Motorsport

„Unfassbar, wer da mitfährt“

Die Formel 1 als Mietwagenfirma: Mehr als die Hälfte der Piloten erkaufen sich ihr Cockpit. Damit steigt die Gefahr

Von außen betrachtet unterscheiden sich die neuen Feindbilder der Formel 1 nicht von deren Idolen. Sie tragen genauso feuerfeste Overalls wie Sebastian Vettel, sitzen in bunt lackierten Rennwagen wie Fernando Alonso und geben sogar unterhaltsamere Interviews als Kimi Räikkönen. Dennoch regt sich Widerstand. Seit dem Grand Prix von Monaco vor zwei Wochen haben sich nicht mehr nur die Puristen des Motorsports eingeschossen auf die sogenannten Bezahlfahrer. Viele sehen in ihnen eine Gefahr für das Image.

Der Grund dafür ist denkbar einfach: Das Vollgasspektakel im Operettenstaat mutierte in diesem Jahr zum bizarren Crashfestival. Insgesamt verzeichneten die Renn-Stewards sieben Unfälle, drei Safety-Car-Phasen sowie eine Rennunterbrechung. Das Chaosrennen gipfelte im Funkspruch von Ex-Weltmeister Räikkönen, der seinem Konkurrenten „am liebsten eins in die Fresse hauen wollte“. Damit meinte der Finne den Mexikaner Sergio Perez, der ihm rundenlang in die Quere fuhr und kurz vor Rennende ins Auto krachte.

Räikkönen unversöhnlich

„Ich weiß nicht“, schimpfte Räikkönen noch in Montreal, wo am Sonntag (20 Uhr, RTL und Sky) der siebte WM-Lauf stattfindet – auf einem Kurs, der ähnlich eng ist wie der von Monaco: „Ich kann es noch immer nicht fassen, was für Leute in der Formel 1 mitfahren. Das ist einfach dumm.“

Mit seiner Beschwerde stand er nicht allein, fast jeder WM-Aspirant mit Ausnahme von Titelverteidiger Sebastian Vettel hat in dieser Saison schon die unangenehme Bekanntschaft mit dem wilden McLaren-Piloten gemacht. „Die Fia sollte sich überlegen, da mal einzugreifen, bevor eines Tages noch etwas Schlimmes passiert“, sagt Ex-Formel-1-Pilot Christian Danner mit Blick auf den Automobil-Weltverband. Denn Perez steht nicht allein: Pastor Maldonado, Romain Grosjean, Esteban Gutierrez, Giedo van der Garde, Julien Bianchi, Max Chilton haben viel Sponsorengeld für ihren Formel-1-Platz bezahlt. Maldonado hat allerdings einen Sieg und eine Poleposition erkämpft, etwas was der Mehrzahl der Fahrer in ihrer gesamten Karriere nicht gelingt.

„Das Problem ist, dass die Fahrer, die Geld mitbringen, nicht wirklich gut sind“, findet Rennsport-Legende Stirling Moss: „Es ist mehr als unglücklich, dass Fahrer sich heutzutage einfach in ein Team einkaufen können, wenn sie einen gefüllten Geldbeutel haben.“ Dabei verschweigt der 83 Jahre alte Brite, dass zu seiner Zeit (1951 bis 1961) überwiegend Pay-Driver unterwegs waren. Ex-Pilot Jarno Trulli (Italien) nannte die Formel 1 vor Saisonbeginn eine „gut funktionierende Luxus-Mietwagenfirma: Es ist verrückt, dass ein Fahrer Geld mitbringen muss, um zu fahren.“

Neben der Gefahr, die die unerfahrenen Crashpiloten auf der Strecke für alle anderen Fahrer darstellen, steht die Thematik exemplarisch für ein anderes großes Manko in der Formel 1. Mit seriösem Wirtschaften hat der Verkauf der Cockpits nämlich nichts zu tun. „Ich denke, dass die Formel 1 für viele Teams zu teuer geworden ist“, glaubt Moss. „Wenn du nicht über großes Kapital verfügst, reicht das Budget vorne und hinten nicht.“ Aus diesem Grunde hatte der ehemalige Fia-Präsident Max Mosley bereits vor Jahren für eine drastische Kostenreduzierung plädiert. Doch sein Vorschlag wurde abgeschmettert, stattdessen kam das sogenannte RRA-Programm, mit dem sich die Teams selbst zur Sparsamkeit verpflichten. Auch dieses Modell erzielte nicht die erhoffte Wirkung. Teambesitzer Peter Sauber soll sich beispielsweise mit einer finanziellen Unterdeckung von rund zwanzig Millionen Euro pro Jahr plagen.

Also beschlossen die Schweizer, einen Handel mit dem reichsten Mann der Welt einzugehen. Carlos Slim (geschätztes Vermögen: 72 Milliarden Euro) wirbt seither mit seinen Unternehmen Telmex und Claro auf den Sauber-Boliden; im Gegenzug verpflichtete sich der Rennstall, Slims Landsmann Perez ein Cockpit freizuhalten. Der hat aber, allen berechtigten Vorwürfen zum Trotz, bei 43 WM-Starts immerhin zwei zweite und einen dritten Platz erkämpfen können. Sein Fahrtalent ist unbestritten. Aber McLaren stand durch die Ausstiegs-Ankündigung von Titelsponsor Vodafone finanziell unter Druck. Auch deswegen half dem Team die Verpflichtung von Perez als Hamilton-Nachfolger. Die Rede ist von 20 Millionen Dollar, mit dem Slim hilft, den britischen Traditionsrennstall über Wasser zu halten.

Teams reden Fehler schön

Den Teams sind die Hände gebunden. Trotz der teilweise hanebüchenen Manöver von Perez hält sein Sportdirektor Sam Michael eisern zu ihm. „Wir stehen voll hinter ihm. Er drückt dem Sport doch gerade erst seinen Stempel auf. Er zeigt uns allen, dass er es kann.“ Die betroffenen Konkurrenten kommen aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus.

Dabei vergessen sie womöglich, dass Bezahlfahrer in der Formel 1 einst einen guten Ruf hatten. Piloten wie Niki Lauda, Juan Manuel Fangio, ja selbst Michael Schumacher ebnete erst fremdes Geld den Weg in die Königsklasse. Am Ende ging bei ihnen allen jedoch die Rechnung der Teams auf. Der Kerpener kam auf sieben WM-Titel und 91 Siege.

Fairerweise muss aber auch gesagt werden: Heute benötigen schon die Nachwuchsfahrer der unteren Klassen reichlich fremdes Geld, um den Sport ausüben zu können. Eine komplette Saison in der Formel-3-Europameisterschaft schlägt beispielsweise mit gut 750.000 Euro zu Buche.