Interview

„Der Verein steht über allem“

Manager Bob Hanning über die erfolgreiche Handball-Saison der Füchse Berlin und den Umzug ins Sportforum

Auf Rang vier beendeten die Füchse Berlin die Saison in der Handball-Bundesliga. Die Spieler haben Urlaub oder fahren zu ihren Nationalmannschaften, Trainer Dagur Sigurdsson fliegt nach Island, will dort angeln und reiten. Und Bob Hanning? Der Geschäftsführer zieht im Interview mit Alexandra Gross eine positive Bilanz der Saison und spricht über den personellen Umbruch sowie den Umzug des Teams.

Berliner Morgenpost:

Herr Hanning, Platz vier ist geschafft, müssen die Füchse dennoch um die Qualifikation für die Champions League bangen?

Bob Hanning:

Wir gehen davon aus, dass wir beim Wildcard-Turnier dabei sind. Wir haben bereits die Anmeldung bekommen und die Startgebühr in Höhe von 25.000 Euro bezahlt. Selbstverständlich hat auch der HSV als Champions-League-Sieger das Recht auf eine Teilnahme, und die gerechteste Lösung wäre, das in einem Turnier auszuspielen. Und dann möge der Bessere gewinnen. Wir würden das Turnier sehr gern in Berlin austragen. Die Marke Berlin hat sich als erfolgreich im europäischen Handball bewiesen, von daher würde das Wildcard-Turnier hier sehr gut passen.

Wie lautet Ihr Saisonfazit?

Für uns ist es einfach enorm wichtig, dass wir europäisch spielen. Und das haben wir erreicht, ich bin daher mit der Saison mehr als zufrieden und sehr glücklich. Wir wollten in fünf Jahren vier Mal im internationalen Wettbewerb dabei sein, jetzt haben wir es in drei Jahren drei Mal nach Europa geschafft. Darauf können wir stolz sein. Wir haben ja noch nicht einmal im EHF-Cup gespielt. Es wäre auch überhaupt kein Drama, wenn wir uns im Wildcard-Turnier nicht für die Königsklasse qualifizieren und dann im Europacup antreten.

Aber die Champions League reizt doch?

Selbstverständlich würden wir gern wieder in der Königsklasse mitspielen. Aber wir kennen unsere Grenzen, und wir bauen keine Luftschlösser. Tatsache ist doch, dass wir es wieder geschafft haben, uns mit einem relativ kleinen Etat unter den Topvereinen mit deutlich besseren finanziellen Möglichkeiten zu behaupten. Deshalb ist das Ergebnis mit Platz vier eine kleine Sensation. Auch weil wir seit Januar in einer schwierigen Situation waren.

Weil Sie bekannt gegeben haben, dass sechs Spieler im Sommer den Verein verlassen?

Ja, und dafür habe ich Kritik einstecken müssen. Viele haben gesagt, dass die sportlichen Ziele (mindestens Platz fünf/d.Red.) damit nicht mehr erreichbar sein würden. Ich war mir dieser Gefahr bewusst, habe aber dazu eine grundsätzliche Haltung: nämlich auch bei unangenehmen Themen eine gerade Linie zu fahren. Wenn eine Entscheidung steht, möchte ich sie kundtun, wenngleich es ein schmerzlicher Prozess ist. Weil ich immer auch an den Charakter der Spieler und ihre professionelle Einstellung glaube. Der Verlauf der Saison hat uns recht gegeben. Und der personelle Wechsel war zwingend erforderlich.

Warum das?

Wir haben in der Saison zum allerersten Mal gesehen, dass die Rädchen nicht mehr ganz so perfekt ineinander greifen. Die Spieler haben, nachdem sie über Jahre über ihre Grenze und aus der Komfortzone gegangen sind, eine gewisse Zufriedenheit erlangt.

Wie hat sich diese Zufriedenheit geäußert?

Die Spieler wollten mehr Glanz und Aufmerksamkeit für ihre erbrachten Leistungen, auch mehr Geld. Das sind alles Dinge, die durchaus gerechtfertigt waren. Aber wir haben uns immer an unserer maximalen finanziellen Grenze bewegt, und der Handball wirft zurzeit nicht über alle Maßen ab. Das zu halten, was man hat, ist schon eine große Leistung und ein Erfolg.

Wo lag letztlich das Problem?

