Fußball

Duell der Regisseure

Nach dem Götze-Ausfall muss sich Gündogan als BVB-Stratege bewähren – im Vergleich mit Bayerns Schweinsteiger

Dem Schockmoment folgte der Trotz. Jetzt erst recht – so könnte das Motto bei Borussia Dortmund für das Champions-League-Finale am Sonnabend gegen Bayern München (20.45 Uhr, ZDF und Sky) nun lauten, da feststeht, dass Mario Götze ausfallen wird. Der Mittelfeldstar des BVB wird das große Finale wegen seiner Oberschenkelverletzung nur von der Tribüne aus miterleben können. Torhüter Roman Weidenfeller redete den restlichen Kader stark und erinnerte vor dem großen Duell im Wembley-Stadion an Sternstunden der Borussia ohne den Edeltechniker. „Man sollte nicht alles an ihm festmachen. Im Pokalfinale 2012 hat er auch nicht gespielt.“

Nicht nur beim 5:2 im Endspiel um den DFB-Pokal gegen das Team von Jupp Heynckes vor einem Jahr lief der BVB trotz des Fehlens von Götze zu großer Form auf. Im Meisterjahr 2011/12 rangierte der Revierklub am Ende acht Punkte vor den Münchnern, obwohl der Jungnationalspieler vom 17. bis zum 31. Spieltag gefehlt hatte. Weidenfeller wertete das im „Kicker“ als gutes Omen für Wembley: „Dass wir mit ihm eine andere Qualität haben, steht außer Frage. Dennoch wussten wir uns auch in der Zeit zu helfen, als Mario wegen einer Schambeinentzündung lange ausgefallen ist.“

Ohnehin wird die Borussia sich von der kommenden Saison an daran gewöhnen müssen, ohne den künftigen Münchner auszukommen. Statt Götze wird voraussichtlich Marco Reus in London auf dessen Position im zentralen offensiven Mittelfeld zum Einsatz kommen.

Als weitere Variante gilt Ilkay Gündogan. Doch selbst wenn Gündogan auf seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld agieren sollte, kommt nach Götzes Ausfall auf den 22-Jährigen mehr Verantwortung zu. Keine Frage, das Finale in London ist der Höhepunkt der imposanten Entwicklung, die Gündogan in der Bundesliga in den vergangenen Monaten vollzogen hat. Vor zwei Jahren kam er vom 1. FC Nürnberg zum BVB. Er brauchte eine Zeit, um sich anzupassen, im Grunde geschah das erst in der Rückrunde, Dortmund hatte sich da schon längst aus der Champions League verabschiedet. In seinem zweiten Jahr aber ist aus dem „erweiterten Jugendspieler“ Gündogan „unser Stratege“ geworden, sagte Trainer Jürgen Klopp. Gündogan ist das Scharnier zwischen Abwehr und Angriff, ein Ballschlepper mit Übersicht, Ruhe und exzellentem Passspiel, auch wenn er unter den hohen Werten seines Bayern-Konkurrenten Bastian Schweinsteiger (28) bleibt. Dass er beim 0:1 im Pokalviertelfinale in München gegen seinen Konkurrenten auch im direkten Vergleich den Kürzeren zog, verbuchte Gündogan unter Lerneffekt. Es war die Zeit, als die Diskussion, ob Gündogan der bessere Schweinsteiger sei, ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Der BVB habe nichts zu verlieren, sagte er jüngst, als es um das große Finale am Sonnabend ging. Für die Bayern und insbesondere für die Generation Schweinsteiger trifft das nicht zu, nach all den Endspielen, die sie bestritt und doch ohne internationalen Titel blieb.

Für Bayern-Trainer Jupp Heynckes ist sein Vize-Kapitän derzeit „der beste Mittelfeldspieler der Welt“, und auch statistisch ist es kein Duell auf Augenhöhe. Schweinsteigers 299 Bundesligaspiele und 74 Einsätze in der Königsklasse wirken turmhoch gegen Gündogans Bilanz (103/13). In der laufenden Champions-League-Saison liegt der Bayer in allen Vergleichen vor dem Borussen – Tore (2:0), Vorlagen (4:0), Zweikampfwerte, Kontakte, Passquote, Laufdistanz. „Er ist ein sehr netter Kollege, sehr sympathisch und hat sich sehr gut entwickelt“, sagt Schweinsteiger über den Herausforderer. Der nennt den Konkurrenten „eine Führungspersönlichkeit mit großen Verdiensten“. Doch nach dem Schockmoment mit Götze werden die Blicke vor allem auf Gündogan gerichtet sein.