Interview

„Wir versuchen, die Bayern zu stürzen“

Der VfB Stuttgart gilt gegen München als chancenlos. Manager Fredi Bobic nimmt sich aber ein Beispiel am englischen Pokalfinale

Nicht einmal die Amateure von Hertha BSC schienen in das Pokalfinale anno ’93 so aussichtslos unterlegen zu gehen wie der VfB Stuttgart an diesem Sonnabend gegen den FC Bayern. Sparsame Schwaben fordern in Fanforen sogar, die teure Reise nach Berlin sausen zu lassen und ein 0:3 am Grünen Tisch zu akzeptieren. Allein Bundestrainer Joachim Löw, der den VfB als Trainer 1997 zum dritten und bislang letzten Pokalerfolg führte, sagt: „München spielt eine überragende Saison, ist Meister und Champions-League-Sieger, da stellt sich die Frage nach dem Favoriten nicht. Aber es gewinnt eben auch nicht immer automatisch der Favorit.“ Fredi Bobic (41), Stuttgarts Manager, hört das gern. Er muss beruflich an die Chance des VfB Stuttgart gegen die Bayern (20.30 Uhr, ARD, Sky und morgenpost.de) glauben. Lars Gartenschläger sprach mit dem Ex-Herthaner.

Berliner Morgenpost:

Bayern-Vorstandschef Rummenigge sagte im Überschwang der Freude über den Champions-League-Sieg, München habe gegen den VfB selbst mit 1,8 Promille eine Chance. Das klang ziemlich arrogant.

Fredi Bobic:

Im Überschwang der Gefühle wird viel Unüberlegtes gesagt – kein Problem. Aber ich glaube nicht, dass Jupp Heynckes und Matthias Sammer das genau so sehen.

Wie groß ist der Reiz, den Bayern nun eins auszuwischen?

Ich glaube nicht, dass wir so einen Spruch als Extramotivation benötigen, dafür reicht das Finalerlebnis.

Worin liegt denn die Chance des VfB gegen vermeintlich übermächtige Bayern?

Es ist nur ein Spiel mit vielen nicht planbaren Momenten. Dazu kommt die Tradition, dass ein Finale oft nicht so läuft, wie es auf dem Papier vorher aussieht. Wir sind für viele sicherlich chancenlos und werden als das nächste Bayern-Opfer gehandelt. Aber es gibt Schlimmeres. Ich glaube, 16 andere Bundesligateams würden gern mit uns tauschen und dieses Finale gern spielen. Es ist für uns nicht normal, in einem Endspiel zu stehen. Deshalb freuen wir uns und werden versuchen, die Bayern zu stürzen.

Die Chance sehen Sie ernsthaft?

Klar. Oder hätten Sie gedacht, dass Wigan in England das Finale gegen Manchester City gewinnt? Bei Wigan musst du erst einmal überlegen, wer da spielt. Trotzdem haben sie den großen Favoriten gestürzt.

Den Bayern wird zugetraut, eine ähnliche Ära zu prägen wie zuletzt der FC Barcelona.

Das Zeug dazu haben sie. Absolut.

Mit Pep Guardiola als neuem Trainer.

Ich finde es klasse, dass die Bayern ihn als Trainer bekommen haben. Das wertet die Bundesliga enorm auf. Das ist eine interessante Geschichte für den deutschen Fußball. Es wird spannend sein zu sehen, wie Pep klarkommen wird.

Vor und nach dem Champions-League-Finale ist viel von einer Wachablösung im europäischen Fußball gesprochen worden.

Dafür ist es zu früh. Denn die anderen Topklubs in Spanien und England werden sich das nicht gefallen lassen. Sie werden aufrüsten und wieder angreifen. Das Signal haben sie verstanden: Die Bundesliga ist wieder da. Und es wird nun über unseren Fußball in Ländern geredet, die jahrelang gar nicht genau wussten, wo Deutschland liegt.

Nach der Bekanntgabe des Wechsels von Mario Götze gab es Diskussionen um Klauseln in Spielerverträgen. Wie stehen Sie dazu?

Es sind ja immer zwei Parteien am Tisch. Und manchmal ergeben sich Situationen, in denen du eine Klausel zulassen musst. Wenn du zum Beispiel als Verein kurzfristig einen Spieler benötigst, um in der Klasse zu bleiben, aber nicht so viel Geld hast, ihn langfristig zu binden. Oder aber, wenn dir ein Spieler angeboten wird, von dem du weißt, dass er das Zeug für größere Aufgaben hat, aber zuvor eine Bühne benötigt, auf der er sich beweisen kann. Das Geschäft ist nun mal so und bietet den Vereinen meistens auch einen Mehrwert. Das zeigen doch die Summen, die der BVB jetzt für Götze oder Freiburg für Max Kruse bekommt. Ich finde Klauseln legitim, auch wenn es wehtut, einen Spieler zu verlieren. Aber es ist doch besser, wenn ein Spieler ein Sprungbrett bekommt, als dass er gleich zu einem Topklub wechselt, wo er vielleicht versauert.

Der VfB steht zwar im Pokalfinale. Das Team hat aber eine eher durchwachsene Saison gespielt. Was ist in der Zukunft wieder möglich?

Wir müssen versuchen, wieder eine tragende Rolle zu übernehmen. Denn selbst wenn wir im Pokalfinale stehen und unter die letzten 16 Teams in der Europa League gekommen sind – am Ende zählt in der Wahrnehmung nun mal in erster Linie die Bundesliga. Deshalb sind wir dabei, für mehr Qualität und Quantität im Kader zu sorgen. Noch so eine Saison wie die vergangene wollen wir uns nicht leisten. Und dennoch glaube ich, Vereine wie zum Beispiel Hamburg, Bremen oder Gladbach würden in der neuen Saison auch gern wieder in Europa spielen.