Bayern München

„Josef, wir müssen die Sau rauslassen“

Die Party in London war lang, und auch Trainer Heynckes musste alles geben: Der FC Bayern München feiert den Champions-League-Sieg

Der Party-Pirat zog mit seiner Beute durch den riesigen Saal und strahlte. Bastian Schweinsteiger hatte sich ein Tuch um die Stirn gewickelt, die Ärmel seines T-Shirts hochgekrempelt und präsentierte seinen Liebsten den Champions-League-Pokal. Auf dem Bankett des FC Bayern im Hotel Grosvenor House jubelten dem Nationalspieler die vielen Ehrengäste zu. Im Wembley-Stadion hatte Schweinsteiger den Henkelpott vor der Fankurve noch wild in die Luft gestemmt, jetzt, 2 Uhr am Sonntagmorgen, behandelte er ihn zärtlich, als wäre es ein Baby.

Seine Freundin Sarah Brandner kam dazu, küsste ihren Freund und hob mit ihm die Trophäe hoch. Dann ging der Pokal weiter an Franck Ribery, der Offensivstar stellte ihn auf einen Stuhl, und um den Tisch bildete sich eine Menschentraube. Alle wollten den Pokal berühren, alle ein Handyfoto. Im Hintergrund spielte eine Band Party-Hits, Fans in Lederhosen stießen mit Weißbier an, Franz Beckenbauer schüttelte Hände.

Es waren ganz unterschiedliche Menschengruppen auf dieser Feier, und doch hatten sie alles etwas gemeinsam: Einen besonderen Glanz in den Augen. Stolz. Erleichterung. Euphorie. Klubchef Karl-Heinz Rummenigge stand auf der Bühne und sagte: „Nach dem verlorenen Finale dahoam 2012 hatten wir einen Schock. Als ich damals die Fans nach Hause gehen sah, dachte ich mir: Mama mia.“ Dass die Mannschaft ein Jahr später den Pokal gewonnen habe, „ist das Sport-Comeback des Jahres.“ Applaus.

Spitzenkoch Alfons Schuhbeck hörte zu, Boris Becker klatschte, Bayern-Legende Paul Breitner stand ganz ruhig am Ende des Saals und genoss den Augenblick. Rummenigges Rede bewegte die Gäste, unter ihnen auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, Moderator Thomas Gottschalk und Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Der Klubchef berichtete von einer Unterhaltung mit seiner Ehefrau Martina kurz vor der Feier.

Sie hatten über seine Gratulation an die Bayernspieler nach dem Abpfiff gesprochen. „Meine Frau sagte, ich habe dabei ausgesehen, als hätte ich meine Söhne umarmt“, so Rummenigge. Er hielt einen Moment inne, dann sagte er: „Mir kommen schon wieder die Tränen.“ Und gab den Befehl zum Durchdrehen. „Wir machen die Nacht zum Tag. Die Kanonen sind freigegeben.“ Am Sonnabend spielen die Münchner zwar das DFB-Pokalfinale. „Da haben wir mit 1,8 Promille trotzdem eine Chance“, so Rummenigge. Der Saal tobte.

Die Kellner füllten die Gläser mit Wein und Champagner, dann servierten sie Angus Filet mit Austernpilzen in Rotweinsauce. Auf die Brownies und das Walderdbeeren-Mousse am Dessert-Buffet hatten die Köche das FC-Bayern-Logo aus Schokolade platziert. Nach dem Essen standen die Gäste schnell auf, die Tanzfläche füllte sich.

Ein Traum erfüllt sich

Schweinsteiger hatte sich jetzt einen Stuhl und vom Tisch eine große Vase mit Rosen geschnappt. Aus Spaß hielt er diese wie einen Pokal hoch. Kapitän Philipp Lahm klatschte mit Freunden ab. „Es ist unglaublich, was sich die Mannschaft in den vergangenen Jahren erarbeitet hat. Heute wurden wir endlich mal belohnt für das, was wir in den letzten Jahren, Monaten und Wochen geleistet haben“, sagte er. Der Traum, eine goldene Generation zu werden, für ihn und Schweinsteiger hat er sich ihrer Empfindung nach erfüllt.

Die Mannschaft verschwand dann bald, zog gegen 2.30 Uhr ins Hotel Landmark. Dort hatte sie vor dem Spiel übernachtet und für diese besondere Nacht einen Raum mit DJ reservieren lassen. Hier waren die Stars unter sich.

Unterdessen ging die offizielle Klubfeier bis in den Morgen weiter, die Stimmung war gelöst, Trainer Jupp Heynckes war unter Druck. Er musste jetzt ja etwas zeigen! Sein Assistent Hermann Gerland hatte nach ein paar Gläsern Whiskey Cola die Bühne geentert und seinen Chef zu Coolness aufgefordert. „Josef, Champions-League-Sieger, ich habe einen Wunsch. Ich möchte, dass du mal ein wenig lockerer wirst. Denn irgendwann kommt der Sensenmann. Du kommst in den Himmel, ich komme in die Hölle. Davor müssen wir noch mal richtig die Sau rauslassen“, so Gerland. Heynckes lachte und genoss die Nacht. Um 1.04 Uhr gab er seine Zurückhaltung auf und feierte mit einem ausgelassenen Tanz auf der Bühne seinen Aufstieg in den Trainer-Olymp. „Jupp, Jupp, Jupp“, schmetterten die Spieler während des ungewohnten Auftritts ihres scheidenden Coaches. Der 68-Jährige, der als erst vierter Trainer mit zwei verschiedenen Vereinen die begehrteste Trophäe des Vereinsfußballs gewonnen hat, gab dem künftigen Bayern-Coach Pep Guardiola zuvor noch etwas mit auf den Weg. „Ich übergebe meinem Nachfolger wirklich eine perfekt funktionierende Mannschaft. Mario Götze wird noch dazukommen, Robert Lewandowski wird auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das sind noch zwei Top-Offensivspieler mehr“, sagte Heynckes und sorgte mit dem Lewandowski-Spruch für Irritationen in Dortmund.

Als alles vorbei war, erhielt jeder Gast beim Rausgehen vom Verein ein T-Shirt. Es war jenes, das auch die Spieler an diesem Abend trugen. Auf der Vorderseite ist in großen Buchstaben das Motto einer Nacht gedruckt, an die sie sich beim FC Bayern lang und gern erinnern werden: „Football is coming hoam.“