Tennis

Nur Scharapowa kann Williams schlagen

Im Finale der French Open treffen die besten Spielerinnen „in Sachen Aufschlag und Return“ aufeinander, sagt die Bundestrainerin

Wenn Serena Williams bei den French Open ein leichter Fehler unterläuft, dann macht sie manchmal einen kleinen Hopser, das Bein angewinkelt und zur Seite gestreckt. Er demonstriert Leichtigkeit trotz des Punktverlusts, die Bewegung erinnert an Mary Poppins.

Wenn Sara Errani aufschlägt, streckt sie ebenfalls ein Bein zur Seite. Die Italienerin, nur 1,64 Meter groß, bringt so mehr Kraft in ihr Service. Es sieht nach großer Anstrengung aus.

Es war die Leichtigkeit, die sich beim Halbfinale der French Open am Donnerstag durchsetzte. Williams setzte gegen die Vorjahresfinalistin Errani mit 6:0, 6:1 deutlich durch. Nach einer Dreiviertelstunde war die Sache erledigt. „Nichts“, antwortete Errani auf die Frage, was denn da gerade passiert sei. „Sie ist eine unglaubliche Spielerin. Ich habe bis zum letzten Punkt nach einer Lösung gesucht, aber da war nichts zu machen.“

Wie eine Mary Poppins mit Muskeln schwebt Serena Williams zurzeit über die Ascheplätze. Kein einziges Match hat sie diese Saison auf Sand verloren, auf der Tour ist sie seit insgesamt 30 Begegnungen unbesiegt. Sie sei die Spielerin, „die es zu schlagen gilt“, war und ist in Paris immer wieder zu hören. Genau das scheint sich nun zu bewahrheiten.

Lungenembolie mit Folgen

Dass die 31-Jährige seit knapp zwölf Monaten wieder das Maß aller Dinge im Frauentennis repräsentiert, ist umso erstaunlicher, als ihr vor zwei Jahren noch das Karriereende drohte. Anfang 2011 erlitt sie eine Lungenembolie, jährlich sterben eine halbe Million Menschen an den Folgen eines Blutgerinnsels. Williams saß im Rollstuhl und stand unter medizinischer Beobachtung. „Es war ein schweres, beängstigendes Erlebnis“, sagte sie nach der Operation. Seitdem arbeiten ihre Lungenflügel nicht mehr zu hundert Prozent, sie muss viel Atem-Training im Swimmingpool machen.

Wenn die Weltranglistenerste am heutigen Sonnabend im Finale der French Open auf Maria Scharapowa trifft (15 Uhr, Eurosport live), könnte sich für sie ein Kreis schließen. Denn vergangenes Jahr unterlag sie gleich in Runde eins der Französin Virginie Razzano – es war die erste Erstrunden-Niederlage ihrer Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier. Tennisprofis zehren wie kaum andere Sportler von richtigen Entscheidungen über ihr Umfeld – und Williams traf, ein gutes Jahr nach ihrer Erkrankung, eine exzellente: Nach der Pleite gegen Razzano heuerte sie als neuen Trainer den Franzosen Patrick Mouratoglou an, Betreiber einer Tennis-Akademie in Paris. Es war ein Neustart – noch nie wurde die 15-malige Grand-Slam-Siegerin von jemand anderem als ihren Eltern trainiert. Vor allem aber scheint die mentale Balance zu stimmen. Mouratoglou helfe ihr, „konzentrierter zu sein und alles ernst zu nehmen“, sagt Williams. Dass sie sich in Paris nicht nur wegen den kulinarischen Freiheiten wohl fühlt, liegt offenbar ebenfalls an ihrem Coach. Zahlreiche Fotos in der Regenbogenpresse weisen darauf hin, dass die beiden sich privat mehr als blendend verstehen.

Dem sportlich-romantischen Happy End in der Stadt der Liebe kann jetzt nur noch Scharapowa im Weg stehen. Die Russin besiegte am Donnerstag Australian-Open-Champion Vikotria Asarenka in drei Sätzen und scheint derzeit die Einzige zu sein, die Williams gefährlich werden kann. Das US-Magazin „Forbes“ wies sie diese Woche erneut als bestbezahlteste Sportlerin der Welt aus, doch übersteigerte kommerzielle Absichten kann man der Blondine schon lange nicht mehr unterstellen. Wer sie bei ihrem Turniersieg im Stuttgart im April jubeln sah, erkannte, dass sie sich nicht nur über den Gewinn des schicken Sportwagens freute. „Sie war und ist eine der größten Wettkämpferinnen im Tennis“, sagt John McEnroe.

Genau wie Williams hat die Weltranglistenzweite sportlich schwere Zeiten durchgestanden. 2009 erlitt die Frau, die im zarten Alter von neun Jahren der Tennis-Akademie von Trainer-Guru Nick Bollettieri in Florida beitrat, eine schwere Schulterverletzung und pausierte neun Monate. Es dauerte drei Jahre, bis sie wieder einen Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte – die French Open 2012.

Durch Scharapowas Weg zurück nach oben zeichnet sich nun wieder so etwas wie eine echte Spitze ab. Bevor Williams 2012 Wimbledon gewann, gab es sechs verschiedene Grand-Slam-Siegerinnen, der erste Weltranglistenplatz wurde permanent neu besetzt. „Beide haben eine unglaubliche Willenskraft und schaffen es sogar an schlechten Tagen so zu bluffen, dass man ihnen das nicht anmerkt“, sagt die deutsche Bundestrainern Barbara Rittner. „In Sachen Aufschlag und Return sind sie einfach die besten.“

Doch die Favoritenrolle gehört Williams. Während sich die Amerikanerin in Paris nur gegen Svetlana Kusnezowa eine kleine Schwäche im dritten Satz leistete, hatte Scharapowas größere Aussetzer. So verlor sie im Viertelfinale den ersten Satz gegen Jelena Jankovic mit 0:6. In der bisherigen Sandplatz-Saison hat sie auf dem Belag zwar erst zwei Spiele verloren – doch beide Male hieß die Gegnerin Serena Williams. „Sie dominiert das Damentennis seit fast mehr als einem Jahr. Aber in einem French-Open-Finale fangen beide bei null an“, sagt Scharapowa. Aber mit Neustarts kennt sich allerdings nicht nur sie aus.