Motorsport

Vettel besiegt seinen Kanada-Fluch

Formel-1-Weltmeister fährt in Montreal zu souveränem Erfolg und hat nun 36 Punkte Vorsprung

– Als Sebastian Vettel nach dem Großen Preis von Kanada aus seinem Red-Bull-Boliden kletterte, sah er mit seinem feuerfesten Overall und dem Helm aus wie ein Rennfahrer. Das war durchaus überraschend, denn in den anderthalb Stunden zuvor hätte Vettel allerhand andere Dinge unternehmen können. Ein Einkaufsbummel in die Innenstadt von Montreal zum Beispiel oder ein ausgiebiger Angelausflug auf dem künstlichen See, um den sich der Circuit Gilles Villeneuve windet, wären allemal drin gewesen. Es hätte keinen Einfluss auf das Resultat gehabt. Vettels Vorsprung vor seinen vermeintlichen Verfolgern Fernando Alonso und Lewis Hamilton, die am Sonntag eher Hinterherfahrer waren, war so groß wie lange keiner mehr in der Formel 1. Mit Ausnahme der Begrenzungsmauer, die er nach einem knappen Renndrittel mit seinem Auto leicht touchierte, kam ihm an diesem Nachmittag nichts und niemand in die Quere.

Dennoch verweigerte Vettel bis zur letzten Kurve jede Triumphgeste. Kein vorzeitiges Winken aus dem Cockpit, kein Gruß an die Boxencrew; stattdessen knabberte er Runde für Runde an seiner eigenen Bestzeit. Die Erinnerung an seinen vorletzten Besuch in Montreal war wohl noch zu frisch dafür. Mit einem Fahrfehler in der letzten Runde hatte er 2011 den sicher geglaubten Sieg an seinen Jäger Jenson Button verschenkt. Zwei Jahre später lenkte er seinen Boliden souverän als Erster über den Zielstrich und beendete damit seinen Kanada-Fluch. Bei vier Anläufen konnte er in der 3,5-Millionen-Einwohner Metropole nie gewinnen. Im fünften klappte es nun; damit sind aus dem aktuellen Formel-1-Kalender einzig die Siegerlisten der Strecken in Austin, Budapest, Silverstone und Nürburg noch vettelfrei. „Wir hatten hier schon vorher gute Rennen“, strahlte der 25-Jährige: „Es ist ein tolles Gefühl, jetzt hier endlich oben zu stehen. Es war ein perfektes Rennen. Wenn man von vorne fährt, hilft das enorm.“ Zur Belohnung ging es am Abend zum Konzert der Rolling Stones im Zentrum von Montreal.

Auf der Strecke am Stadtrand war sein Plan vom ersten Meter an aufgegangen. Nach dem Start fuhr er den hinter ihm gestarteten Piloten in Windeseile aus dem Blickfeld – nach zwei Runden hatte er schon mehr als zwei Sekunden Vorsprung. Der wuchs zwischenzeitlich bis auf 16 Sekunden an, erst dann schien der dreimalige Titelträger mit dem Zeitpolster zufrieden und verwaltete es. Nebenbei setzte er sich auch in der WM-Wertung weiter von Alonso (36 Punkte) und dem Finnen Kimi Räikkönen (44 Punkte) ab, der trotz verpatztem Boxenstopp und Problemen mit der Benzinzufuhr Neunter wurde und den elf Jahre alten Rekord von Michael Schumacher einstellte, indem er das 24. Rennen hintereinander in den Punkterängen beendete. Trotzdem erlebte er nach der Hälfte die ultimative Erniedrigung: Spitzenreiter Vettel überrundete Räikkönen.

Nur fünf nicht überrundet

Diese Schmach blieb den beiden Mercedes-Piloten als zwei von überhaupt nur fünf Fahrern zwar erspart. Dennoch sind sie trotz des jüngsten Aufschwungs noch meilenweit entfernt von der Konstanz Räikkönens. Nico Rosberg kam als Fünfter ins Ziel und ermöglichte es den Schwaben damit erstmals in dieser Saison, in der Konstrukteurswertung am Lotus-Rennstall vorbeiziehen. „Das war enttäuschend. Ich war zwischendurch Dritter und dann haben wir die falsche Strategie gewählt“, sagte der gebürtige Wiesbadener mit dem Blick auf seinen zweiten Boxenstopp, bei dem ihm Reifen mit der weichen Mischung aufgezogen wurden: „Unter dem Strich war Platz fünf Schadensbegrenzung. Mehr war nicht drin.“

Ob dieser Zwischenerfolg reicht, um die dunklen Wolken zu vertreiben, die seit zwei Wochen über dem Rennstall hängen, ist mehr als fraglich. Der heimliche 1000-Kilometer-Reifentest Mitte April in Barcelona entzweit das Fahrerlager noch immer – in Mercedes und alle anderen Teams. Die übrigen Rennställe nehmen den Schwaben weniger den Test an sich übel; der Erkenntnisgewinn hält sich schon allein dadurch in Grenzen, dass Pirelli am Rande des Kanada-Rennens ankündigte, bis zum Saisonende keinen grundlegend neuen Reifen zu liefern. Dennoch sammelte die Mercedes-Crew natürlich Datenmaterial, das den übrigen Rennställen fehlt. Und genau das stört die Konkurrenten, die von den Silberpfeilen nicht über deren Dienstreise nach Katalonien informiert wurden. Was Teamchef Ross Brawn kryptisch einen „Privattest“ nennt, wird in den anderen Motorhomes als eiskalter Betrugsversuch gewertet. Und der gehört in ihren Augen bestraft.

Brawn übernahm in Montreal offiziell die Verantwortung für den umstrittenen Test. Damit setzt sich der Brite der Gefahr aus, im Falle einer drastischen Bestrafung zum willkommenen Bauernopfer der österreichischen Doppelspitze Toto Wolff und Niki Lauda zu werden. Am 20. Juni verhandelt das Internationale Tribunal den Fall. Als Strafe ist zwischen einer Geldbuße und einem WM-Ausschluss alles möglich; je nach Ausgang drohen bei Mercedes dann personelle Konsequenzen. Ein PR-Desaster ist die Angelegenheit schon jetzt.