Interview

„Das Wichtigste ist meine Frau“

Boxtrainer Ulli Wegner über das Ende seiner Karriere und ein Denkmal für Jupp Heynckes

Mit 71 Jahren ist Ulli Wegner der älteste Trainer im deutschen Profiboxen. Morgen in der Schmeling-Halle (ARD, 22.15 Uhr) könnte er das letzte Mal in der Ringecke von Cruisergewichts-Weltmeister Marco Huck stehen, wenn dieser seinen WBO-Titel gegen de Briten Ola Afolabi verteidigt. Gunnar Meinhardt sprach mit Wegner vor dem Kampf.

Herr Wegner, in den vergangenen Wochen war zu hören, Ihr Arbeitgeber, der Sauerland-Boxstall, wolle Sie loswerden.

Ulli Wegner:

Denken Sie das wirklich?

Warum nicht, Sie könnten längst Ihre Rente genießen.

Ich will auf jeden Fall noch drei Jahre durchziehen. Ich bin geistig und körperlich fit. Vom Kopf her bin ich im besten Alter, kann meinen Jungs noch unheimlich viel geben. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Ich sage Ihnen mal was.

Bitte!

Ich glaube, manch einem ist nicht bewusst, was losgeht, wenn ich bei Sauerland aufhöre. Ich bin nicht der Herrgott des Boxens, aber noch bin ich super drauf. Die müssen froh sein, einen Mann mit so viel Erfahrung und Fachwissen zu besitzen. Es wäre nicht nachvollziehbar, wenn ich aufhören sollte. Klar, bin ich nach dem Titelverlust von Arthur (Abraham – d.R.) in einer kritischen Situation. Marco (Huck – d.R.) muss gegen Afolabi seinen Weltmeistertitel verteidigen, sonst sieht es nicht gut aus für unseren Boxstall. Wissen Sie, was ich für Fans habe? Das ist der Wahnsinn. Überall, wo ich hinkomme, sagen sie zu mir: Herr Wegner, hören Sie bloß nicht auf! Das ist für mich die größte Wertschätzung.

Sie sind aber noch drei Jahre älter als Jupp Heynckes, der sich nach seinem Tripel mit Bayern München als Fußballtrainer verabschiedet hat.

Vorerst, er wird schon noch einmal zurückkommen. Er ist ein Gigant. Noch nie habe ich einem so sehr die Daumen gedrückt wie Jupp Heynckes. Er muss ein Denkmal bekommen. Er hat bewiesen, dass auch ein Trainer im Pensionärsalter noch Weltklasse sein kann, wenn er körperlich und geistig fit ist. Was du darüber hinaus als Trainer benötigst, ist das Vertrauen der sportlichen Leitung, vor allem das des Managers.

Zuletzt schien das Vertrauen Ihres Managements zu Ihnen angekratzt.

Das ist doch Quatsch. Mein Management hat mich zu Recht kritisiert.

Sie meinen wegen der Äußerungen nach dem verlorenen Kampf Ihres Schützlings Eduard Gutknecht gegen Europameister Jürgen Brähmer.

Genau. Da habe ich mich nicht im Sinne meines Managements verhalten, als ich sagte, was für Millionen Menschen offensichtlich war: Wir werden hier verschaukelt. Aber es war nur die Wahrheit, als ich sagte: Wir konnten nur durch K.o. gewinnen. Dazu stehe ich nach wie vor.

Nach Aussage Ihres Arbeitgebers sollen Sie Ihren Job in spätestens drei Jahren quittieren.

Auf diesen angeblichen Dreijahresvertrag habe ich mich doch nur eingelassen, um meinen Jungs Sicherheit zu geben, denn sie hatten mich laufend gefragt, wie lange ich noch mache. Den Vertrag habe ich bis heute nicht unterschrieben. Eigentlich habe ich ja einen Vertrag bis zum Lebensende, allerdings per Handschlag. Ich konnte noch nie so frei und schöpferisch arbeiten wie bei Wilfried Sauerland. Das ist für mich mehr als ein Sechser mit Superzahl. Wenn wir drei großen Trainer, Manfred Wolke, Fritz Sdunek und ich, nicht mehr da sind, wird die nachfolgende Trainergeneration erst richtig begreifen, wie schwer es ist, Weltspitzenleistungen zu produzieren.

Seit 1996 sind Sie bei Sauerland Event angestellt. Was für einen Vertrag haben Sie denn nun?

In Wirklichkeit verlängert sich mein Vertrag jedes Jahr automatisch. Wenn eine der beiden Seiten nicht mehr möchte, habe ich drei Monate Kündigungsschutz, ehe sich die Wege trennen. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken. Dafür liegen zu schwere Aufgaben vor mir. Klar ist nur: Es gibt private Dinge, die alles andere unwichtig machen würden. Das Wichtigste in meinem Leben, die Nummer eins, ist meine Frau Margret. Ihr ordne ich alles unter. Um sie geht es momentan vor allem in meinem Leben.

Das heißt, wenn es Ihrer Frau schlecht gehen würde, ...

... höre ich sofort auf, was mir natürlich unheimlich weh tun würde. Doch Margret stand ein Leben lang hinter mir, ist mit mir durch dick und dünn gegangen. Unsere Beziehung war nicht nur immer eitel Sonnenschein, trotzdem ist sie die beste Frau der Welt. Für sie würde ich in Notsituationen alles stehen und liegen lasse. Ich gebe zu, meine Gefühlswelt ist derzeit etwas durcheinander. Doch mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Würde Ihrem Management eine Niederlage von Huck in die Karten spielen, um Sie vorzeitig loszuwerden?

Wenn sie sagen würden: Wegner, wir habe andere Kanonen als Trainer – dann gehe ich. Die Überflieger sehe ich aber nicht. Nächstes Jahr läuft der Vertrag mit der ARD aus. Wir müssen mehr ranklotzen denn je. Marco muss Weltmeister bleiben. Allerdings: Wenn Sie mich abschießen würden, bleibe ich doch trotzdem der Ulli Wegner, der ich war. Ich habe einen schönen Spruch.

Welchen?

Es gibt Leute, die sterben. Doch die, die du liebst, werden ewig leben. Merken Sie sich das!

Machen Sie sich über eine mögliche Niederlage Gedanken?

Ich bin vom Ehrgeiz zerfressen, deshalb ist jede Niederlage für mich eine Katastrophe. Und deshalb verdränge ich dieses Wort aus meinem Kopf. Wenn ich darüber nachdenken würde, werde ich unsicher. Dann wäre ich nicht mehr ich und müsste sofort aufhören und nicht erst morgen. Ich möchte Ihnen mal grundsätzlich etwas sagen: Die ganze Altersdiskussion geht mir total gegen den Strich. Anderswo wird einer mit über 80 Jahren Präsident eines Landes, wie in Italien. Was soll nur dieses ganze Geschwätz? Ich halte die Tatzen beim Pratzentraining noch wie ein 20-Jähriger. Ich finde immer die richtigen Worte, um in die Seele meiner Sportler zu kommen. Denn auf Weltklasseniveau wird ein Kampf immer im Kopf entschieden. Ich stehe jeden Morgen um sechs Uhr auf, um fünf Kilometer zu laufen. Müssen wir da noch übers Alter reden? Ich denke nicht. Also lassen wir das!

Sie wünschen Heynckes ein Denkmal. Würde Sie auch eins haben?

(lacht) Wer möchte das nicht? Eins habe ich ja schon mit der Sporthalle in Usedom, die meinen Namen trägt. Wir haben doch alle Stolz und Ehre – und das nicht zu wenig.