Interview

„In Deutschland stimmt einfach die Basis“

Bodo Illgner über Torwartleistungen, Jürgen Klinsmann und das Finale der Champions League

Der Zeitpunkt ist fast bizarr: Nach dem Champions-League-Finale und vor dem DFB-Pokal-Endspiel findet am Mittwoch ein Länderspiel statt. In Boca Raton spielt die deutsche Mannschaft gegen Ecuador (20.30 Uhr/ARD), die Nummer zehn der Weltrangliste. Das Spiel findet quasi im Vorgarten von Bodo Illgner (46) statt. Der ehemalige Nationaltorhüter und Weltmeister von 1990 hat eine Wohnung in Boca Raton und wird das Spiel für einen amerikanischen TV-Sender analysieren. Lars Wallrodt hat ihn besucht. Im Interview spricht Illgner über Fußball in Amerika, die Torwartleistungen von Roman Weidenfeller und Manuel Neuer im Champions League Finale und seine beruflichen Ambitionen, in die Bundesliga zurückzukehren - möglicherweise als Sportdirektor.

Berliner Morgenpost:

Wie kommt es, dass Sie als Fußballexperte im US-Fernsehen auftreten?

Bodo Illgner:

Ich bin seit 2009 hier und habe seitdem viele Kontakte geknüpft. Einmal wurde ich bei ESPN in einer Talkshow eingeladen, der Produzent wechselte später zum Sender beIN Sport und erinnerte sich an mich. Dort gibt es einen englisch- und einen spanischsprachigen Kanal, die ich beide bediene. Seitdem bin ich jeden Montag dort in einer Expertenrunde, in der unter anderem auch der frühere englische Nationalspieler Ray Hudson sitzt.

Ist Soccer immer noch eine Randsportart in den USA?

Im Spitzenbereich ja, aber nicht im Breitensport. Im Kinder- und Jugendbereich wird unglaublich viel Fußball gespielt, besonders von Mädchen. Es fehlt aber die Fußball-Historie hier. In Deutschland können viele eine Jugendmannschaft trainieren, weil sie selbst gespielt haben oder noch spielen. Hier in den USA haben die Eltern aber nicht die Kenntnisse. Aber es wandelt sich.

Tatsächlich?

Das Problem ist, dass es hier kein Vereinssystem gibt. Es geht alles über die Universitäten, und dort wird mitunter sogar nach anderen Regeln gespielt. So darf beispielsweise ein Spieler aus- und wieder eingewechselt werden. Da muss sich der Verband bald entscheiden, ob man eine Klubebene einziehen will oder es in den Colleges belässt. Dann aber müssen die Regeln vereinheitlicht werden. Es ist also noch jede Menge Arbeit zu tun. Fragen Sie mal Jürgen Klinsmann. Der hat als Nationaltrainer alle Hände voll zu tun. Wir haben neulich lange miteinander diskutiert.

Am Sonntag spielt die deutsche Mannschaft in Washington gegen das US-Team. Wie wird Klinsmann hier gesehen?

Er ist wie immer sehr engagiert bei der Sache und verfolgt seinen Weg, wie wir es aus seiner Zeit bei der Nationalmannschaft und Bayern München kennen. Auch hier schneidet er einige alte Zöpfe ab, und darüber sind natürlich nicht alle glücklich. Er hat beispielsweise einige alte Spieler aussortiert. Die Erwartungshaltung an ihn ist zudem überproportional groß, wenn man es mit dem wahren Leistungspotenzial der Mannschaft vergleicht. Da sind die Vorstellungen manchmal nicht ganz realistisch.

In Deutschland wird über den Sinn der USA-Reise diskutiert, wo doch kein Spieler aus München oder Dortmund von Beginn an dabei sein kann. Wie sehen Sie das?

