Uli Hoeneß

Nichts ist, wie es einmal war

Für Hoeneß ist der Gewinn der Königsklasse die Krönung seines Lebenswerks. Genießen kann er den Triumph nicht

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von ihm ja so enttäuscht ist, schüttelte ihm die Hand, und der Steuersünder Uli Hoeneß machte brav seinen Diener. Kurze Zeit später drückte ihm Bastian Schweinsteiger auf dem schmalen Siegerbalkon in Wembley den silbernen Henkelpott in die Hände, doch diese Szene glich fast einer Nötigung. Immerhin aber durfte sich Hoeneß über solidarische „Uli, Uli, Uli“-Rufe aus der Bayern-Kurve freuen. „Ich spüre bei allen Spielern, dass sie sich sehr für mich gefreut haben. Das zeigt, dass man nicht alles falsch gemacht hat in den letzten zehn Jahren“, bekundete Hoeneß.

Und noch ein bisschen später, um 2.17 Uhr Ortszeit im Hotel Grosvenor House am Hyde Park, wo passenderweise „The Great Room“ für die große Münchner After-Game-Party hergerichtet worden war, wurde es dann doch ein bisschen peinlich: Jan-Christian Dreesen, der neue Finanzvorstand, rief zunächst seine Vorstandskollegen Karl-Heinz Rummenigge, Matthias Sammer und Andreas Jung herauf auf die Bühne – dann verlangte er plötzlich nach Uli Hoeneß. „Wir woll’n den Uli seh’n“, rief Dreesen in das Saal-Mikrofon – für Momente entstand eine eigenartige Stimmung. Hoeneß ging auf die Bühne, doch erneut schien er sich unwohl zu fühlen, im Mittelpunkt wollte er an diesem Abend nicht stehen. „Ich war nie einer, der sich in den Vordergrund drängt“, hatte er zuvor beteuert, als ihm Markus Hörwick, Mediendirektor des FC Bayern, beim Interview mit Sky den Pokal ebenfalls fast aufzwingen musste: „Da, das ist deiner.“

Verschämt und verdruckst

Hoeneß, 61 Jahre alt, wirkte gezeichnet von den vergangenen Wochen, von seiner Steueraffäre, von den Diskussionen um seine Person. „Das ist nicht mein Titel, sondern der des FC Bayern. In den letzten Wochen war es für mich nicht einfach, aber die Mannschaft und der Verein haben da unglaublich drübergestanden“, sagte er. Er wirkte seltsam verschämt und verdruckst. Er wirkte freilich auch, als müsse er sich zwingen, Distanz zu dieser Krönungsfeier auch seiner eigenen Laufbahn mit dem FC Bayern zu wahren.

Die Situation im „Great Room“ wurde schließlich von Rummenigge gerettet, der Dreesen einfach das Mikrofon wegnahm und sagte: „Ich glaube, was unseren Klub auszeichnet, ist Uli Hoeneß. Uli Hoeneß ist der Architekt des FC Bayern. Uli hat schwierige Zeiten hinter sich, aber was diesen Klub auszeichnet, ist, dass wir Freunde sind und in schwierigen Zeiten zusammenstehen.“ Und dann durfte Hoeneß runter von der Bühne – und ein wohliges Bad in der tobenden Menge nehmen.

Rund 1200 Menschen waren im Saal dabei, sie klatschten, sie jubelten Uli Hoeneß zu, und der genoss die Huldigungen. Zumindest in diesem Augenblick schien es, als sei wieder alles so wie früher. In Wahrheit hatte Hoeneß auch den Moment auf dem Siegerbalkon irgendwie genossen. Der Gewinn der Champions League ist auch sein Sieg, er weiß das, alle wissen das. Deswegen haben sie ihn bislang auch nicht fallen gelassen, obwohl sich hartnäckig der Verdacht hält, dass schon am Montag der kommenden Woche, nach dem Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart, Schluss ist für ihn, zumindest als Aufsichtsrat. In London wirkte Hoeneß eigenartig distanziert – er sprach vom und über den „FC Bayern“, wo er früher „wir“ oder „wir beim FC Bayern“ gesagt hatte. Nach wie vor steht das Ermittlungsergebnis der Münchner Staatsanwälte nach seiner Selbstanzeige im Januar aus, das Einfluss auf seine weitere Mission im Verein haben dürfte.

Als sich Schweinsteiger bei seiner nächtlichen Tour durch den Bankettsaal mit dem Präsidenten nebst Henkelpott ablichten ließ und den Vereinspatron von hinten umarmte, lächelte Hoeneß für einen Moment einfach nur glücklich.

Nach Spielen in der Champions League haben sich die Granden des FC Bayern zu später Stunde immer eine Zigarre angezündet. Es sollte diesmal selbstverständlich nicht anders sein, doch als der erste Rauch aufstieg, kam plötzlich die Durchsage: „No smoking, this is a non-smoking room.“ Nein, für Uli Hoeneß ist nichts mehr, wie es einmal war. Zwanzig Minuten vor vier Uhr ging er.