Abstiegskampf

„Sieg oder Sarg“

Mit Worthülsen und Sprechblasen kämpfen die Vereine gegen den Abstieg aus der Bundesliga

Es ist zum Totlachen, wie uns die Experten immer wieder erklären wollen, dass der Fußball erklärbar ist. Die abartigsten Erfolgsrezepte zählen sie auf, von der geschliffenen Taktik über die Einstellung bis zum Biorhythmus. Alles Blabla. Die Wahrheit ist: Glück hat am Ende nur der Glückliche – und es gibt einen, der am Glücksrad dreht.

Irgendwo da oben muss er sein, dieser unbekannte Drahtzieher, denn scharenweise starren und flehen die Fußballer dieser Tage senkrecht zu ihm hinauf. Gerade hat etwa Oliver Baumann, der Freiburger Torwart, in der letzten Minute einen eminent wichtigen Elfmeter pariert, vor Freude danach gegen den Pfosten getreten und nach dem Abpfiff, behaupten Lippenleser, den Blick nach oben gerichtet mit dem Kirchenlied auf der Zunge: „Großer Gott, wir loben Dich.“

Jedenfalls hebt und senkt da im Hintergrund einer ganz offensichtlich nach Lust und Laune den Daumen, lässt die Fußballer und uns Fans tanzen wie die Marionetten, sorgt dafür, dass der Ball unterwegs seine Flugbahn ändert oder vom Pfosten abprallt – und um sich auszutoben, sucht dieser allmächtige Oberschiedsrichter sich am liebsten die magischen Abende aus wie neulich in Dortmund, als er das Ding gegen Malaga noch umbog, indem er in der Nachspielzeit zu seinem pfeifenden Stellvertreter im Basislager des Stadions sagte: Wenn du noch irgendeinen Mist bauen willst, musst du es jetzt tun.

Am Ende, auf dem Höhepunkt der Torsch(l)usspanik, wird der Fußball immer weniger zurechnungsfähig, er spielt verrückt, so wie jetzt wieder in der Bundesliga. „Dieses Spiel hat mich ein paar Jahre gekostet“, verriet Schalkes Manager Horst Heldt nach dem jüngsten Flop gegen Stuttgart. Nun geht es in Freiburg um die Wurst am Millionentrog der Champions League, und so, wie Heldt ausschaut, ersetzt er die Mannschaftsärzte vorher noch durch Nervenärzte, um dem Herzschlagfinale Herr zu werden – oder sagen wir es mit Jermaine Jones, dem sogenannten Schalker Kampfschwein: „Jetzt brauchst du Eier.“

Noch schlimmer ist nur der Abstiegskampf. Hoffenheim? Augsburg? Düsseldorf? Für alle gilt, so der Fortune Oliver Fink: „Sieg oder Sarg.“ Etwas menschlicher sagt es Frontkamerad Axel Bellinghausen: „Jetzt heißt es Arschbacken zusammenkneifen.“ Die Bremer sind diesem Teufelskreis gerade noch entronnen. Trainer Thomas Schaaf ist heilfroh, dass er diese Woche nicht mehr all das tun muss, was die anderen drei Kollegen vor ihrem abschließenden Spiel aller Spiele tun müssen: Glücksmünzen verbuddeln, Handauflegen, Kamingespräche führen, andere Saiten aufziehen, die Pflegefälle an ihrer Ehre packen, Wut- und Brandreden halten und unsägliche Durchhalteparolen klopfen. „Ich brauche jetzt Kerle, die die Kiste aus dem Dreck holen und den Kopf nicht in den Sand stecken“, haut Meier in Düsseldorf die Dinger nur so raus. Das wird jetzt vollends die Trainerwoche der Phrasendrescher, sie geben Vollgas mit Worthülsen und Sprechblasen, die aufgepumpt sind mit heißer Luft.

Die Hoffenheimer? Sie haben keine Chance mehr, klammern sich aber gewaltig an die alte Bauernweisheit: Das Glück ist ein Rindvieh und sucht seinesgleichen. „Im Fußball ist alles möglich“, sagt Trainer Markus Gisdol und hofft, dass Pfingsten diesmal mit Weihnachten und Ostern zusammenfällt und es zugeht wie im finalen Inferno des historisch wertvollen Abstiegskampfes anno 98/99 – bei den Liveschaltungen sind damals mindestens fünf Reportern in jenen Schlussminuten die Haare ausgefallen, Stimmen haben sich überschlagen, haben versagt. „So ein letzter Spieltag“, weiß Gisdol seither, „hat immer einen besonderen Charakter.“

Wegen dem da oben.

Der braucht diesen finalen Thrill offenbar wie ein Süchtiger, um sein Spiel auf die Spitze zu treiben – und die Saison notfalls auch noch in den Wahnsinn der Nachspielzeit. Die Schalker sind deshalb jetzt so nervös, weil sie den Schabernack dieses Allmächtigen da oben schon zur Genüge kennen, er hat sie anno 2001 zum trostlosen „Meister der Herzen“ gemacht.

Nein, gegen diesen Fußballverrückten da oben ist kein Kraut gewachsen, als höhere Macht hockt er irgendwo hinter Wolke sieben vor seinem Flachbildschirm, beeinflusst noch in der letzten Sekunde der Nachspielzeit die Flugbahn eines Flatterballs und klopft sich auf die Schenkel oder hält sich wiehernd den Bauch wegen all der Experten, die meinen, sie könnten den Fußball erklären – oder sagen wir es mit Günter Netzer: „Ein dummes Tor ist besser als die beste Taktik.“

Vor allem am letzten Spieltag.