Interview

„Ich boxe nicht für Kaugummi“

Marco Huck kämpft am Sonnabend in Berlin zum dritten Mal gegen Ola Afolabi. Es geht auch um viel Geld

Deutsche Boxgeschichte schreibt Marco Huck (28) mit seinem nächsten Kampf auf jeden Fall. Als erster Preisboxer hierzulande wird der Cruisergewichtler aus dem Boxstall Sauerland am Sonnabend (22.15 Uhr, ARD) in der Max Schmeling-Halle zum dritten Mal gegen denselben Gegner seinen Weltmeistergürtel verteidigen. In den vergangenen Kämpfen gewann Huck gegen den Briten Ola Afolabi (33) zunächst, dann gab es ein Unentschieden. Gunnar Meinhardt sprach vor dem dritten Kampf mit dem Champion.

Berliner Morgenpost:

Herr Huck, haben Sie überhaupt Lust, ein drittes Mal gegen Afolabi zu boxen?

Marco Huck:

(überlegt lange) Jein. Es nervt mich, weil ich darin wenig Sinn sehe. Andererseits ist es okay, denn ich will das Kapitel Afolabi endgültig abschließen. Ich möchte, dass er, wenn er meinen Namen hört, sich sagt: Oh Gott, bloß nicht noch einmal gegen Huck!

Normalerweise gibt es einen dritten Kampf nur, wenn jeder ein Duell gewonnen hat. Bei Ihrer ersten Titelverteidigung im Dezember 2009 in Ludwigsburg behaupteten Sie sich mit einem einstimmigen Punktsieg, der zweite Vergleich endete im Vorjahr in Erfurt unentschieden. Warum also der dritte Kampf?

Fragen Sie den Weltverband WBO, der hat das so bestimmt. Afolabi ist wieder Pflichtherausforderer, das zeigt, was für ein Klassemann er ist. An ihm führt kein Weg vorbei, wenn ich Weltmeister bleiben möchte.

Viel spannender und zugkräftiger wäre doch aber ein Rückkampf gegen den früheren Weltmeister Firat Arslan. Gegen den Schwaben türkischer Abstammung hatten Sie zuletzt nur schmeichelhaft gewonnen.

Der Kampf kommt noch, ganz sicher. Das verspreche ich.

Dafür müssen Sie aber Weltmeister bleiben.

Das werde ich. Schon, weil ich mich nicht wieder hinten anstellen möchte. Wenn ich die Pflichtverteidigung verliere, könnte ich frühestens in einem Jahr wieder um den Weltmeistertitel boxen. Afolabi ist auch ein starker Junge, und er will natürlich endlich den Titel. Doch wie gesagt, das kann er sich abschminken. Auch wenn ich nur 80 Prozent für den Kampf motiviert bin, denn 20 Prozent stellt sich mir immer noch die Frage: Warum muss ich diese Scheiße noch mal machen?

80 Prozent werden aber nicht ausreichen, Afolabi zu besiegen.

Wenn ich richtig vorbereitet bin, und das bin ich, genügen schon 70 Prozent.

Dass dachten Sie auch bei der Titelverteidigung gegen Arslan.

Da fehlte mir noch viel mehr Motivation.

Warum, es war doch ein Prestigeduell, es ging um Ihren Titel und auch um eine ordentliche Börse im sechsstelligen Bereich?

Jeder sagte, Arslan ist ein alter Mann – immerhin ist er schon 42 -, der kann nicht boxen. Sogar mein Trainer meinte, den boxen wir doch in Schlips und Kragen, warum bereiten wir uns darauf überhaupt vor.

Dann kam alles anders. Arslan marschierte, Sie sahen teilweise schlecht aus. Haben Sie sich den Kampf noch einmal angesehen?

Nein, das mache ich grundsätzlich nicht.

Haben Sie auch nichts gelernt?

Doch. Trotzdem kommt manchmal noch der Gedanke durch: Ach komm, ich mache Party, es wird schon reichen. Ich bin aber auch so stark, dass ich jeden besiege, wenn ich zu 70 Prozent richtig vorbereitet bin.

Was motiviert Sie denn zu 100 Prozent? Etwa ein Wechsel zur amerikanischen Promotorlegende Don King?

Früher wäre ich gern bei ihm gewesen, jetzt aber ist seine Zeit vorbei.

Beinahe hätten Sie den dritten Kampf gegen Afolabi unter der Führung des 81-Jährigen gemacht. King hatte im Februar zur großen Verwunderung Ihres Promoters Wilfried Sauerland den WM-Kampf für 1,5 Millionen Dollar ersteigert. Davon hätten Sie als Weltmeister 75 Prozent, also 1,125 Millionen Dollar kassiert - die höchste Börse Ihrer Karriere. Wieso brachte sich King ins Spiel?

Er weiß eben, dass das Boxen in Deutschland nach wie vor ein lukratives Geschäft ist. Und ich jemand bin, der die Boxfans begeistert. Das bestätigt auch die letzte Ausgabe von „The Ring“. Für die Bibel des Boxens besitze ich nicht nur den härtesten Punch in meiner Gewichtsklasse, sondern bin auch der Boxer, den alle am liebsten sehen wollen. King glaubte, das wäre eine gute Basis, viel Geld zu machen.

Hatte er vor der Versteigerung mit Ihnen gesprochen?

Nein, erst danach.

Was sagte er?

Das weiß ich noch ganz genau. Er sagte auf Deutsch: Marco, nicht vergessen, du bist der Weltmeister. Ich liebe Deutschland. Dann redete er weiter auf Englisch: Deine Börse ist sicher. Trainiere fleißig! Ich werde in Deutschland eine große Show veranstalten.

Haben Sie daran geglaubt?

Natürlich. Umso überraschter war ich, als plötzlich alles platzte. King hatte keinen Fernsehsender gefunden und musste deshalb die Veranstaltung an Herrn Sauerland abtreten.

Der mit 914.000 Dollar das zweithöchste Angebot bei der World Boxing Organization abgegeben hatte. Warum kam es überhaupt zu der Versteigerung?

Weil ich mich mit Herrn Sauerland nicht über die Börse einigen konnte. Daraufhin kam Don King wie Kai aus der Kiste, da war plötzlich roter Alarm bei Sauerland.

War es Ihnen egal, unter wessen Führung Sie boxen?

Anfangs ja, im Nachhinein bin ich aber glücklich, dass es so gekommen ist, wie es ist.

Durch den Promoterwechsel verlieren Sie aber viel Geld.

Wer sagt das? Ich boxe auch jetzt nicht für Kaugummi. Ich bin zufrieden. Meinen Vertrag bei Sauerland Event habe ich bis Ende 2014 verlängert. Alles ist gut. Wie viele Kämpfe ich bis dahin mache, hängt einzig von meiner Gesundheit ab. Ich kann viel Geld verdienen.

Im Cruiser- oder im Schwergewicht?

Egal, über meine Zukunft möchte ich jetzt nicht reden.

Wurmt es Sie nicht, dass im Schwergewicht Ihr Stallgefährte Alexander Powetkin nun für eine Börse von über sechs Millionen Dollar Weltmeister Wladimir Klitschko herausfordern darf, gegen den Sie immer boxen wollten?

Klar bin ich sauer und noch immer enttäuscht, denn ich habe gegen Powetkin niemals verloren und würde jetzt an dessen Stelle stehen. Huck gegen Klitschko – damit könnten wir das Berliner Olympiastadion füllen. Aber was soll’s, jetzt muss ich erst einmal Afolabi besiegen, danach sehen wir weiter.