Fußball

Köpenicker Achterbahnfahrt

Nach Platz sieben rückt bei Union die erste Liga mehr und mehr in den Blickpunkt. Hannovers Eggimann verstärkt die Abwehr

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Kirmes“ war der Begriff, den Uwe Neuhaus sofort wählte, als er die vergangene Saison des 1. FC Union in einem Wort zusammenfassen sollte. „Wie in einer Achterbahn“, sagte der Trainer des Berliner Fußball-Zweitligisten, „und auf jeden Fall immer eine Schießbude auf dem Platz.“ Das 2:1 (0:0) beim VfL Bochum, der so sehnlichst erhoffte Auswärtssieg am letzten Spieltag, hat sichtlich für Entspannung gesorgt im Lager der Köpenicker. Union beendet das Fußballjahr als Siebter, „wir haben das Minimum erreicht“, so der Coach.

Die nackten Zahlen künden von einer guten Union-Saison. 49 Punkte, ein Zähler mehr als im Vorjahr, 17.109 Zuschauer im Schnitt, gut 1000 mehr als in 2011/12, und das trotz geringerer Kapazität in der Hinrunde wegen des Baus der Haupttribüne – das kann sich sehen lassen. Doch es ist vor allem der Trainer, der nicht so viel auf Statistiken setzt. „Viel wichtiger ist, wie eine Saison verläuft. Und wenn man unseren Start sieht (fünf Spiele, ein Punkt, d.Red.), müssen wir froh sein, noch da oben reingekommen zu sein.“

Union in der Saison 2012/13 – das waren die leise Hoffnung auf Relegationsplatz drei, mitreißende Spiele gegen Hertha BSC, Kaiserslautern oder in Braunschweig. Das war aber auch die Erkenntnis, dass es für die Köpenicker in dieser Verfassung noch nicht reicht, um im Kampf um die Aufstiegsplätze ein Wörtchen mitreden zu können.

Neun Gegentore weniger

„Aber wir haben uns auch um neun Gegentore verbessert. Das ist schon eine Marke“, sagte Neuhaus: „Noch einmal neun Tore und wir sind schon in dem Bereich, in den wir wenigstens hinkommen wollen.“ Der erste Schritt dahin ist mit der Verpflichtung von Mario Eggimann bereits getan. Der Schweizer Innenverteidiger wechselt vom Bundesligisten Hannover 96 nach Köpenick. Neuhaus bezeichnet ihn als „ausgesprochen kopfball- und zweikampfstark“ und spricht von einem „Führungsspieler“.

Die zweite Verpflichtung nach Mittelfeldspieler Martin Dausch (Aalen) ist die erste Umsetzung dessen, was der Klubchef unlängst formulierte. „Wir werden zur neuen Saison in unseren Spielerkader investieren mit dem Ziel, ihn weiter zu verstärken. Parallel dazu werden wir auch in andere Vereinsabteilungen investieren.“ Eggimann (125 Bundesliga-Einsätze, Vertrag bis 2015), die neue Haupttribüne mit ihren Vip-Logen und Business-Seats, der angepeilte Rekord-Etat von 20 Millionen Euro – Union kommt auf den Geschmack Bundesliga.

Vielleicht war auch deshalb die Enttäuschung über das Abschneiden in den vergangenen Wochen so groß, weil „wir so nah wie noch nie an der Relegation dran waren“, sagte Neuhaus. Mehr und mehr rückt die erste Liga ins Blickfeld an der Alten Försterei. „Jeder, der dorthin kommen kann, will da auch rein“, so Neuhaus. Abgesehen vom Gehaltssprung „will jeder doch die Erfahrung machen, mal gegen Bayern München um Punkte zu spielen. Wer dieses Abenteuer nicht mitmachen will, den müsste man eigentlich aus der Mannschaft werfen“, erklärte Neuhaus.

Es ist zu spüren, wie sehr der 53-jährige ehemalige Bundesliga-Profi Geschmack daran gefunden hat, auch als Cheftrainer den Sprung in die deutsche Eliteliga zu schaffen. Noch heute bezeichnet er das 2:2 im Derby bei Hertha BSC am 21. Spieltag als Knackpunkt für den Rest der Rückrunde. „Wenn wir das Spiel gewonnen hätten, hätte vielleicht jeder schon den Glauben daran bekommen, dass wir es schaffen können.“ Den Glauben an sein Team habe er jedoch nie verloren. Nun obliegt es ihm, in der kommenden Saison den Spagat zu meistern zwischen Fußball-Romantik (die Demut, nicht zu vergessen, woher man gekommen ist) und professionellem Handeln, wie es in einem Klub nötig ist, um tatsächlich einmal die Bundesliga zu erreichen. „Ich werde mich aber nicht vor der Saison hinstellen und dieses Gefühl von der Bundesliga vermitteln. Ich werde lieber versuchen, in der Vorbereitung eine gute Basis zu schaffen“, machte Neuhaus deutlich. Eine verbale Attacke, dass Union aufsteigen will, wird es demnach nicht geben. „Es fällt mir schwer, daran zu glauben“, sagte Neuhaus, „das entwickelt sich erst im Laufe einer Saison.“ Zumindest bei Mannschaften, die – wie Union – das spielerische Personal punktuell verstärken.

Vor allem auf der Position im defensiven Mittelfeld und links in der Abwehr besteht dringend Handlungsbedarf. „Grundsätzlich ist es gut, dass es Möglichkeiten gibt, die Mannschaft zu verbessern. Das Preis-Leistungsverhältnis muss natürlich stimmen“, so Neuhaus.

Im Wettbewerb angekommen

Die Zeiten, in denen Union vielleicht ein Schnäppchen landen kann, sind jedenfalls längst vorbei. „In allen Gesprächen, die wir bislang geführt haben, wurde deutlich, dass das Interesse an Union schon deutlich gewachsen ist“, sagte Neuhaus. Mit dem Ergebnis, dass der Verein auch den einen oder anderen Abgang hinnehmen muss, wie Chinedu Ede vor oder Markus Karl während der Saison. Neuhaus: „Das ist der Wettbewerb, in dem wir angekommen sind, wenn andere Notiz von einem nehmen.“

Bundesliga – es ist der Begriff, mit dem Union in den kommenden Monaten immer häufiger konfrontiert werden wird. „Aber jeder weitere Schritt nach oben ist doppelt und dreifach schwer“, warnt Neuhaus schon vor Euphorie. Gut möglich, dass die Achterbahnfahrt der Vorsaison nicht die letzte gewesen ist.