Wassersport

Kanute Groß will das Pech endlich hinter sich lassen

Berliner startet mit neuen Zielen in die Weltcup-Saison

Diese Tage wären perfekt. Sonne, Wärme. Oft hat Marcus Groß in diesem Jahr noch nicht auf seiner Ducati gesessen. Weil das Wetter nicht mitspielte. Ihm fehlen diese Ausritte ein bisschen. Und gerade jetzt, wo es schön ist, fehlt auch die Zeit dafür. Er ist dienstlich unterwegs, in Racice/Tschechien findet der zweite Weltcup der Kanuten statt; für den Berliner ist es der erste internationale Einsatz in dieser Saison. Wenigstens kommt ihm das gute Wetter auch auf dem Wasser gelegen.

Die Zeit für das Motorrad – ein Hobby, das die Trainer nicht so gern sehen – wird kommen. Marcus Groß nimmt sie sich. „Das ist meine erste nacholympische Saison. Ich will alles wesentlich entspannter angehen als im olympischen Jahr, wo alles nur auf Leistung getrimmt war“, erzählt der Köpenicker. Er führte als Schlagmann den Kajak-Vierer an in London. Die Vorbereitung darauf hat ihm viel abverlangt. Jeden einzelnen Tag war er angespannt, damit nur nichts schiefgeht. „Ich will jetzt drei, vier Gänge zurückschalten“, erzählt Groß. Er will das Privatleben wieder mehr genießen.

Natürlich bestimmt der Sport weiter seinen Alltag, aber nicht mehr um jeden Preis. Vor Olympia machte nicht nur der Körper Qualen durch, auch der Kopf. Er hat sich verrückt gemacht, wenn es mal nicht so lief. „Und alle um mich herum auch“, sagt er. Groß fühlt, dass das nicht gut ist. „Wenn man immer so verkrampft rangeht, würde ich das nur ein, zwei Jahre durchhalten. Danach wäre ich wohl ausgebrannt“, erzählt der 23-Jährige. Abschalten ist jetzt angesagt. Ein bisschen auch Verarbeiten. Und Vergessen.

Glück hat Groß zuletzt nämlich nicht viel gehabt. Drei Jahre lang saß er im Vierer, im Flaggschiff, führte es als Schlagmann an. Er trug Verantwortung. „Du musst viel im Kopf haben. Die Schlagzahl vorgeben, gucken, wie das Boot läuft. Du musst dich um viel kümmern, das Rennen gestalten“, sagt der Paddler vom RKV Berlin. Im entscheidenden Rennen zum Sieg führen konnte er das Boot aber nicht. 2010 wurde der K4 als großer Favorit WM-Vierter. Ein Jahr später erkrankte er am Finaltag – und die anderen wurden mit einem Ersatzmann Weltmeister. „Jeder hat gesehen, wie er darunter gelitten hat“, sagt der Berliner Kollege und mehrfache K4-Weltmeister Norman Bröckl. Bei Olympia sprang wieder nur Platz vier heraus.

„Nur“ – so dachte Groß anfangs. „Das war verdammt hart.“ Die ganzen Erfahrungen drumherum in London veränderten den Eindruck jedoch langsam, er lernte den vierten Platz schätzen. Weil er so viel erlebt hat. Jetzt ist auch vieles neu. Seine Herangehensweise etwa. Aber sonst ebenso. Er sitzt nun hinten im Boot, nicht mehr auf Schlag. In Racice paddelt er zudem im K2 über 1000 Meter. „Ich muss jetzt plötzlich machen, was der vor mir vorgibt und keine großen Entscheidungen mehr fällen“, sagt er. Nass wird er auch deutlich mehr.

Ihm tut das gut. „Da bekomme ich mal einen anderen Reiz und kann aus diesem alltäglichen Trott raus“, erzählt der Sportsoldat. Anfangs war er weiter für den Vierer eingeplant, auch hinten. Aber Testfahrten ergaben eine hoffnungsvolle Kombination mit dem Essener Max Rendschmidt (19), der erstmals zur A-Mannschaft gehört. Ob dieses Boot über die Saison bestehen bleibt, hängt von den Ergebnissen in Racice ab. Nicht nur von den eigenen, auch von denen der beiden deutschen Vierer. Der Wettkampf dient dazu zu prüfen, ob die Pläne der Trainer aufgehen.

Vielleicht ist der Platz im Zweier ja ein gutes Omen. In seinem ersten Jahr bei den Senioren paddelte Marcus Groß 2009 im K2 zu seiner bisher einzigen WM-Medaille. Er sehnt sich inzwischen nach neuem Edelmetall. Die Heim-WM in Duisburg wäre der perfekt Ort, das Pech hinter sich zu lassen. „Sonst macht man sich viele Gedanken. Und es fehlt auch Spaß, wenn man nur die anderen Medaillen gewinnen sieht“, sagt Groß. Das klingt danach, dass er Ende August doch wieder ein paar Gänge hochschalten wird. Und zwar nicht auf der Ducati.