Wer hätte vor Monaten voraussagen können, dass der FC Bayern und Borussia Dortmund ins Champions-League-Finale kommen? Ich finde, es ist eine große Chance für die Spieler, die jetzt dabei sind. Bei solchen Reisen ist es schon in der Vergangenheit mal dem ein oder anderen Spieler gelungen, sich ins Rampenlicht zu spielen.

Apropos Rampenlicht: Dortmund-Torwart Roman Weidenfeller war im Finale überragend, spielte schon zuvor eine herausragende Saison. Trotzdem wurde er noch nie ins Nationalteam berufen.

Ich stimme Ihnen zu, er ist in Topform. Allerdings ist er mit 32 Jahren auch kein junger Torwart mehr, und mit Manuel Neuer ist ein sehr starker Torwart da, dem die Zukunft gehört. Beide, Weidenfeller und Neuer, haben sich im Endspiel die Note 1 verdient. Es kann ja leider nur ein Schlussmann spielen. Insofern verstehe ich Löw, dass er Neuer das Vertrauen schenkt. Für mich ist Neuer derzeit der beste Keeper der Welt.

Wie fanden Sie das Finale?

Überragend! Ein tolles Spiel. Viele Torchancen, viel Power. Das war Werbung für den Fußball.

Wie hat sich das Ansehen des deutschen Fußballs durch die Erfolge in der Champions League verändert?

Das Ansehen ist enorm. Vor allem der Sieg der Bayern im Halbfinale gegen den FC Barcelona hat alle hier verblüfft, mich eingeschlossen. Auch Dortmunds Weiterkommen gegen Real Madrid. Das hat auch die Fußballfans hier in Amerika begeistert. In Deutschland stimmt einfach die Basis, vor allem durch die gute Sichtung und Nachwuchsarbeit. Die war schon zu meiner Zeit gut und wurde weiter verbessert.

Sie kennen den spanischen Fußball gut: Wie werden Barcelona und Madrid auf die neuen Kräfteverhältnisse reagieren?

In Barcelona wird man ruhig bleiben und die Mannschaft gezielt verstärken. Der Transfer von Neymar war ein erster Schritt. Und auch bei meinem ehemaligen Klub Real Madrid wird niemand durchdrehen. Aber alarmiert ist man schon angesichts der deutschen Dominanz.

Würden Sie Heynckes raten, noch ein paar Trainerjahre dranzuhängen?

Das ist schwer zu beantworten. Ich würde als Außenstehender sagen, es wäre der perfekte Zeitpunkt, um aufzuhören. Mehr kann ja kaum kommen, er kann eigentlich nur verlieren. Ich würde ihm raten wollen: Genieß dein Leben, du hast lange genug erfolgreich gearbeitet.

Was sind eigentlich Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich könnte mir gut vorstellen, bald wieder im Fußball anzufangen. Ich habe im vergangenen in Spanien einen Lehrgang für Sportdirektoren gemacht. So etwas schwebt mir vor. Vielleicht auch, weil ich gebrandmarkt bin: Ich habe in meinen 16 Jahren als Spieler 16 verschiedene Trainer gehabt. Schon damals war mir klar, dass es das nicht sein kann. Das beste Beispiel war die Verpflichtung von Morten Olsen 1993 beim 1. FC Köln. Er hat eine Dreierabwehrkette spielen lassen und hatte sich entsprechende Spieler dafür gekauft. Nach zwei Jahren wurde er entlassen, und der neue Trainer wollte mit Libero und zwei Manndeckern spielen lassen. Schon war das ganze Konzept über den Haufen geworfen. Eine Katastrophe, die ich so oder ähnlich auch heute noch bei vielen Vereinen sehe. Man braucht ein Grundkonzept, das man über Jahre durchzieht.

Wollen Sie in die Bundesliga?

Die Bundesliga würde mich schon sehr reizen, ja. Da hat meine Karriere angefangen, und es ist eine der besten Ligen der Welt. Auch die Zweite Liga ist denkbar. Wichtig ist, dass es passt und ich dort langfristig etwas aufbauen kann.