Leichtathletik

Marzahn vor Augen, Moskau im Sinn

Vor fünf Jahren beinahe Sportinvalide, träumt der Berliner Dennis Krüger nun vom WM-Start

Nein, schrie Dennis Krüger den Arzt an. Nein, das sehe ich nicht ein. Soeben hatte ihm der Doktor eröffnet, dass er nach einem komplizierten Patellasehnenabriss wohl nie wieder normal würde gehen können – geschweige denn Leistungssport betreiben. Das war 2008. Für den damals 15-Jährigen Dennis Krüger war die Diagnose ein Schock. Er spielte zu jener Zeit noch Fußball und durfte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Profikarriere machen. Diesen Traum musste er nach der Knieverletzung begraben. Doch er wollte weiter sportlich aktiv sein und fand nach der Reha in der Leichtathletik eine Alternative. Mittlerweile gehört er dort über 800 Meter zu den besten Läufern in Deutschland.

Am Sonntag startet Krüger in Marzahn beim Berliner Läufermeeting (14 Uhr, Allee der Kosmonauten) in die Freiluftsaison. Nach dem ISTAF ist es die vielleicht bestbesetzte Leichtathletik-Veranstaltung in der Stadt, bei der laut Veranstalter mit Carsten Schlangen (Berlin), Antje Möldner-Schmidt (Cottbus) und Diana Sujew (Hamburg) auch drei EM-Teilnehmer des Vorjahres an den Start gehen werden. „Für mich ist es eine erste Standortbestimmung“, sagt Dennis Krüger, der über die 600-Meter-Distanz seinen dritten Sieg in Serie anstrebt. Die Verfassung dafür hat er: „Im Training fühlt es sich zwar manchmal ziemlich langsam an, aber die Zeiten sprechen eine andere Sprache“, erzählt der junge Mann vom LAC Berlin, und ergänzt: „Besser so als andersherum.“

Parallelen zu Nils Schumann

In der Hallensaison hatte sich Dennis Krüger rar gemacht. In der Schule standen die Abiturprüfungen an, hinzu kamen kleinere Verletzungen von der Wade bis zum Rücken. Lediglich bei einem Staffelrennen ging er an den Start, doch selbst dort lief er weitestgehend inkognito, weil ihn der Stadionsprecher als Ralf Krüger ankündigte. Bereits im verherigen Winter hatte Krüger auf Wettkämpfe verzichten müssen, dann aber im Sommer umso mehr den Turbo gezündet. Als erster Deutscher seit Nils Schumann 1996 erreichte der Berliner das Finale einer Junioren-WM. Im Endlauf in Barcelona steigerte er seine Bestzeit um mehr als zwei Sekunden auf 1:46,92 Minuten. „Ich habe bewiesen, dass wir Deutschen auch 800 Meter laufen können“, sagte Krüger danach.

Zu Nils Schumann gibt es noch weitere Parallelen. Genau wie einst der Olympiasieger von 2000 kann sich auch Krüger auf seinen famosen Endspurt verlassen. Bei den Deutschen Meisterschaften 2012 in Wattenscheid sprintete er auf der Zielgerade von ganz hinten noch zur Bronzemedaille, seinem ersten Edelmetall bei den Erwachsenen.

Mit seinen Erfolgen hat der Schüler auch den Ruhestand seines Trainers auf unbestimmte Zeit verschoben. Hansi Stephan ist nicht mehr der Jüngste und wollte sich im vergangenen Herbst eigentlich aus dem Geschäft zurückziehen. Nach der Leistungssteigerung seines Schützlings hat er diesen Plan allerdings noch einmal vertagt. Gemeinsam peilen die beiden in diesem Jahr zunächst die Teilnahme an den U23-Europameisterschaften in Finnland an. Doch Dennis Krüger hat noch ein anderes Ziel vor Augen: die Weltmeisterschaften im August in Moskau. „In meinem Hinterkopf spukt die WM herum“, sagt er. „Ich bin dran am Hacken der anderen deutschen Läufer.“

Von der Norm von 1:45,30 Minuten ist der Berliner zwar noch ein ganzes Stück entfernt, doch die Chance auf die WM-Qualifikation ist da, zumal die Doppelbelastung aus Schule und Sport ein Ende hat. Im April hat Krüger die letzten Prüfungen geschrieben und kann sich nun voll auf das Laufen konzentrieren. „Gut möglich, dass ich jetzt nochmals einen Schub bekomme.“