Formel 1

Red Bull steht wegen Vettel vor der Zerreißprobe

Erfolgsteam droht Kontrolle über den Weltmeister zu verlieren

Ein Möbelhaus taugt selten als Kulisse für große Verschwörungen. Steht dieses Möbelhaus jedoch in Londons Nobelviertel Chelsea und empfängt scheinbar zufällig zur gleichen Zeit die beiden Formel-1-Hauptdarsteller Bernie Ecclestone und Christian Horner zur Besichtigung von Schränken und Sofas, reicht der Stoff für das schillerndste Motorsportgerücht der vergangenen Wochen. Red-Bull-Teamchef Horner habe sich dort, so trompeteten Englands Medien sofort, das Mobilar für sein Büro in der Zentrale des Formula One Managements (Fom) in London ausgesucht. Dort residiert derzeit zwar noch Ecclestone, dem droht nach Informationen der Süddeutschen Zeitung jedoch eine Anklage wegen Bestechung, die seine Herrschaft über die Königsklasse beenden könnte.

Wird Horner also sein Nachfolger als Formel-1-Maestro? Die Zeit bis zu seinem Dementi am Rande des Großen Preises von Spanien reichte gerade noch für hämische Witze über den zurückhaltenden Ex-Rennfahrer. „Wie soll der die Formel 1 im Griff haben, wenn er nicht einmal seine beiden Fahrer unter Kontrolle hat?“, zitiert Speedweek ohne Namen zu nennen aus dem Fahrerlager von Barcelona. Dann stellte Sebastian Vettels Vorgesetzter klar: „Ich bin nicht dafür gerüstet, den Job zu machen. Niemand kann das tun, was Bernie macht.“ Nach kurzem Zögern schob er nach: „Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich im Moment mache.“

Gute Laune ist nur noch Fassade

Diesen Zusatz brauchte es, denn von der vermeintlichen Zufriedenheit war zuletzt immer weniger zu spüren. Seit dem folgenschweren Grand Prix in Malaysia Ende März, bei dem Vettel bewusst den Befehl seiner Bosse ignorierte und an seinem Stall-Gefährten Mark Webber vorbei zum Sieg fuhr, ist nur noch wenig wie es war beim erfolgreichsten Formel-1-Rennstall der vergangenen Jahre. Es dröhnt zwar immer noch laute Musik aus der Red-Bull-Box. Die Hostessen tragen immer noch das breiteste Grinsen der gesamten Formel 1 in ihren makellosen Gesichtern, das Motorhome ist noch immer das protzigste. Und doch wirkt die gute Laune nur noch wie eine Fassade. Dahinter klaffen immer tiefere Risse.

„Es gab zwischen Mark und Sebastian immer schon Spannungen. In Malaysia ist das dann ein bisschen hochgekocht“, sagte Horner im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Das ist – gelinde gesagt – untertrieben. Aus dem Zwist, der seit einer Kollision beim Großen Preis der Türkei vor drei Jahren wie ein Schwelbrand vor sich hinglimmte, droht längst ein Flächenfeuer zu werden, das das gesamte Team erfassen könnte. Am Tag nach dem Rennen von Malaysia soll Teambesitzer Dietrich Mateschitz bei einer internen Besprechung mit den Verantwortlichen der Motorsportabteilung getobt haben. Warum nicht über den triumphalen Doppelsieg, sondern über den teaminternen Streit berichtet werde, soll er gebrüllt haben. Und: So etwas dürfe in Zukunft nie wieder vorkommen. Mancherorts wurde das sogar als verkappte Ausstiegsankündigung gewertet.

Dass der 68-Jährige sein teures, aber dennoch lukratives PR-Zugpferd ausmustert, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Stattdessen hat er den Druck, der konzernintern ohnehin als beträchtlich gilt, auf die Abteilung, die er jährlich mit mehr als 300 Millionen Euro unterstützt, noch einmal gesteigert. Teamchef Horner, dessen Autorität zuletzt am stärksten gelitten hat, sah daher die Zeit für ein Machtwort gekommen. „Die Fahrer sollen das tun, wofür wir sie bezahlen, nämlich Rennen gewinnen“, donnerte der britische Ex-Pilot in der „Welt am Sonntag“: „Es gibt jetzt eine klare Ansage an die beiden Piloten.“ Die übrigen Beteiligten hingegen schweigen. Der ansonsten so wortgewaltige Motorsportberater Helmut Marko hält sich auffallend zurück. Webber, ein offenherziger und freundlicher Mann, eilt mit verkniffener Miene umher und redet in der Öffentlichkeit nur noch, wenn es gar nicht anders geht. Auf dem Gruppenfoto anlässlich des Sieges beim Preis von Bahrain fehlte der Australier ebenso wie Marko. Von Feierlaune ist trotz Führungsplatzierungen in Fahrer- und Konstrukteurswertung nichts zu spüren bei Red Bull.

Das liegt vor allem an dem Mann, der auf dem Gruppenfoto von Bahrain neben dem Pokal saß. Mit seinem Manöver in Malaysia hat Vettel nicht bloß das Team brüskiert. Er hat es auch beim folgenden Grand Prix in China demonstrativ ins Leere laufen lassen, als er sagte, in Zukunft wieder so handeln zu wollen. Kurz zuvor hatte er seine Presserunde von 15 auf 30 Minuten verlängert. Er wollte seine Botschaft in aller Ausführlichkeit an den Mann bringen. Spätestens seither schwant Red Bull, dass sie dabei sind, die Kontrolle über den dreimaligen Weltmeister zu verlieren.