhr des Schiedsrichters in weniger als einer Sekunde ein verschlüsseltes Signal.

Die Fifa erlaubte bei der Vergabe drei Zentimeter Messtoleranz – und damit Restzweifel. Die schließt Broichhausen aus. „Wir schaffen fünf Millimeter“, sagt er stolz. GoalControl kann die Position des Balles sogar errechnen, wenn der von Spielern verdeckt wird. Dabei kommt dem nordrhein-westfälischen Unternehmen seine Erfahrung in industrieller Bildverarbeitung zugute. Bevor es sich mit Fußball befasste, führte es Qualitätskontrollen etwa bei Dichtungen und Schläuchen in der Automobilbranche durch.

Die Fifa hat das überzeugt, die Deutsche Fußball Liga (noch) nicht. „Nicht vor dem 1. Juli 2015“ will die DFL Torlinientechnik einführen. Und das, obwohl sich in einer Umfrage des „Kicker“ in dieser Woche fast 80 Prozent der teilnehmenden Profis für GoalControl aussprachen. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) setzt in der Champions League weiter auf Torlinien-Assistenten, die Schalke-Manager Horst Heldt einst „Pappnasenheinis“ schimpfte. Die Premier League in England und die Ehrendivision in den Niederlanden sind etwas weiter: Sie nutzen ab der kommenden Saison Hawk-Eye, bei dem Sony mit vier Hochgeschwindigkeitskameras arbeitet.

Besonders die Engländer wissen, warum. Ihr Motto aber lautet: No more Bloemfontein! Dort blieb ihrem Teamim WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland der Treffer zum 2:2-Ausgleich verwehrt, weil es da noch keinen Piepton für den Schuss von Frank Lampard gab. Für Fifa-Präsident Joseph Blatter war der Vorfall nach langem Zögern der Beweis: „Torlinientechnik ist eine Notwendigkeit.“ Bei der Klub-WM 2012 wurden Goalref (Chip im Ball samt Magnetfeld über der Torlinie aus Dänemark) und Hawk-Eye getestet – jetzt soll GoalControl alle Zweifel beseitigen. In Würselen denken sie derweil bereits an die nächste Revolution: Ein ähnliches System, sagt Broichhausen, könnte auch Abseitsstellungen anzeigen.