Motorsport

Nur Alonso kann Vettel noch folgen

Ferrari-Star ist der härteste Widersacher des Weltmeisters. Tod eines Streckenpostens überschattet das Rennen in Kanada

Tragisches Ende eines grandiosen Formel-1-Wochenendes: Sebastian Vettel und seine Fahrer-Kollegen waren gerade auf dem Weg zum Konzert der Rolling Stones, als sie eine Nachricht erreichte, die alles in den Hintergrund drängte. Ein 38 Jahre alter Streckenposten war tödlich verunglückt. Vorausgegangen war der Abflug von Sauber-Pilot Esteban Gutierrez. Das Auto wurde geborgen, sollte auf einen LKW gehoben werden. Dabei passierte es. Der Marshall, seit zehn Jahren in Montreal im Dienst, hatte nach Angaben des Weltverbands Fia sein Funkgerät fallen lassen und war gestürzt, als er es aufheben wollte. Sekunden später wurde er von einem Bergungsauto überrollt.

„Heute gibt es nichts zu feiern“, äußerte sich der zweitplatzierte Ferrari-Pilot Fernando Alonso, und auch Sieger Sebastian Vettel zeigte sich tief betroffen. „Ich bin sehr, sehr traurig, diese Nachricht zu hören. Meine Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freunden“, schrieb Weltmeister Sebastian Vettel in der Nacht auf seiner Homepage und dankte allen Stewards für ihre „unverzichtbare Arbeit“. Gutierrez, der Pilot des Unfallfahrzeugs, sagte: „Mein tiefstes Beileid gilt der Familie des Marshalls, der heute sein Leben verloren hat, unsere Gebete für ihn und seine Familie.“ Den bis dato letzten Todesfall gab es in der Formel 1 am 4. März 2001 in Melbourne. Damals starb Graham Beerdige. Nach einer Kollision von Ralf Schumacher und Jacques Villeneuve hatte sich ein Rad vom BAR Honda des Kanadiers gelöst, das den 52-Jährigen frontal traf. Am 10. September 2000 war in Monza Feuerwehrmann Paolo Ghislimberti tödlich verunglückt.

Konkurrenten ratlos

Sportlich war es ein unterhaltsames Rennen. Nachdem Sebastian Vettel im Red Bull erstmals in Kanada gewinnen konnte, verbleiben nur noch drei „weiße Flecken“ auf seiner Sieger-Landkarte. Der Nürburgring, Austin/Texas und der Hungaroring bei Budapest. Selbst wenn sich daran in diesem Jahr nichts mehr ändern würde, steht der 25-jährige Titelverteidiger nach dem siebten von 19 WM-Rennen der Saison 2013 glänzend da: 36 Punkte Vorsprung auf den Spanier Alonso, deren 44 auf den Finnen Kimi Räikkönen (Lotus) und sogar 55 auf Lewis Hamilton im Mercedes-Silberpfeil.

Erst zum zweiten Mal in seiner Laufbahn verfügt Vettel über einen solch üppigen Vorsprung. Beim ersten Mal baute er ihn bis zum Saisonende kontinuierlich aus – selten fiel die Entscheidung in der Weltmeisterschaft einseitiger als 2011. Und zwei Jahre später? „Wir wissen, wie viel sich innerhalb weniger Rennen ändern kann. Vorige Saison hatte ich zu einem späteren Zeitpunkt einen größeren Rückstand“, erinnert sich Vettel. Da zog er auf der Zielgeraden noch an dem Spanier vorbei und machte seinen Titelhattrick perfekt.

Auf eine vergleichbare Wende hofft nun seinerseits Alonso. Der erneuerte in Montreal seine Ankündigung, erst aufzugeben, „wenn wir 75 oder 80 Punkte Rückstand haben“. Dennoch scheint ein ähnlich spektakulärer Führungswechsel wie im Vorjahr, als Vettel 40 Zähler Rückstand wettmachte und sich zum Weltmeister krönte, unwahrscheinlich.

Das liegt weniger am frühen Zeitpunkt, zu dem sich der Seriensieger der vergangenen Jahre vom Feld abgesetzt hat, sondern vielmehr an der Dynamik dieser Saison. Trotz permanenter Klagen über die Unberechenbarkeit der Reifen sind die Podestbesetzungen in diesem Jahr deutlich prominenter und vor allem konstanter als im vergangenen Jahr. Da hatten sieben verschiedene Piloten die ersten sieben Rennen gewonnen, diesmal standen Vettel fünf-, Alonso und Räikkönen je vier- und Lewis Hamilton dreimal auf dem Siegertreppchen. Es ist eine Saison der Favoriten, während zu Beginn des Vorjahrs noch Außenseiter wie Pastor Maldonado oder Nico Rosberg Vettels Titelpläne durchkreuzten. Hinzu kommen die Planungen für die nächste Saison, die allen Teams nicht bloß im Hinterkopf steckt. Die Umstellung auf eine komplett neue Motoren-Generation (Sechs-Zylinder-Turbo) verlangt den Rennställen alles ab. Toto Wolff, Mercedes-Motorsportchef, bezifferte den Anteil des Aufwands, den die nächste Saison schon jetzt absorbiert, kürzlich auf 40 Prozent. So redet niemand, der in den verbleibenden zwölf Rennen zur großen Aufholjagd bläst.

Wer zweigleisig arbeiten und dabei auch noch erfolgreich sein will, benötigt enorme Kraft. Das ist ein kostspieliger Luxus, den sich de facto nur Ferrari und Red Bull leisten können – aus diesem Grunde ist gerade Lotus-Star Räikkönen dabei, nach vielversprechendem Saisonstart den Anschluss zu verlieren. Das führt zwangsläufig zur Neuauflage des WM-Zweikampfs aus der Vorsaison: Red Bull gegen Ferrari, Vettel gegen Alonso.

Startplätze zu schlecht

Die „Roten Renner aus Maranello“ sind im Qualifying zu schwach. Nur einmal stand Alonso in der Startaufstellung vor seinem sechs Jahre jüngeren deutschen Konkurrenten. Da nutzt es bislang wenig, dass viele Experten Alonso als Fahrer für noch etwas besser halten als den Titelverteidiger aus Heppenheim. 2012 war der Ferrari dem Red Bull rundum unterlegen. 2013 hat man, zumindest auf eine Renndistanz gesehen, Augenhöhe erreicht. Dennoch muss Alonso bereits jetzt auf zwei Nullrunden von Vettel hoffen, um nach seinem dritten WM-Titel greifen zu können. Der Champion von 2005 und 2006 gibt sich aber angriffslustig: „In der Formel 1 darf man einfach nie aufgeben.“