Segelsport

Dem Spektakel geopfert

Der America’s Cup setzt auf Katamarane, die kaum beherrschbar sind. Nun gab es mit Olympiasieger Simpson den ersten Unfalltoten

Er soll ein Spektakel werden, wie es der Segelsport noch nicht gesehen hat. Mit drastischen Regeländerungen wollen die Organisatoren den America´s Cup, die traditionsreichste Segelregatta der Welt, im Jahr 2013 auch für Nichtsegler interessant machen. Rennen direkt vor der Küste San Franciscos soll es mit Beginn der Herausforderer-Serie ab 7. Juli geben, dazu verengte Bahnen.

Russell Coutts gilt als bester Segler der Welt, er ist Skipper beim Oracle Team USA. Als Cup-Verteidiger bestimmt Oracle zumindest zu einem Teil die Regeln, nach denen dann Anfang September um die Trophäe gesegelt wird. Früher, sagte Coutts vor einer Weile, seien Match Races, die Duelle eins gegen eins, „Wasserschach“ gewesen. „Jetzt werden wir Wasserblitzschach erleben.“ Mit über 80 Stundenkilometern rasen die Hightech-Boote aus Karbon über die Wellen.

Unter Wasser eingeklemmt

Jetzt allerdings dokumentiert auf der Internetseite des America's Cups ein Schwarz-Weiß-Foto den Gefühlszustand der Segelgemeinde: Dunkle Wolken hängen über der Golden Gate Bridge. Es war kein Duell eins gegen eins, bei dem ein Segler in Kalifornien starb, es war eine gewöhnliche Trainingseinheit, elf Crew-Mitglieder waren an Bord eines AC-72-Katamarans. Andrew Simpson (36) bereitete sich in der Bucht von San Francisco auf die Rennen im Juli vor. Nördlich der künstlichen Insel Treasure Island kenterte das Boot. Der Brite Simpson befand sich im hinteren Teil des Schiffes, wo die Katapultwirkung am größten war, als das Schiff mit den Bugspitzen im Wasser abstoppte und sich dann überschlug. Simpson war etwa zehn Minuten unter dem Katamaran eingeklemmt. Zwar sind die Segler mit Helmen, Messern und kleinen Sauerstoffgeräten unterwegs. Simpson konnte die Sicherheitsausrüstung aber nicht retten. Nach seiner Befreiung versuchten Rettungskräfte noch, ihn wiederzubeleben, sie brachten ihn in den St. Francis Yacht Club. Dort starb Simpson, Olympiasieger 2008 in Peking, Sibermedaillengewinner bei 2012 in London und Weltmeister 2010.

Simpson kam ums Leben bei der Sache, die er am liebsten machte, Olympiasegler verbringen mehr Zeit auf dem Wasser als an Land. Aber die AC-72-Katamarane sind größer als alle Boote bei Olympia, über sechs Tonnen schwer, Segelfläche: 260 Quadratmeter. Wer mit einer AC 72 kippt, kann aus einer Höhe von 22 Metern abstürzen – und natürlich unter das riesige Segel geraten. Mit den Booten ist man mitunter doppelt so schnell unterwegs, wie der Wind weht. Sie gelten als besonders sportlich, aber auch besonders anspruchsvoll, selbst für Spitzensportler. Wer sich auf solche Rennmaschinen setzt, sollte keine Angst haben. Er darf sie auch nicht haben.

Vor Simpson, der auf dem Boot die Rolle des Teamstrategen inne hatte, war bereits Martin Wizner 1999 bei einem Trainingsunfall ums Leben gekommen. Ist es das, was Larry Ellison vom Team Oracle, dem Titelverteidiger, wollte? Der letzte Sieger richtet immer das nächste Rennen aus, Software-Milliardär Ellison wählte auch die Bootsklasse. Er wollte die Formel 1 des Segelsports mit den ultraschnellen Booten kreieren. Und wurde unter anderem deswegen von Ernesto Bertarelli aus der Schweiz (Alinghi) heftig kritisiert. Die Modalitäten, nach denen um den Cup gesegelt wird, wurden vor einem Gericht entschieden. Die Nörgler, die Kritiker, die zu viel Spektakel und zu wenig Sicherheit sahen, haben vermutlich Recht behalten. „Das ist eine schockierende Erfahrung, die wir nun durchmachen. Unser gesamtes Team ist zutiefst erschüttert, unser Beileid von Herzen für Andrews Frau und seine Familie“, sagte Paul Cayard, CEO von Artemis Racing. Simpson war wegen seines ausgeprägten britischen Humors in Seglerkreisen besonders beliebt. Weinend versammelten sich die anderen Crew-Mitglieder in der Teambasis in Alameda. Verletzt wurde bei der Havarie auch der Neuseeländer Craig Monk. Er zog sich Verletzungen im Nackenbereich zu, die aber nicht lebensgefährlich sind. Monk, 1995 Cup-Gewinner mit Neuseeland, wurde in ein Krankenhaus von San Francisco gebracht.

Das Boot sollte fliegen lernen

Ob und wie die Mannschaft des schwedischen Millardärs Torbjörn Tornqvist ohne Simpson weitermacht, ist unklar. Erst einmal ist nun Ursachenforschung angesagt. Ein Grund ist wohl, dass Artemis sich nach einem Probetraining mit Oracle vier Monate vor dem Cup-Start zu einem radikalen Umbau entschied, weil ihr Boot die neue Segeltechnik „Foilen“ im Vergleich zur Konkurrenz nicht gut genug beherrschte. Mit „Foilen“ ist das Fliegen auf L-förmigen Tragflächen-Schwertern am Rumpf gemeint, dessen Gewicht wird dabei aus dem Wasser gehoben und so der Verdrängungswiderstand stark verringert.

„Wir haben es falsch gemacht", gab CEO Cayard damals zu und ließ Schwerter, Schwertkästen und Ruder neu konstruieren. Laut dem Fachmagazin „Yacht“ hatte noch nie ein Herausforderer so kurz vor dem Cup eine Fehlkonstruktion zugegeben. Der Zeitdruck für Korrekturen war da schon groß, für den erst im Febraur angeheuerten Simspon nun sogar tödlich. „Der Cup wird ein Spaß“, hatte Simpson beim Einstieg getwittert. Ein tödlicher Irrtum.