Pokalfinale

Ein Windhund von Luhukays Gnaden

Ibrahima Traoré scheiterte einst in Berlin. Dass er mit Stuttgart im Pokalfinale steht, verdankt er Herthas heutigem Trainer

Die Frage musste ja kommen, und Ibrahima Traoré, der von allen nur „Ibo“ genannt wird, beantwortete sie artig: Ja, es sei ein besonderes Spiel für ihn persönlich, sagte der Profi des VfB Stuttgart in einer Pressekonferenz kurz vor dem DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München (Sonnabend, 20.30 Uhr). Besonders ist die Partie, weil das Endspiel im Berliner Olympiastadion ausgetragen wird, der Heimstätte von Hertha BSC. Bei den Blau-Weißen begann die Karriere des heute 25-Jährigen. Aber das Spiel ist vor allem auch aus einem anderen Grund ein besonderes für Traoré: „Es ist das erste Mal, dass ich im Olympiastadion auflaufen darf.“

In diesem Satz steckt viel Genugtuung und wohl auch ein kleiner Vorwurf. Denn wenn Ibrahima Traoré am Sonnabend im Olympiastadion dem Champions-League-Sieger und Deutschen Meister FC Bayern den Gewinn des Triples vermiesen möchte, ist es auch die triumphale Rückkehr eines von Hertha Übersehenen nach Berlin. Der in Frankreich geborene und aufgewachsene Sohn eines Guineers und einer Libanesin kam 2006 vom Levallois SC in der fünften französischen Liga zu Hertha. Eigentlich sollte der Junge mit den schmalen Schultern zunächst in der A-Jugend des Klubs eingesetzt werden, doch Traorés Talent fiel früh schon Amateurtrainer Karsten Heine auf, der ihn sofort zum Regionalligateam hochholte. „Er war unglaublich schnell und dribbelstark“, erinnert sich Heine. Wie ein Windhund raste Traoré an der Außenlinie entlang. Nur an der Ballverarbeitung habe man noch etwas feilen müssen. Dennoch sagt Heine: „Ich war mir zu einhundert Prozent sicher, dass er es zum Bundesligaprofi schaffen wird.“

Für 50.000 Euro nach Augsburg

Zunächst schien das auch Herthas Cheftrainer Lucien Favre so zu sehen. Er beorderte Traoré zur Saison 2007/08 in den Bundesligakader. Über einen 17 Minuten kurzen Einsatz beim Auswärtsspiel gegen Nürnberg aber kam er nicht hinaus. Als der Zweitligist FC Augsburg im Sommer 2009 zum zweiten Mal um ihn buhlte, gab Herthas Manager Michael Preetz nach Rücksprache mit Favre nach und verkaufte ihn für nur 50.000 Euro an die Schwaben. Eine Entscheidung, die man in Berlin mittlerweile bereuen dürfte. Denn schon in seiner ersten Saison für Augsburg zeigte Traoré seinen wahren Wert: In 30 Einsätzen erzielte er sieben Tore und bereitete elf Treffer vor.

Der Schlüssel zu dieser Leistungssteigerung war ein gewisser Jos Luhukay, Augsburgs damaliger und Herthas heutiger Trainer. Bei Traoré nahm der Niederländer vorweg, was ihm in der aktuellen Saison auch mit Herthas Spielgestalter Ronny gelang: Er gab ihm das nötige Selbstwertgefühl, baute ein persönliches Vertrauensverhältnis auf und sorgte so dafür, dass Traoré sein Talent voll ausschöpfen konnte. „Der Trainer lässt mich meine Art Fußball spielen“, hat Traoré einmal in Augsburg über Luhukay gesagt. Über viele Gespräche schaffte es Luhukay, aus dem zwar stets gut gelaunten aber auf dem Feld seltsam gehemmten Flügelspieler einen der besten Vorbereiter der Zweiten Liga zu machen. „Mach einfach deine Sache, geh‘ ins Eins-gegen-Eins, sagt er immer zu mir. Er bestärkt mich in meinem Spiel, und das gibt mir Sicherheit.“

Wie im Fall Ronny in der aktuellen Saison bei Hertha meldeten sich bei Augsburg schnell auch Interessenten für Traoré. Anders als beim Brasilianer konnte Luhukay nicht verhindern, dass Traoré 2011 zum VfB Stuttgart wechselte. Nach anfänglichen Problemen und einer verletzungsbedingten Pause gelang dem mittlerweile zum Nationalspieler Guineas gereiften Profi beim VfB der Durchbruch in der gerade beendeten Spielzeit. In 32 Spielen erzielte er drei Tore und bereitete acht Treffer vor.

Gegen den schier übermächtigen FC Bayern am Sonnabend soll Traoré dabei mithelfen, für den VfB Stuttgart die große Überraschung zu schaffen. Dass es kaum eine schwerere Aufgabe geben könnte, ist ihm bewusst: „Sie sind für mich die beste Mannschaft der Welt.“ Wenn es mit dem Pokalsieg nicht klappen sollte, hat Ibrahima Traoré wenigstens ein Ziel erreicht: Er hat das Olympiastadion von innen gesehen.