Wenn Spieler mehr Glanz und Geld haben wollen, aber nicht bereit sind, das Maximale zu geben. Diese Eigenwahrnehmung von Leistung war nicht mehr kompatibel mit dem, was auf dem Platz zu sehen war. Also eine latente Selbstüberschätzung, die aber für mich auch absolut nachvollziehbar ist. Ich unterstelle keinem irgendeine Böswilligkeit und ich habe immer an den Charakter der Mannschaft geglaubt. Aber Dinge verselbstständigen sich und ich musste handeln. Es geht dann darum, neue Reizpunkte zu setzen.

Im Sommer zieht die Profimannschaft ins Sportforum Hohenschönhausen, trainiert künftig im sogenannten Füchse-Town. Gab es Widerstände der Spieler?

Oh ja, der Unmut war extrem hoch. Aus der Sicht des einzelnen Spielers kann ich das durchaus verstehen, vor allem, wenn man in Charlottenburg wohnt. Aber aus Sicht des Vereins, und die Plattform ist wichtiger als die des Einzelnen, ist der Umzug ein großer Schritt in die Zukunft. Der Verein steht über allem, und diese Plattform muss sauber bleiben. Das haben wir bisher immer geschafft. Wir sind mehr als ein Klub, und jetzt ziehen die Profis zu den Jugendlichen ins Sportforum, damit sie auch wissen, dass sie nicht nur für eine GmbH spielen, sondern für eine Idee. Und die bedingt auch, dass man diesen Verein ein Stück weit liebt und sich keiner wichtiger nimmt als das große Ganze.

Erklären Sie das bitte.

Nehmen wir das Beispiel Silvio Heinevetter, einen der besten Torhüter der Welt, den viele finanzstarke Vereine nur allzu gern unter Vertrag hätten. Wenn Heinevetter materiell orientiert wäre, dann wäre er schon lange nicht mehr bei den Füchsen. Aber er liebt den Verein und seine Idee und natürlich auch diese Stadt. Und genau da müssen alle hinkommen. Deshalb sage ich auch, dass ich auf die Champions League zum Wohle des Nachwuchses verzichten würde. Wir haben nur eine Chance, wenn wir es anders machen wollen als andere. Und das müssen wir verdammt gut machen.

Das klappt sehr gut, Ihre Jugendteams sind in Deutschland führend. Die B-Jugend wurde am Sonntag Deutscher Meister, die A-Jugend greift ebenfalls nach dem Titel.

Wir schaffen mit unserer Jugendarbeit Nachhaltigkeit, haben in wenigen Jahren hier schon einige Nationalspieler hervorgebracht. Wir machen das mit der Nachwuchsförderung ja nicht zum Spaß. Wir gehen ganz bewusst diesen Weg für unseren Verein und wollen damit auch dem deutschen Handball etwas Gutes tun. Ein Talent aus der Region wird bei den Füchsen immer den Vorzug vor neuen Spielern erhalten. Aber das ganze System funktioniert nur, weil wir in Berlin mit dem Schul- und Leistungssportzentrum eine Eliteschule des Sports haben. Und die Schule auf die Belange unserer Sportler eingeht. Ohne das Engagement des SLZB wäre das alles nicht möglich.

Stichwort Finanzen. Die Füchse verlieren mit lekker Strom ihren Hauptsponsor. Welche Folgen hat der Ausstieg?

Noch ist da nicht das letzte Wort gesprochen, fest steht aber, dass wir trotz unserer Erfolge einen Aderlass an Premiumpartnern hinnehmen müssen. Wir suchen zurzeit mit lekker Strom eine partnerschaftlich-vernünftige Übergangslösung, fest steht, dass sie vom Trikot weggehen. Unser großer Vorteil ist aber, dass wir sieben Jahre lang schuldenfrei gewirtschaftet und eine Saison nie mit einem Minus beendet haben. Wir haben nie den Blick für das Machbare verloren, das hilft uns in unserer jetzigen Situation sehr. Gerade hat die DKB bei uns langfristig verlängert, der Partner unserer ersten Stunde. Es ist ermittelt worden, dass der Werbewert der Marke als Trikotsponsor der Füchse um die fünf Millionen Euro beträgt. Von daher werden wir nur einen Trikotpartner nehmen, der zu uns passt. Wir sind jetzt in Gesprächen mit neuen Trikotpartnern, es wird aber definitiv keinen Schnellschuss geben.