Hertha BSC

„Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft“

Jos Luhukay schreibt in der Morgenpost: Mein erstes Jahr mit dem Verein Hertha BSC. Von Geheimtreffen und einem Wutanfall

Alles war anders als sonst. Als ich die große Party von Hertha am Gleisdreieck mit meiner Frau Ingrid verlassen habe, war es deutlich nach ein Uhr nachts. Zu der Zeit schlafe ich sonst längst. Ich war nicht mehr ganz nüchtern – entgegen meiner sonstigen Gewohnheit. Aber ich war sehr, sehr zufrieden. Es ist so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe. Im vergangenen Mai habe ich in meinem Haus in Venlo gesessen und überlegt: O.k., nun ist es doch die Zweite Liga geworden. Aber das passt: Wenn ich im Juni 2013 50 Jahre alt werde, werde ich wieder Bundesliga-Trainer sein.

Relegationsspiel auf dem Sofa

Genauso hat es sich entwickelt. Hertha BSC hat eine Supersaison gespielt. Wir haben einen Zweitliga-Punkterekord aufgestellt. Bei der Tabelle muss ich immer doppelt hinschauen: Nur zwei Niederlagen in 34 Saisonspielen – so etwas habe ich noch nicht erlebt in meiner Karriere. Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft, auf den Verein und auf die Fans, wie wir das hinbekommen haben.

Angefangen hat das Jahr bei Hertha BSC mit einer Enttäuschung. Ich habe das Relegations-Rückspiel in Düsseldorf daheim auf der Couch verfolgt. Ich hatte den Verantwortlichen von Hertha bereits vorher signalisiert, dass ich kommen würde, egal, wie es ausgeht. Und natürlich habe ich die Daumen gedrückt, dass Hertha die Bundesliga hält. Nachdem klar war, dass es in die Zweite Liga geht, brauchte ich nur kurz zu überlegen. Mit der Aufgabe, mit der Herausforderung bei Hertha konnte ich mich voll identifizieren. Für mich wären beide Fälle akzeptabel gewesen. O.k., nun sollte es Zweite Liga sein.

Ich habe einen Verein und eine Mannschaft vorgefunden, die verunsichert waren. Gleich zum Trainingsstart habe ich gesagt: Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Lasst uns nicht zurückschauen. Wir müssen unsere negativen Gedanken verdrängen und mit Leidenschaft die Zukunft gestalten. Lasst uns unser Ziel, direkt wieder aufzusteigen, positiv anzugehen.

Aber jeder Spieler geht anders mit so einem Negativerlebnis um. Manche kommen schneller drüber hinweg, andere brauchen länger. Adrian Ramos etwa hat sich das mit der Relegation sehr zu Herzen genommen. Dazu kam in der Vorbereitung die Ungewissheit über seine Zukunft. Das war mental schwierig für ihn. Erst, als am 31. August alles geklärt war – Adrian bleibt bei Hertha – da kam er in Schwung. Und ist von Woche zu Woche besser geworden. Er hat nicht nur elf Tore geschossen, er war extrem wichtig. Seine Qualitäten haben der Mannschaft geholfen. Adrian ist schnell, kann den Ball halten, Eins-gegen-eins-Situation gewinnen. Er hat ein Spektrum, von dem wir sehr profitiert haben. Es war in jedem Spiel schwer für Adrian, weil er sich immer in Unterzahl gegen mehrere Verteidiger behaupten musste.

Bevor es richtig los ging, war der Kader zusammen zu stellen. Gemeinsam mit Manager Michael Preetz haben wir in Düsseldorf Sami Allagui getroffen und ausführlich gesprochen. Wir haben ihm gesagt, was wir als seine Rolle sehen und wie der Kader insgesamt gestaltet werden soll. Das war ein offenes, gutes Gespräch. Und es hat glücklicherweise zu einer Verpflichtung geführt. Mit den anderen Neuen war das ähnlich, mit Peer Kluge, Marcel Ndjeng, Sandro Wagner, Ben Sahar. Wenn man sich nicht kennt, wie das bei Sami Allagui war, ist mir wichtig, dass man zwei mal in Ruhe ungestört miteinander reden kann. Beim ersten Mal haben wir uns in einem Hotel in Düsseldorf getroffen. Das zweite Gespräch hat im Olympiastadion stattgefunden, in einer VIP-Loge. Da bekommt der Spieler gleich einen Eindruck von seiner Arbeitsstätte. Ich finde das Olympiastadion auch im leeren Zustand beeindruckend. Das ist kolossal.

Dann ging die Saison los. Wir hatten eine bestimmte Strategie, dafür haben wir jeden Tag gearbeitet. Und bevor es gut wurde, war es richtig schlecht. Ich habe mich in 20 Jahren als Trainer selten mal so geärgert, wie beim 1:3 gegen den FSV Frankfurt. Nicht, weil wir verloren haben. Unter uns – ich kann nicht gut verlieren. Aber wir sind Profis, das gehört im Sport dazu. Ich weiß, dass man am Anfang einer neuen Saison etwas Geduld braucht, bis die Einzelteile zusammenpassen. Aber mich hat geärgert, dass ich in dem Spiel nichts von dem gesehen habe, was wir uns vorgenommen hatten. Ich habe der Mannschaft direkt nach dem Spiel in der Kabine gesagt, dass mir ihr Auftritt nicht gefallen hat, von der ersten bis zur letzten Minute nicht. Ich war da hart und emotional. Danach war die übliche Pressekonferenz, da war ich immer noch auf 180.

Wutrede als Initialzündung

Dieser Auftritt vor den Medien hat Auswirkungen. Weil das in den Berliner Zeitungen natürlich für einige Tage ein großes Thema war. Aber es war auch intern wichtig. Von heute aus betrachtet, am Ende der Saison, kann man sagen: Diese Wutrede war die Initialzündung, die die Mannschaft gebraucht hat, um aufzuwachen. Wir haben danach im Pokal bei Wormatia Worms, bei einem Viertligisten, verloren, das war sehr ärgerlich. Aber in der Liga kam dann eine Serie von 21 ungeschlagenen Partien. Von hinten heraus könnte man jetzt sagen: War also total richtig, was der Trainer da gemacht hat.

Doch um ehrlich zu sein: Ich kann nicht in die Zukunft gucken, ein Trainer ist kein Hellseher. Diese Aktion war nicht geplant, nicht aufgesetzt. Ich war damals nicht zufrieden. Meine Enttäuschung habe ich der Mannschaft mitgeteilt. Das war natürlich riskant, weil es erst der zweite Spieltag war. Aber ich wollte das Signal geben: So geht es nicht, wir müssen den anderen Weg einschlagen. Ich war selbst überrascht, wie positiv es dann in der weiteren Saison gelaufen ist.

Lesen Sie am Mittwoch Teil 2: Das Derby als Schlüssel zum Erfolg. Warum wir zunächst auswärts besser waren. Der Kampf um unsere Fans.