Leichtathletik

Olympiasieger sprintet zum Berliner Istaf

Weltrekordler Aries Merritt sah das DFB-Pokalfinale im Olympiastadion. Am 1. September will der Amerikaner dort selbst an den Start gehen

Wenn Veranstalter von Leichtathletik-Meetings um die Stars der Szene buhlen, geht es primär natürlich ums Geld, um die Antrittsgage. Aber es spielen auch sogenannte weiche Faktoren eine Rolle: Der Weltklasseathlet will sich wohlfühlen, auch gern die Stadt und das Umfeld genießen, das lockt ihn und überzeugt ihn bei Gefallen, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Weil die Veranstalter des Internationalen Stadionfestes (Istaf) dem Olympiasieger und Weltrekordinhaber über 110 Meter Hürden Aries Merritt zwei Karten für das Fußball-Pokalfinale am vergangenen Sonnabend zwischen den Bayern und den Dortmundern im Olympiastadion besorgten und ihm in Berlin einen unvergesslichen Tag bereiteten, wird Merritt – wie bereits im Vorjahr – einer der Topstars beim Istaf am 1. September im Olympiastadion sein.

Harting stellte den Kontakt her

„Gerne komme ich wieder“, sagt Merritt lachend. Wenn er sich nicht verletze und sich sein Management mit den Istaf-Machern einige, „wird das bestimmt klappen“. An ihm werde es bestimmt nicht scheitern: „Die Stadt ist toll, die Leute sind alle sehr nett und kümmern sich um mich.“

Das hört Martin Seeber, der Geschäftsführer des Istaf-Vermarkters TOP Sportevents, natürlich gern. Das Istaf mit einem Etat von 1,8 Millionen Euro muss mit seinem Geld vorsichtig umgehen; aber Stars eine familiäre Wohlfühlatmosphäre zu bieten, dazu bedarf es manchmal vergleichsweise kleiner Mittel. Vor allem, wenn noch der Zufall mitspielt: Merritt war in München zur Behandlung bei Medizin-Guru Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der sprach mit ihm über die Bayern-Fußballer und machte ihm das Pokalfinale schmackhaft.

Merritt kontaktierte den Berliner Diskus-Olympiasieger Robert Harting, man kennt sich, der wiederum setzte sich mit Seeber in Verbindung – und so saßen Aries Merritt und seine Schwester Ta Toya zünftig mit Bayern-Schals um den Hals auf der Tribüne, genossen das Spiel und die Atmosphäre im Vip-Bereich. Begeistert war der US-Amerikaner davon, andere Sportstars wie den ehemaligen Boxweltmeister Arthur Abraham kennenzulernen.

Wenn Merritt im September wiederkommt, „dann hoffentlich als Weltmeister“, sagt er mit seinem typischen Grinsen. Anfang August findet in Moskau die WM statt. „Diesen Titel brauche ich noch.“ Alles andere hat der 27-Jährige im Jahr 2012 abgeräumt. „Wie ein Märchen“ kam es ihm vor: Sieg bei der Hallen-WM in Istanbul über 60 Meter Hürden, dann Gold bei den Olympischen Spielen in London und als „Bonus“, wie er es nennt, der Weltrekord mit 12,80 Sekunden. Aufgestellt am 7. September in Brüssel, fünf Tage nach seinem Sieg beim Istaf. Dass ihn momentan etwas der rechte Oberschenkel zwickt, weshalb er beim „Doc“ in München war, sei „kein Problem“. In drei Wochen will er sich bei den US-Ausscheidungen das WM-Ticket holen. Wobei er zugibt, dass sein olympisches Gold über allem steht: „Das wollte ich auf meiner Liste abhaken, bevor ich sterbe…“

Viel hat sich seit dem märchenhaften Jahr 2012 geändert: Die Gagen sind höher geworden, „viele Leute erkennen mich, wollen Autogramme und Fotos mit mir“. Allerdings weniger in seiner Heimat. „Als Leichtathlet hast du es in den USA sehr schwer. Die meisten Leute denken, wir starten nur alle vier Jahre – wenn die Olympischen Spiele stattfinden.“ Er nimmt das weit verbreitete Desinteresse daheim mit Humor, freut sich darüber, dass das in Europa anders ist. Da findet sich ein Fachpublikum, vor allem in Deutschland. „Aus Deutschland bekomme ich die meisten Autogramm-Anfragen und Mails, die Leute respektieren mich sehr.“

Er traut sich zu, noch schneller laufen zu können. „12,73, 12,74 Sekunden sind möglich.“ Der menschliche Körper habe „keine Grenze“. Er verweist auf Sprintstar Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt. „Erst dachte man, es geht über 100 Meter nicht unter 9,70 Sekunden, dann kam Bolt. Danach schien es unmöglich, unter 9,60 zu laufen, wieder hat Bolt das Gegenteil bewiesen.“ Mit seinem Weltrekord von 9,58 Sekunden, gelaufen bei der WM in Berlin am 16. August 2009.

Wenn er über den Hürdensprint spricht, leuchten Merritts Augen: „Das Faszinierende ist, dass man die Fähigkeit haben muss, so viele Dinge gut zu können.“ Schnelligkeit, Explosivität, Flexibilität. „Das alles vereint zu einer wunderbaren Kunst.“ Eine Kunst, zu der er durch Zufall kam. Als er 14 Jahre alt war, erzählt Aries Merritt, habe ihn sein Sportlehrer dabei beobachtet, wie er „wie Jackie Chan in seinen Filmen“ über einen Zaun sprang. Das war der Beginn einer großen Karriere.